Heißt das im Umkehrschluss, ich muss Sarrazins Buch kaufen, gleichsam als Lizenz, um mitreden zu dürfen. Dahinter könnte man beinahe eine perfide Verkaufsstrategie vermuten. Deshalb: Nein, man muss nicht jeden Blödsinn kaufen und von der ersten bis zur letzten Seite lesen, um sich eine kritische Meinung dazu leisten zu dürfen. Die Kenntnis von Schlüsselsätzen reicht dafür völlig aus.
Gerechtfertigt wird die Verbreitung des großen Haufens Blödsinn jeweils mit dem Körnchen Wahrheit, das sich darin befindet. Im Falle von Sarrazins Deutschland-Abschaffung war das der Umstand, dass die Probleme einer multikulturellen Gesellschaft in Deutschland zu lange gewissermaßen folkloristisch verklärt werden. Bei seinem Anti-Euro Buch dürfte dieser wahre Kern (Untertitel: „Wie uns politisches Wunschdenken in die Krise geführt hat“) darin bestehen, dass in der Kindheits- und Jugendphase der gemeinsamen Währung Europas Fehler gemacht worden sind, die sich jetzt rächen.
Wow. Gut, dass wir unsern Thilo haben. Und schlecht, dass Helmut Kohl und nicht er damals die Geschicke unseres Landes gesteuert hat.
Am Mittwoch dieser Woche hat Sarrazin schon mal ein bisschen auf die Pauke gehauen, damit sich wieder alle an erinnern. Als eine Art Vorgeschmack auf sein Buch hat er bei einer Veranstaltung in Berlin das Ende der DDR als „Notschlachtung“ bezeichnet: „Es war eine Notschlachtung, so wie die Schweine damals gekeult wurden, die keiner mehr essen wollte.“
Herrje, was soll man dazu sagen, ohne seufzend den aktuellen Buchtitel zu variieren: Deutschland braucht den Thilo nicht.
Man möchte verzweifeln. Aber vielleicht erwächst das Rettende ja auch just aus Sarrazin selbst. Denn der frühere Berliner Finanzsenator wendet das einzige Mittel an, das gegen Sarrazin hilft: Im Überschwang seines Bedeutsamkeitsgefühls zu überdrehen und sich der Lächerlichkeit preiszugeben.
Das Ende der DDR eine Notschlachtung? Seit Mittwoch ist der Rechthaber Sarrazin auf einem guten Weg, zum Karl Dall des deutschen Politikbetriebs zu werden.
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zu diesem Thema lesen Sie in der Mai-Ausgabe des Cicero zum Thema
"Republik der Rechthaber - Moral-Standort Deutschland".







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