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Berliner Republik

Sympathiedellen und ChancenDie Folgen der Saarland-Wahl

Von Manfred Güllner5. April 2012
picture alliance
Saarland, Wahl, FDP, Piraten, Jamaika, Koalition
Es sieht zwar nicht so aus, aber die Bundesbürger zeigten Interesse bei der Wahl im Saarland
Schrift:

Die Saarland-Wahl hat gezeigt, dass die Bundesbürger das politische Geschehen in Deutschland aufmerksam verfolgen. Dabei kassierte die FDP ein paar Sympathiedellen, während die Piraten derzeit ihre Chancen stabilisieren

Wie immer zeigte sich auch am Beispiel der Landtagswahl im Saarland, dass die Bundesbürger das politische Geschehen recht aufmerksam verfolgen und keinesfalls – wie selbst manche Vertreter der Zunft der Meinungsforscher in unverantwortlicher Weise immer wieder behaupten – politisch desinteressiert sind. So war der Ausgang der Wahl in dem nach Bremen kleinsten Bundesland an der Saar am Tag nach der Wahl für 35 Prozent aller Bundesbürger sogar das wichtigste Thema. Und wie immer konnte registriert werden, dass Ergebnisse von Wahlen – anders als die Ergebnisse von Umfragen – Einfluss auf die Meinungsbildungsprozesse der Bürger haben.

Eine „Saarland-Delle“ war bei der Parteipräferenz in der Woche nach der Landtagswahl vor allem bei der FDP zu registrieren, die sich durch den für sie positiven „Lindner-Effekt“ auch bundesweit leicht erholt hatte und zum ersten Mal seit vielen Monaten wieder 4 Prozent erreichte. Unmittelbar nach der Wahl im Saarland mit dem für die Liberalen desaströsen Ergebnis von 1,2 Prozent ging auch bundesweit der FDP-Wert wieder deutlich zurück. Die FDP kam am Montag, Dienstag und Mittwoch der letzten Woche nur noch auf 2 Prozent. Für die FDP gab es also nach dem extrem schlechten Abschneiden bei der Saarland-Wahl eine auch bundesweit zu registrierende Sympathiedelle.

Allerdings wurde dieser zunächst zu registrierende Sympathierückgang Ende der Woche durch die Haltung der FDP bei der Frage, ob der Staat dem insolventen Unternehmen Schlecker eine Bürgschaft gewähren sollte, wieder ausgemerzt. Die Weigerung der FDP, diese Bürgschaft zu gewähren, hat ihr nämlich nicht nur nicht – wie von vielen Beobachtern vorschnell gemutmaßt – geschadet, sondern sogar genutzt: Am Ende der vergangenen Woche kletterte der FDP-Wert bundesweit wieder auf 4 Prozent und erreichte damit das Niveau vor der saarländischen Landtagswahl.

Eine Bürgschaft für Schlecker lehnt im übrigen – ebenfalls anders als von einigen vermutet – die Mehrheit von 60 Prozent aller Bundesbürger ab. Der Anteil derer, die eine staatliche Bürgschaft für insolvente Unternehmen wie Schlecker ablehnen, ist somit noch größer als der Anteil derer, die einer Bürgerschaft für insolvente Staaten wie Griechenland skeptisch gegenüberstehen (das tun 54 %). Und bei den potentiellen FDP-Anhängern kam die harte Haltung der FDP sogar recht gut an: 92 Prozent der FDP-Anhänger lehnen eine Bürgschaft für Schlecker ab.

Während für die FDP als Folge der Saarland-Wahl zunächst eine Sympathiedelle zu registrieren war, war für die Piratenpartei nach ihrem Einzug in den Landtag von Saarbrücken auch bundesweit ein deutlicher Sympathiezuwachs zu verzeichnen: Ihr bundesweiter Präferenzwert kletterte in der Woche nach der Saarland-Wahl um 5 Prozentpunkte von 7 auf 12 Prozent.

Durch diesen Zuwachs der Piraten war bei Union, SPD und Grünen jeweils ein Rückgang der Präferenzwerte um jeweils einen Prozentpunkt zu beobachten (die Union ging von 36 auf 35, die SPD von 26 auf 25 und die grüne Partei von 14 auf 13 Prozent zurück). Dies bestätigte die schon vor der Wahl im Saarland zu registrierende Tendenz, dass die Piraten unzufriedene Wähler aller Parteien anziehen und nicht einer Partei alleine besonders schaden.

Es wird abzuwarten sein, wie lange dieser Höhenflug der Piraten anhält. Doch die Chancen der Piraten, nunmehr auch bei den bevorstehenden Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen in beide Landtage einziehen zu können, sind mit dem Ergebnis im Saarland deutlich gestiegen. Und bundesweit können sich die Piraten durchaus auch Hoffnung machen, bei der Bundestagswahl im Herbst 2013 über die Fünf-Prozent-Marke zu kommen und somit im Bundestag vertreten zu sein. Sie sind nämlich so etwas wie eine Volkspartei in Mini-Format. Die Sympathisanten der Piraten entstammen nicht – wie es bei Klientelparteien wie der FDP, den Grünen oder der Linkspartei der Fall ist – einer homogenen Wählerschicht, sondern kommen – wie es bei den beiden „großen“ Volksparteien CDU/CSU und SPD der Fall ist – aus allen Bevölkerungs- und Wählerschichten. Darin liegt ihre augenblickliche Stärke und das stabilisiert ihre Chance, 2013 auch in den Bundestag zu kommen.

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Dem Zuspruch für die Piraten

Dem Zuspruch für die Piraten steht eine krasse Ablehnung der etablierten Parteien durch viele Wählerinnen und Wähler gegenüber.
Solange die Alt-Parteien den vielfach nicht zu widerlegenden Eindruck vermitteln, ihnen gehe es nur um Posten und Privilegien, solange werden neue Parteien wie die Piraten Aufschwünge erleben - und dies zu Recht.
Die Linke, im Oskar-Lafontaine-Saarland ausgenommen gut aufgestellt, hat es offenbar nicht verstanden, ihre Wahlziele und ihre Vorstellungen von einer sozial-gerechten Politiik "unters Volk zu bringen". Deshalb der Abwärtstrend.
Erschreckend ist für mich, daß sich die Parteivorstände der beiden sogenannten Volks-Parteien CDU und SPD offenbar keine Gedanken über die abnehmenden Sympathiewerte machen.
Bei einer Wahlbeteiligung von gerade mal 60 Prozent und einem 30-prozentigen Stimmenanteil kann von "Volkspartei" wohl keine Rede mehr sein.
Aber dies interessiert die Regierenden scheinbar so lange nicht, wie sie regieren bzw. mitregieren dürfen.
Eine "Demokratie mit Dellen" ? Ja, eine strauchelnde Demokratie, die hoffentlich nicht alsbald gänzlich zu Fall kommt!

  • Antworten
Yvonne Walden05.04.2012 | 13:04 Uhr

Die Folgen der Saarland-Wahl

Sehr geehrter Herr Güllner,

warum dieser Artikel? Wäre eine Befassung mit den realen Wahlergebnissen, als solchen, welche die Wahlbeteiligung berücksichtigen, nicht zweckmäßiger?
Zur Wahl im Saarland (gilt prinzipielle auch für andere Bundesländer), gelten - berücksichtigt man den Art. 20 Abs. 2 GG - folgende Merksätze:

(Merksatz 1)
Bei jeder Art von Wahl steht am Schlusse die Entscheidung: JA oder NEIN.
Zu beachten ist: Ein NEIN kann auch das gesamte Angebot treffen.

(Merksatz 2)
Nur der Wille aller Wahlberechtigten bildet den Willen des Volkes ab, von dem alle Staatsgewalt ausgeht.

Die Folgen der bisherigen irrealen Wahl-„berechnung“ sind enorm, was bei abnehmender Wahlbeteiligung besonders deutlich wird: Selbst bei nur fiktiven 40 % oder gar 20 % Wahlbeteiligung – im Saarland waren es 61,6 % - wird der Art „gerechnet“, als ob alle Wahlberechtigten ihr Kreuz auf ihrem Wahlzettel hinterlassen hätten. Aus 20 % oder 40 % – um beim Beispiel zu bleiben – werden 100 % oder, wie jetzt im Saarland, rs werden aus 61,6 % satte 100 %.
Nachstehend seien die so gewonnen irrealen Wahlergebnisse aus der Landtagswahl des Saarlandes 2012, den realen gegenüber gestellt (nur die ersten fünf Parteien):

Vorläufiges Endergebnis
Landtagswahl Saarland
25.03.2012
Wahlbeteiligung 61,6 %
____________________________
Parteien irreal real
% %
_____________________________
CDU 35,2 21,68
SPD 30,6 18,85
DIE LINKE 16,1 9,92
PIRATEN 7,4 4,56
Grüne 5,0 3,08

Die irreale Wahl-„berechnung“ hat auf Dauer erhebliche, die Demokratie langsam aber sicher zerstörende Wirkungen. Diese Zerstörungen sind seit langem gut erkennbar. Die irreale Berechnung missachtet das Mehrheitsprinzip, das eines der grundlegenden Rechtsstaatsprinzipien in einem demokratischen Staate ist.

Mit freundlichem Gruß

Bert Steffens
Freier Philosoph
Andernach

  • Antworten
Bert Steffens05.04.2012 | 14:00 Uhr

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