Vor wenigen Wochen wurde die blutigste Terrorserie seit Bestehen der RAF entlarvt. Konsequenzen? Aufarbeitung? Fehlanzeige. Statt dessen übt sich Deutschland in Selbsttäuschung.
War da was? Ach ja, eine Art Petitesse. Vor wenigen Wochen wurde, eher per Zufall, eine rechtsextreme Terrorzelle mit dem klingenden Namen Nationalsozialistischer Untergrund enttarnt. Jahrelang waren junge Menschen aus dem Osten Deutschlands durchs Land gezogen und hatten wahllos Menschen mit Migrationshintergrund hingerichtet. Schneider, Blumenverkäufer, Kioskbesitzer – Menschen, die ihrer Arbeit nachgingen und unglücklicher Weise zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Einzig ihre Herkunft besiegelte ihr Schicksal.
Zehn Taten. In zehn Jahren. Die blutigste Terrorserie seit Bestehen der RAF. Rassismus und Fremdenhass, die vor Jahren in Rostock und Mölln noch vor aller Augen gewütet hatten, galten vielen seither als überwunden, das Land des Holocausts galt als „clean“, als nicht mehr infiziert mit dem Virus menschenverachtender Ideologie. Dass seit der Wende mehr als 180 Menschen aus Fremdenhass heraus getötet wurden – diese Tatsache war im öffentlichen Bewusstsein nicht verankert. Und so war das allgemeine Entsetzen groß, als sich im Herbst 2011 offenbarte, mit welcher Brutalität rechte Extremisten hierzulande unentdeckt gewütet hatte. Es folgten Schockstarre, Ergriffenheit und, wenn auch reichlich spät, Solidaritätsbekundungen mit den Opfern.
Und nun: Funkstille.
Stellen wir uns vor: Nicht Zuwanderer wären auf perfideste Art und Weise getötet worden, sondern Banker und Industrielle, die vermeintlichen Eliten dieser Republik. Machen wir uns nichts vor: Der Aufschrei wäre ungleich hysterischer, der Nachhall ungleich lauter gewesen. Derartige Taten hätten die Republik eruptiv verändert. Aber der Mord an zehn Ausländern?
Längst sind nicht alle Details der braunen Mordserie aufgeklärt – die Verstrickung dutzender V-Leute wie auch die nebulösen Vorgänge im Thüringer Verfassungsschutz liegen weiter im Dunkeln – , und schon ebbt die eben noch durch Superlativen getragene Aufmerksamkeitswelle ab. Zwar tagt in Thüringen lustlos eine Untersuchungskommission – die Ergebnisse bislang: allenfalls dünn-, zwar visieren Vertreter aller Parteien im Bundestag einen Untersuchungsausschuss an, zwar berichten einige Medien dann und wann über das klandestine und womöglich auch kriminelle Innenleben einer entweder außer Kontrolle geratenen oder komplett unfähigen Staatsinstitution namens Geheimdienst. Und auch der angeschlagene Bundespräsident liefert noch ein paar erinnernde Worte. Doch darüber hinaus? Die umfassende Aufarbeitung der Taten, die große Lehre, die Politik und Gesellschaft aus der Terror-Causa ziehen würden, gar Konsequenzen - sie sucht man vergeblich.
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