Dieter Wonka - Der Mann mit den Fragen

Er belästigte Kohl, triezte Schröder, er nervt Merkel. Regierungen wechseln, aber der Journalist Dieter Wonka bleibt: Er ist Berlins erstaunlichster Zeitungskorrespondent 

Dieter Wonka beim Gespräch
Götz Schleser für Cicero

Autoreninfo

Georg Löwisch war bis 2015 Textchef bei Cicero. Am liebsten schreibt er Reportagen und Porträts. Zu Cicero kam er von der taz, wo er das Wochenendmagazin sonntaz gründete. Dort kehrte er im Herbst 2015 als Chefredakteur zurück.

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Für eine seiner ersten Fragen bekam Dieter Wonka eine gescheuert, dass er gegen die Tür flog. Er war zehn oder elf und erkundigte sich im Religionsunterricht, warum der Herrgott allmächtig sei. Der Lehrer schlug zu, sein Schüler trug eine Platzwunde am Kopf davon.

Den Drang zu fragen behielt er. Vielleicht baut sich ein großes Verlangen nach Antworten erst richtig auf, wenn es unterdrückt wird. Bei Wonkas zu Hause waren Nachfragen ebenfalls unerwünscht. Die Familie lebte in Neugablonz, einem Stadtteil von Kaufbeuren im Allgäu. Auf dem ehemaligen Gelände einer Sprengstofffabrik hatten sich nach dem Krieg vertriebene Sudetendeutsche angesiedelt, darunter die Wonkas. Der Vater fuhr die Waren einer Drogerie aus, die Mutter war Hausfrau. Die Welt von Neugablonz war eng. Wonka sagt heute: „ein braunes Dorf“. Dieter, das mittlere von drei Kindern, büffelte sich von der Realschule auf die Fachoberschule. Nachmittags zeichnete er gerne Baupläne für Fantasieflugzeuge. Er wollte weg.

Heute ist Wonka 59 Jahre alt, verheiratet, Vater von zwei Kindern. Er berichtet als Korrespondent der Leipziger Volkszeitung aus Berlin. Würde man die Fragen zählen, die ein Journalist in der Hauptstadt Politikern stellt, überträfe niemand diesen Mann. Er ist Kohl lästig gefallen, hat Schröder getriezt, er geht Merkel auf den Geist. Schäuble wurde schwach und wieder stark, Fischer dünn und wieder dick, Wonka fragte.

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Manchmal will er seltsame Dinge wissen, neulich zum Beispiel ließ er in der Regierungspressekonferenz die fünf Sprecher der FDP-Minister einzeln aufdröseln, welche Termine ihre abgewählten Chefs noch absolvieren. Bei jedem anderen Korrespondenten dächte man, er wäre durchgeknallt. Bei Wonka gäbe es zur Sorge Anlass, wenn er in der Bundespressekonferenz säße und schwiege.

Dass er unter den Berliner Journalisten auffällt, erzählt auch etwas über die politische Kultur der Hauptstadt. Die öffentlich vorgetragene Frage ist in Berlin gar nicht selbstverständlich. Die Politiker wählen unter den konkurrierenden Journalisten aus, wem sie ein Interview gewähren. Sie überlegen, ob ihnen Fragesteller und Fragestellung passen. Das ist Macht: Wer über die Fragen entscheidet, entscheidet über die Agenda. Für Pressekonferenzen bleibt nicht viel, sie veröden. Manchmal schurigeln Politiker Korrespondenten sogar: „Diese Frage stellt sich nicht.“ Bisweilen schauen die anderen Journalisten den Kollegen dann mitleidig lächelnd an: War doch klar, du Depp, dass der darauf nicht antwortet.

Die Korrespondenten der großen Magazine fragen nicht auf offener Bühne, um der Konkurrenz nicht zu verraten, was ihre nächste Story ist. Die Leute von den kleinen Zeitungen kämpfen mit dem Problem, dass ihre Redaktionen der Politik zu wenige Zeilen einräumen, um erfragte Details überhaupt unterzubringen. Wer unter Zeitdruck steht, schaut sich Pressekonferenzen gleich am Bildschirm an. Aber einer fragt immer. Wonka.

Dienstagfrüh, 24. September, Tag zwei nach der Wahl. Draußen ist es nasskalt. Drinnen nimmt Wonka Fahrt auf. Er rollt im Drehsessel an den Schreibtisch, steckt das Smartphone ins Ladekabel, gießt sich Kaffee aus einer Thermoskanne ein. Gestern hatte er einen desolaten FDP-Minister am Telefon, er interviewte Schäuble und frotzelte abends mit Gabriel. Gestern war gut. Heute wird auch gut. „Ich finde, wir könnten mehr Politik machen“, sagt er am Telefon dem Redakteur in Leipzig. „Weil jetzt politische Zeiten sind. Die Grünen kippen reihenweise vom Schafott.“

Er federt aus dem Sessel, öffnet die Tür, seine Assistentin schaut hoch. „Kannst du bitte die Hilde Mattheis anfragen?“, ruft er. Er braucht die SPD-Linke für die „Drei Fragen an …“, das ist Wonkas Paraderubrik.

Andere Korrespondenten konzentrieren sich auf bestimmte Parteien oder Ressorts. Der Madsack-Konzern, zu dem neben der Leipziger Volkszeitung Blätter von Hannover über Potsdam bis Rostock gehören, beschäftigt inzwischen 15 Journalisten in einem gemeinsamen Berliner Büro. Es soll Synergien erzeugen, ihre Texte erscheinen in allen Madsack-Zeitungen. Aber Wonka ist für alles zuständig geblieben, als müsste er verhindern, dass Langeweile in sein Leben sickert.

10.39 Uhr: Wonka tippt den Einstieg für einen Grünen-Text. 10.40 Uhr: Er ruft vom Smartphone Boris Palmer an, den grünen Oberbürgermeister von Tübingen. Mailbox. 10.41 Uhr: Grünen-Text. 10.42 Uhr: „Kannst du mal gucken, ob der Boris Palmer zu sprechen ist?“, bittet er die Assistentin. „Vielleicht ist er ja im Amt.“ Um 10.46 Uhr zirpt das Smartphone. „Ah, Genosse Palmer! Hahaha. Schön, dass Sie …“ Palmer ist auf dem Rad unterwegs, eigentlich hat er keine Zeit. „Der Dicke versucht seit Tagen, mit mir zu reden“, verkündet Wonka. Er meint Fischer. „Jetzt schreib’ ich eine Geschichte über die nächste Bundestagsvizepräsidentin.“ Claudia Roth. Man hört Palmer lachen. „Ihre Zeit kommt jetzt!“, ruft Wonka nach Tübingen. Der Grüne verspricht, vom Rathaus zurückzurufen.

Wonka lockt. Schmeichelt. Ködert. Reizt. Verwirrt. Er nutzt alle Spielarten des Fragens. Herr Schäuble, wer steht eigentlich in der CDU noch personell für die Zukunft, nachdem die Geheimwaffe Peter Altmaier aufgebraucht ist? Herr Gabriel, mit welchem Flügel der Linkspartei will die SPD des Sigmar Gabriel im Falle eines Falles koalieren? Frau Kipping, beschreiben Sie mal den Erfolg der Linkspartei – den Erfolg der Westausdehnung! Frau Merkel, ist Peer Steinbrück seriöser für Sie oder Sigmar Gabriel oder sind beide einfach doof?

Seit 2010 hat er auch ein Videoformat. „Madsack im Gespräch“ läuft auf den Online-Angeboten der Zeitungen. In seinem Studio fragt er sehr direkt. Dagegen klügelt er die Fragen in Pressekonferenzen oder Hintergrundkreisen mehrstufig aus, als wollte er in den Hirnen der Politiker kleine Infarkte erzeugen. „Wenn er seine Fragen einleitet, könnte man die Konzentration verlieren“, sagt Thomas Steg, sieben Jahre Regierungssprecher unter Schröder und Merkel. „Aber auf die Ouvertüre folgt plötzlich eine verfängliche Frage. Wenn er dann in der Antwort eine Unsicherheit spürt, grillt er sein Gegenüber genüsslich.“

Eine von Wonkas ersten Stationen war Anfang der achtziger Jahre der Wiesbadener Kurier. Im Politikressort arbeitete eine Handvoll Redakteure. Gegen Mittag machten sie sich daran, mit Schere und Klebestift aus den Texten der Nachrichtenagenturen Berichte zu basteln. Recherchefragen gehörten nicht zu den Dienstpflichten, deshalb reichte ein einziger Telefonanschluss. Eines Tages ging bei der Sekretärin ein Ferngespräch ein. Die Sekretärin übergab an den Redaktionsleiter. Der Herr in der Leitung wollte allerdings Wonka sprechen, der vormittags von zu Hause um ein Interview gebeten hatte. Die Redaktion war verdutzt. Der Anrufer hieß Willy Brandt.

Vom fragenlosen Kurier ging Wonka nach Hannover, dort brauchte die Neue Presse Interviews, um von sich reden zu machen. Der junge Reporter düste nach Bonn, stellte seine Fragen, tippte die Texte im VW Käfer und setzte sie vom Bonner Postamt ab. 1982 mietete ihm die Neue Presse in Bonn eine Dachkammer an. So kam Wonka in die Hauptstadt.

Kohl war gerade Kanzler geworden. Seine Leute baten Wonka in die Tee­runde, in der genehme Journalisten Plätzchen bekamen. Die erste Einladung blieb die einzige. „Der nicht!“, raunzte Kohl später bei Pressekonferenzen, wenn Wonka den Arm hob. Schröder nahm ihn sportlich: „Wonka, schreib keinen Scheiß.“

Merkel kennt er lange. 1991 stöberte er sie im Stadtpark von Kyritz an der Knatter auf. Kohl hatte sie nach Brandenburg geschickt, um den CDU-Landesvorsitz zu übernehmen. Die Sache ging schief. Wonka war Zeuge von Merkels Niederlage. Stellt er heute eine Frage, kann sie einen feinen Zug im Gesicht bekommen. Wie eine Lehrerin, die über einen vorlauten Schüler ein wenig lächelt, aber ihn ernst nimmt, damit er nicht problematisch wird. Redet Wonka über die Kanzlerin, sagt er: „die Merkelette“. Das macht sie kleiner – und ihn größer. Es klingt aber auch ein bisschen zärtlich. Heute hat er sie in der LVZ zum ersten Mal „die Alte“ genannt. Darin stecken Frechheit und Respekt, die Pole im Verhältnis zur Kanzlerin, zwischen denen er sich nicht entscheiden kann.

Halb eins, Reichstag. Die Kameraleute, Fotografen und Reporter schieben sich zum Fraktionssaal der SPD wie eine unaufhaltsame Mure aus Ästen und Geröll. Vor dem Saal steht die SPD-Linke Mattheis. Wonka taucht vor ihr auf. „Drei Fragen an …“ Eine ARD-Tante quatscht ihm dazwischen. Wonka macht eine elegante Kraulbewegung, ein Kameramann brüllt etwas, Wonka hält Mattheis das aufnahmebereite Smartphone unter die Nase.

Er bringt es fertig, zugleich bei SPD und Grünen zu sein. Fahrstuhl runter, Fahrstuhl hoch, Fahrstuhl runter. Bei den Grünen entdeckt er Claudia Roth. Herzliche Begrüßung, sie ratschen, da rollt schon wieder die Mure heran. Hektik, Blitzlicht, „Frau Roth! Eine Frage!“, fordert ein Fernsehmann. „Da müssen Sie Herrn Wonka fragen“, antwortet Roth. Der Fernsehmann guckt verblüfft.

Wonka tritt beiseite, er muss eh eine SMS nach Leipzig senden: Neuwahlaufmacher, Mattheis-Interview, Roth-Geschichte. Ab in den Fahrstuhl. Zirp, zirp, macht das Smartphone, als die Tür sich schließt. „Ah, Joschka“, triumphiert er. Schnell raus aus dem Fahrstuhl, aber er erreicht nur die Mailbox. „Herr Fischer, jetzt haben wir uns verpasst, weil ich mit ihrer Freundin Claudia Roth zusammenstand.“ Er hat eigentlich genug, er möchte auch mal bei der CSU vorbeischauen. Aber vor der Garderobe steht Cem Özdemir, Wonka geht auf ihn zu. Am nächsten Morgen wird dpa die Özdemir-Sätze aus der Leipziger Volkszeitung zitieren. Die von Mattheis auch.

[video:„Kokolores hoch drei“: Dieter Wonka in der Guttenberg-Bundespressekonferenz]

Wenn Wonka seine Fragen nicht anbringen darf, kann es passieren, dass seine Welt zusammenbricht. 2011 verkündete Guttenberg seinen Rücktritt überraschend in seinem Ministerium, während Wonka fernab des Geschehens in der Bundespressekonferenz hockte. In einem Youtube-Video von damals sieht man Regierungssprecher Steffen Seibert vor der Bundespressekonferenz rumdrucksen. Wonka ist nur zu hören, seine Stimme klingt scharf. „Staffage!“, „Brüskierung!“, „Kokolores hoch drei!“ Er bringt die anderen dazu, aus dem Saal zu ziehen. Seibert verliest derweil Termine der Kanzlerin. Mit einem Eisgesicht. Zu Dieter Wonka will er heute keine Einschätzung abgeben. Wonka sagt manchmal, dass er sich als kleiner Anarchist sieht. Wäre er das nicht mehr, müsste er aufhören.
 

Mit 22 an der Universität Regensburg gehört er dem Marxistischen Studentenbund Spartakus an. Damals stellt er die Frage, warum die theologische Fakultät ausgerechnet einem Bischof die Ehrendoktorwürde verleiht, der 1933 die „germanische Rasse“ und den Führer gefeiert hatte. Wonka und seine Freunde platzten mit einem Sarg in die Zeremonie. Allerdings hatte der Theologieprofessor, der die Doktorwürde verlieh, vorgesorgt. „Sicherheitsleute, als Kaplane verkleidet, die haben uns verprügelt“, sagt Wonka. In einem Artikel über den Vorgang ist von „Handgreiflichkeiten“ die Rede. Der Theologieprofessor wurde später Papst.

Und Wonka ist Fragenpapst geworden. Von der Neuen Presse ging es zum Stern. Auf Fotos von damals spaziert er in Lederjacke und Slippern über die Bonner Bühne. Ein junger Nachrichtenjäger. Fragen an Späth, an Genscher, an Hans-Jochen Vogel. Er heizte die Stasi-Vorwürfe gegen Lothar de Maizière an und brachte Rita Süssmuth mit einer Dienstwagenaffäre in Bedrängnis. Er sagt heute, dass ihm beide Fälle leidtun. Er hat wohl das Gefühl, benutzt worden zu sein. „Mich stört an so etwas die Verächtlichmachung von Politik“, sagt er. 1991 verließ er den Stern. Sein Freund Hans Peter Schütz, heute noch bei dem Magazin, sagt: „Dieter geht nicht darauf, Abschüsse zu erzielen.“

Ausgerechnet der härteste Fragensteller Berlins hat etwas gegen die immer härter werdenden Treibjagden der Meute.

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Was ist seine Leistung? Enthüllungen nicht, einen Schönschreiberpreis trägt er auch nicht. „Ohne ihn wäre die Bundespressekonferenz ziemlich leblos“, sagt Ex-Regierungssprecher Steg. „Seine Fragen halten das Ganze am Laufen.“

Ein wenig mehr ist es schon. Vielleicht muss man sich seine Funktion wie die eines Vertikutierers vorstellen, jenes Gartengeräts, mit dem man die Grasnarbe einer Rasenfläche anritzt. Das Moos wird entfernt, der Rasen bekommt Luft und grünt frisch.

Kurz nach eins. Der Regen duscht Wonka fast vom Fahrrad. Nass und hungrig betritt er die Bayerische Landesvertretung. Er grüßt Seehofers Leibwächter. Jacke aus, Treppe hoch, keine Semmeln, kein Seehofer. Zirp, zirp. „Meister Fischer!“ Wonka sucht sich eine ruhige Ecke. „Und wieso nicht Schwarz-Grün?“ Er macht Notizen. „Wer gewinnt bei vorgezogenen Neuwahlen?“ Wonka schaut zum Glasdach hoch. Er sieht glücklich aus. Er fragt Fischer nach Claudia Roth, nach Renate Künast, nach allen. „Ich muss zum Horschtl!“

Seehofer beginnt sein Statement, Wonka-Fragen, Fragen anderer Journalisten, nach zehn Minuten ist die Veranstaltung eigentlich zu Ende. Aber als Wonka die Treppe zum Foyer runterkommt, sieht er Glos. Und greift zu. Er sieht Dobrindt. Und schnappt ihn sich. Die Abgeordneten der CSU im Bundestag versammeln sich zum Gruppenfoto auf der Treppe. Ein Glatzkopf blökt: „Herr Wonka muss mit aufs Bild!“

Aber der Mann, der als Junge in Neugablonz gern Fantasieflugzeuge entwarf, hört nur halb hin, denn da ist Seehofer wieder. Und er hat noch eine Frage.

Bernhard Thal | Do, 28. Juli 2016 - 19:48

Ich möchte mich bei Herrn Wonka für seine Fragen heute, auf der Bundespressekonferenz, recht herzlich bedanken.
Sie können es sich vielleicht nicht vorstellen, wie es sich anfühlt als Bürger, dieser Kanzlerin ausgeliefert zu sein und nicht gehört zu werden.
Ihr Erscheinen tat wirklich gut.
Danke

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