Sie arbeitet seit 30 Jahren in der Staatskanzlei in Hannover. Nun hat Bettina Raddatz ihren zweiten, gleichnamigen Krimi geschrieben – mit deutlichen Parallelen zur Wulff-Affäre, aber auch zu dessen Vorgängern. Manchen gefällt das gar nicht
In die Kakao-Stube, ihr Lieblingscafé im Herzen Hannovers, geht Bettina Raddatz nicht mehr. Vor einiger Zeit hat die Ministerialrätin und Krimi-Autorin dort mit einem Journalisten gesessen und über ihr neues Buch gesprochen, über ihre Erfahrungen mit Christian Wulff, Gerhard Schröder und Sigmar Gabriel. Für alle drei Ministerpräsidenten hat sie in der niedersächsischen Machtzentrale gearbeitet, als Pressereferentin, Mittelstandsbeauftragte und manchmal auch Wahlkampfhelferin. Sie war ziemlich nah dran an all diesen niedersächsischen Ministerpräsidenten von CDU und SPD, weshalb sie eine Menge zu erzählen weiß über deren Politikstil, ihren persönlichen Umgang mit Untergebenen, Partei- und Wirtschaftsfreunden, aber auch viele Machenschaften in der Staatskanzlei unweit des Maschsees.
Als dann in dem Café-Gespräch mehrmals der Name Wulff fiel, stand ein anderer Gast auf. Er trat an ihren Tisch und zischte, was ihr denn einfiele, den früheren Ministerpräsidenten schlecht zu machen. Schließlich habe der „so viel für unser Land getan“.
Deshalb trifft sich Bettina Raddatz mit Journalisten jetzt lieber in abgelegeneren Lokalen. Wer weiß, wer diesmal zuhört. Sie hat auch sonst eigenartigen Erfahrungen mit ihrem zweiten Kriminalroman „Die Staatskanzlei“ gemacht: In Buchhandlungen in Hannover wird er kaum ausgelegt, obwohl er in der Stadt spielt und lokale Krimis bei den Lesern normalerweise als Genre sehr beliebt sind. Lesungen wurden ohne nähere Begründung abgesagt. Ja, ein gewisser Olaf Glaeseker, vordem Sprecher des zurückgetretenen Bundespräsidenten Wulff, soll bei der niedersächsischen CDU angerufen haben, ob man nicht bei parteinahen Buchhändlern dafür sorgen könne, dass das inkriminierende Buch aus den Schaufenstern verschwinde. Offenbar mit Erfolg.
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Manche, selbst Rezensenten, werfen Raddatz vor, sie hänge Verschwörungstheorien an. Sie habe sich das alles nur ausgedacht – die Geschichten in wie um ihr Buch. Aber wer sich mit ihr länger unterhält und wer nicht nur die Wulff-Affäre verfolgt hat, sondern sich auch schon mit der Politik und dem Gebaren seiner verschiedenen Vorgänger befasst hat und wer sich auch sonst im Land umtut, kommt nicht auf den Gedanken, dass dies alles Hirngespinste sind. „Das Netzwerk, über das ich in meinen Büchern schreibe, habe ich mir nicht ausgedacht“, sagt sie selber.
Wenn man „Die Staatskanzlei“ liest, einen durchaus spannenden Krimi, für Eingeweihte vor allem aber ein Schlüsselroman, ist man in der Tat verblüfft. Denn unverkennbar sind zahlreiche Parallelen zu den bekannt gewordenen Aktivitäten und Verbindungen des früheren Regierungschefs Wulff und seiner Vertrauten und leitenden Mitarbeiter etwa zu Wirtschaftsgrößen des Landes – obwohl das Buch vorher geschrieben und abgeschlossen wurde! Da gibt es beispielsweise einen Immobilienhändler Baumgart, der deutliche Züge des Finanzprodukt-Großhändlers Carsten Maschmeyer trägt und der (nicht nur im Buch) enge Drähte zum Ministerpräsidenten und dessen Parteifreunden unterhält. Baumgart schmiert Beamte, spendiert ihnen Geburtstagsfeiern und macht mit ausländischen Investoren krumme Geschäfte.
Da gibt es ein Wirtschaftslobbytreffen, das im Buch Ost-West-Dialog heißt und im wahren Leben Nord-Süd-Dialog hieß. Es wird von einem Partymanager veranstaltet, mit freundlicher Hilfe des Ministerpräsidenten und seiner Leute. Dessen Sponsorengeld-Ertrag kommt dem Veranstalter sowie zu gleichen Teilen dem Regierungschef und dessen Imagepflege und der regierenden Bürgerpartei alias CDU zugute. Und da gibt es noch viele andere Bezüge zu Intrigen, Durchstechereien und Vetternwirtschaft und deren Protagonisten, die sich die Autorin keineswegs aus den Fingern gesogen hat.











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