Plagiatsaffäre von der Leyen - Wir Bildungsverweigerer

Politiker schätzen Bildung als Lifestyleaccessoire. Solange sie den geistigen Diebstahl aber als lässliche Sünde betrachten, bleibt die Bildungsrepublik Deutschland eine Chimäre

Bundesverteidigungsministerin von der Leyen gab in ihrer medizinischen Dissertation fremdes geistiges Eigentum als ihr eigenes aus.
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Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam“ und „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“.

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Deutschlands einziger Rohstoff sind seine Ideen, weshalb aus der Bundes- eine Bildungsrepublik werden müsse: Seit den 1970er Jahren lautet so der sonntägliche Gassenhauer aus Politikermund. Werktags, wenn aus dem Politisieren wieder ein Regieren wird, herrschen statt hehrer Ziele Sachzwänge. Bildung verkommt zum Nischenthema, zur Randnotiz, mit der sich kein Hund hinter dem Ofen und kein Wähler in die Wahlkabine locken lässt. Natürlich, es gibt Etats und Wettbewerbe und Neubauten zum Wohle der Bildung. Was es aber nicht gibt, ist der Boden, auf dem eine Bildungsrepublik gedeihen könnte: Echte Bildungsbürger als Politiker.

32 Plagiate wurden in von der Leyens Doktorarbeit gefunden
 

Die Plagiatsaffäre um Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen bestätigte einmal mehr, dass Bildung als Lifestyleaccessoire geschätzt wird, im Ganzen aber lässlich ist. Ursula von der Leyen hat in ihrer medizinischen Dissertation gestohlen. Sie gab fremdes geistiges Eigentum als ihr eigenes aus, sie schmückte sich mit fremden Federn – nichts anderes besagt der Begriff Plagiat. In ihrer Doktorarbeit über Gebärende in Entspannungsbädern, die man aufgrund des Umfangs von 62 Seiten fast eine Schmalspurarbeit nennen könnte, wurden laut Medizinischer Hochschule Hannover immerhin 32 Plagiate festgestellt, davon 24 mit starker oder mittelstarker Bedeutung. Ihren Doktortitel darf von der Leyen behalten, weil die wissenschaftlichen Diebstähle ohne gezielte Täuschungsabsicht erfolgt seien. Es handele sich um Fehler, nicht um Fehlverhalten. Das verstehe, wer will. Solche Rabulistik räumt den Vorwurf nicht aus, hier könnte es vielleicht doch einen Ministerinnenbonus gegeben haben.

Schon zuvor hatte die Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel erklärt, auch ohne Doktortitel – im Falle selbst des vollendeten wissenschaftlichen Betrugs also – bleibe ihr Vertrauen in die politische Exzellenz von der Leyens ungetrübt. Rascher lässt sich die Rede von der Bildungsrepublik Deutschland nicht zuschanden reiten. Gewiss müsste eine Ministerin ihren Hut nehmen, hätte sie Geld gestohlen oder Kleinwägen statt geistiger Früchte. Bei Bildung aber, so die gemeinsame Botschaft von Merkel und von der Leyen, kann man fünf gerade sein lassen, da dürfen die Grenzen von Mein und Dein verschwimmen. Bildung, heißt das, darf gestohlen und erschummelt und vorgetäuscht werden. Bildung ist das Potemkinsche Dorf der Berliner Flegelrepublik.

Bildungsverweigerin Renate Künast
 

Der wahre Rang von Bildung ist leider unten, ganz weit unten. Wir sehen das auch an der persönlichen Bildungskatastrophe, die noch keiner Politikerkarriere im Weg stand. Eine routinierte Bildungsverweigerin ist etwa die grüne Spitzenfrau Renate Künast, die erst Washington mit Lincoln und nun Polen mit der Slowakei verwechselte. Parteifreundin Katrin Göring-Eckardt gab derweil dem staunenden Fernsehpublikum zu Protokoll, die Nationalsozialisten hätten Dresden zerbombt. O sancta simplicitas!

So lange der öffentliche Diskurs in Politik und Gesellschaft, Staat und Wirtschaft den Eindruck vermittelt, Bildung sei das, was man weg lassen könne, ein Luxusgut für Besserdenkende, ein Entspannungsbad für Fremdgedankengebärende – solange bleibt die Bildungsrepublik Deutschland eine Chimäre weit hinten am Horizont. Damit echte Bildung vom Feinkostriegel zum Grundnahrungsmittel wird, bedarf es vor allem der Bildungsbürger. Braucht es Politikerinnen, die selbstverständlich von eigenen Bildungserlebnissen erzählen und sich nicht mit dem Satzbaukasten ihrer Redenschreiber abspeisen lassen. Und braucht es Politiker, die schweigen, wenn sie nichts wissen. Das ist vermutlich die größte Herausforderung in unserer eitlen Plapperrepublik.

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