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Berliner Republik

Keime im SchulessenÖffentlicher Erreger

Von Matthias Schlegel1. Oktober 2012
picture alliance
Norovirus,Keim,Schulessen,
Schrift:

Die Welle der Magen-Darm-Infektionen nach dem Verzehr von Essen in Schulen und Kitas scheint abzuebben. Aber verbreitete Verunsicherung bleibt. Denn noch immer ist nicht klar: Wo liegen die Ursachen?

Erinnerungen an den Frühsommer 2011 werden wach, als Gesundheitsbehörden und Lebensmittelüberwachung fieberhaft nach dem Erreger von Ehec-Infektionen fahndeten. Innerhalb kurzer Zeit waren 2800 Menschen erkrankt, 28 starben. Weit harmloser verläuft zwar die Brechdurchfall-Infektion, die sich dieser Tage nach dem Verzehr von Essen in Schulen und Kindereinrichtungen in fünf Bundesländern ausbreitete.

Zumeist klingen die Beschwerden nach wenigen Tagen wieder ab, nur wenige der betroffenen Kinder mussten in Krankenhäusern behandelt werden. Dennoch gilt höchste Alarmstufe, denn wenn die Infektion von Einrichtungen der Gemeinschaftsverpflegung ausgeht, ist die Verbreitungsgefahr besonders groß – und viele Eltern fühlen sich hochgradig verunsichert. Eine Parallele zu 2011 besteht darin, dass auch diesmal fast eine Woche nach dem Auftreten der ersten Fälle die Herkunft des Erregers noch immer unklar ist.

Wie ist der Stand der Erkrankungswelle?

Es mehren sich die Anzeichen, dass der Höhepunkt der Erkrankungswelle überschritten ist. Zwar sprach das Robert- Koch-Institut am Samstag davon, dass die bis dato erfassten 8365 Fälle der „mit Abstand größte bekannte lebensmittelbedingte Ausbruch in Deutschland“ sei. Aber die meisten Fälle hatte es am Mittwoch und Donnerstag der vergangenen Woche gegeben. Die hohe Zahl vom Freitag und Samstag ergab sich vor allem aus Nachmeldungen aus den betroffenen Bundesländern.

Nur 23 Personen mussten bislang in ein Krankenhaus eingeliefert werden. In Berlin waren es drei Patienten, von denen zwei bis zum Freitag bereits wieder entlassen werden konnten. Auch fünf Kinder, die im Brandenburger Landkreis Dahme-Spreewald im Krankenhaus behandelt werden mussten, konnten wieder nach Hause.

Während in Berlin und Brandenburg heute die Ferien beginnen, müssen die Kinder in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt noch zwei beziehungsweise drei Wochen zur Schule gehen. In Sachsen sollen 19 vorübergehend geschlossene Schulen am Montag wieder geöffnet werden. Die Berliner Bildungsverwaltung hatte Eltern, deren Kinder eine Ferien-Hortbetreuung in Anspruch nehmen oder in die Kita gehen und deren Einrichtung von dem Catererunternehmen Sodexo beliefert wird, geraten, ihren Kindern Essen mitzugeben, falls vor Ort noch keine alternative Lösung gefunden wurde. Die Senatsverwaltung erneuerte am Sonntag ihre bereits am Freitag in Absprache mit den Gesundheits- und Verbraucherschutzbehörden ausgesprochene Empfehlung an die Kitas und Schulen, auf die Ausgabe von Essen des Anbieters Sodexo bis auf Weiteres zu verzichten, auch wenn nicht abschließend geklärt sei, ob die aufgetretenen Krankheitsfälle auf das Essen dieser Catering-Firma zurückzuführen sind.

Wo gibt es die meisten Fälle?

Mit 2800 Fällen ist Sachsen am stärksten betroffen, gefolgt von Brandenburg (2415), Berlin (2213), Thüringen (887) und Sachsen-Anhalt (50). Insgesamt gab es Brechdurchfall-Erkrankungen in 342 Schulen und Kindereinrichtungen. Das Robert-Koch-Institut will heute einen neuen Lagerbericht veröffentlichen. Auch wenn zu vermuten ist, dass nach der Entwicklung der vergangenen Tage die Zahl der neugemeldeten Fälle deutlich zurückgehen wird, mag keiner der Experten schon Entwarnung geben, solange die Ursache der Infektion noch unklar ist.

Nahezu alle Einrichtungen in den betroffenen fünf Bundesländern wurden von dem Catererunternehmen Sodexo mit Sitz in Rüsselsheim über regionale Küchen beliefert. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass die Ursache für die Erkrankungen in diesem Unternehmen selbst liegt: Denn offenbar bekamen nicht alle betroffenen Einrichtungen ihr Essen von Sodexo. Das Unternehmen selbst verteidigt sich mit dem Hinweis darauf, dass das gleiche Essen aus ein und derselben Küche und aus den gleichen Produktionsprozessen an bis zu 80 Schulen und Kitas geliefert wurde, es aber nur in einigen Einrichtungen zu Erkrankungen gekommen sei. Denkbar ist, dass die Erreger aus Zulieferprodukten stammen, die von Sodexo verwendet wurden. Das Unternehmen will vor weiteren Stellungnahmen zunächst die Laboranalysen abwarten.

Sodexo Deutschland ist seit 50 Jahren Teil eines weltweit agierenden Dienstleistungsunternehmens, das nach eigenen Angaben mit 391 000 Mitarbeitern einen Umsatz von 16 Milliarden Euro erzielt. Sodexo Deutschland beschäftigt rund 17 200 Mitarbeiter. Auf die Kinder- und Schülerverpflegung ist das Tochterunternehmen Sodexo SCS spezialisiert. Es hat seit 1991 seinen Sitz in Dresden und verfügt über 65 Küchenstandorte mit Schwerpunkt in Ostdeutschland. Das Unternehmen stellt nach eigenen Angaben jeden Tag Mahlzeiten für mehr als 200 000 Kinder und Jugendliche in über 2000 Schulen und Kindereinrichtungen bereit.

Um welchen Erreger könnte es sich handeln?

Noch werden die Proben von Lebensmitteln wie auch von erkrankten Menschen untersucht. Die für diesen Fall eingerichtete Task Force unter Federführung des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit wertet insbesondere Speisepläne und Einkaufslisten aus, befragt Kantinenmitarbeiter, verfolgt Waren- und Lieferströme möglicherweise betroffener Lebensmittel zurück und wertet Analysen hunderter Lebensmittelproben aus. Untersuchungsgegenstand sind sogenannte Rückstellproben, also Reste von Lebensmitteln, die Großküchen speziell für solche Fälle eine Zeit lang aufbewahren müssen. Weil einige Laboranalysen sehr zeitaufwändig sind, liegen verlässliche Ergebnisse erst nach bis zu vier Tagen vor. Im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen zwischen Dienstag und Freitag der vergangenen Woche angebotene Mahlzeiten. Derzeit geht diese Expertengruppe von der Annahme aus, dass der Ausbruch nur durch e i n kontaminiertes Lebensmittel beziehungsweise e i n e Charge einer Lieferung ausgelöst wurde, wie das Ministerium am Sonntag mitteilte.

Das Robert-Koch-Institut zog am Wochenende sowohl ein Norovirus als auch Gifte von toxinbildenden Bakterien in Betracht. Mittlerweile wurde in Sachsen und Thüringen in einigen Fällen das Norovirus als Erreger nachgewiesen. Es ruft beim Infizierten Durchfall und Erbrechen hervor, er leidet unter Schmerzen, Übelkeit und Fieber. Doch die Experten wollen sich nicht festlegen auf Noroviren als alleinige Übeltäter: Da diese Erreger hochgradig ansteckend sind, müsste es normalerweise im Umfeld der Erkrankten viele weitere Krankheitsfälle geben. Das ist aber hier nicht der Fall. Deshalb ist nicht auszuschließen, dass die Norovirus-Fälle ganz „normale“ Befunde sind, wie sie jedes Jahr vorkommen. Im Jahr 2011 etwa waren 14 gemeldete Norovirus-Fälle zweithäufigste lebensmittelbedingte Infektionsursache nach Salmonellen-Erkrankungen. Es könnten also auch bakterielle Erreger im Spiel sein. In Thüringen wurde zumindest in zwei Laborproben die Bakterienart Bacillus cereus nachgewiesen. Sie bildet Gifte, die hitzebeständig sind. Die Labore der Lebensmittelüberwachung sind deshalb angewiesen, sowohl nach Noroviren als auch nach bestimmten Toxinen zu suchen, die von Bakterien gebildet werden

Wie sollte man sich bei akutem Brechdurchfall verhalten?

Um den Verlust von Flüssigkeit und Salzen (Elektrolyten) auszugleichen und eine Austrocknung des Körpers zu vermeiden, sollte der Betroffene viel trinken, am besten zucker- und elektrolythaltige Getränke. Und man kann mal richtig bei Salzgebäck zulangen. Es versteht sich von selbst, dass bei einer infektiösen Gastroenteritis eine sorgfältige Sanitärhygiene, vor allem intensives Händewaschen, noch wichtiger als sonst ist. Bis zu 48 Stunden nach dem letzten Durchfall oder Erbrechen kann noch Ansteckungsgefahr bestehen. Kinder unter 6 Jahren sollten erst zwei Tage nach dem Abklingen der Beschwerden die Gemeinschaftseinrichtung wieder besuchen. Ebenso lang sollten erkrankte Personen warten, die in Lebensmittelberufen tätig sind.

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Ist doch einfach - Großraumverpflegung und Großraumhaltung birgt das Risiko einer Großrauminfektion, zumal niemand mehr direkt verantwortlich ist. In einer kleinen Schulküche konnte, wenn überhaupt, so etwas auch nur im kleinen Rahmen passieren. Und die Köchin konnte sich frisch machen. Heute essen die Kinder etwas, das niemand mehr für sie, sondern für anonyme Massen macht.

  • Antworten
hallertauer01.10.2012 | 22:27 Uhr

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