NSU-Prozess - Öffentlichkeit als Farce

Hallo München und Brigitte drin, Süddeutsche und FAZ draußen. Besonders ekelhaft ist das peinliche Geschachere um die Plätze, sind unselige Allianzbildungen und Marktmechanismen im Vorfeld des NSU-Prozesses

Bei der Vergabe der Plätze im NSU-Prozess geht es schmuddelig vor
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Petra Sorge ist Verantwortliche Redakteurin Online bei Cicero. Ihre Themen sind Politik und Digitales, außerdem schreibt sie die Medienkolumne. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.

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Schlimmer hätte es eigentlich nicht mehr kommen können. Fast zwei Monate drehte sich die NSU-Berichterstattung um sich selbst. Teure Sendeminuten widmeten sich der Platzvergabe im Münchner Oberlandesgericht – und nicht etwa den Mordopfern, den Untersuchungsausschüssen, dem strukturellen Rechtsextremismus. Doch viel ekelhafter als die Nichtbeachtung dieser Informationen sind andere Effekte, die sich jetzt, da das Los entschieden hat, einstellen könnten: unselige Allianzbildungen und Marktmechanismen.

Das unselige Akkreditierungsverfahren beim Münchner Gericht hat dazu geführt, dass ein Platz im Saal ein knappes Gut ist. Das steht im Widerspruch zu allen sonstigen journalistischen Prinzipien: Informationen sind frei, bei Großereignissen gibt es so etwas wie einen Ausschluss von Presse nicht – notfalls hilft den Zeitungsreportern die Live-Übertragung im Fernsehen.[[nid:54309]]

Und, wie es in der Marktwirtschaft so üblich ist: Wenn Güter knapp werden, steigt ihr Preis. Der Medien-Hype um Akkreditierung hat diesen Preis noch weiter nach oben getrieben. Schließlich wurde auch bei solchen Publikationsorganen die Nachfrage geweckt, die sich in der ersten Runde – dem Windhundverfahren – vielleicht noch gar nicht für einen Platz interessiert hatten. Was dann passierte, war ein geradezu peinliches Geschachere, wie auf einem Basar.

Zunächst warfen die Verlage und Fernsehsender alles ins Rennen, was sich separat akkreditieren ließ: die ARD-Anstalten schickten jeden Regionalsender, der Süddeutsche Verlag trennte fein säuberlich nach Print-, Online- und Magazin-Abteilung und siegte schließlich mit dem SZ Magazin. Gruner + Jahr schickte nicht nur sein politisches Flaggschiff „Stern“ ins Rennen, sondern auch die glückliche Brigitte. So muss man übrigens auch die erfolgreiche Teilnahme von Hallo München an diesem Platzwettbewerb werten: Das schmale Anzeigenblatt gehört zur Mediengruppe Münchner Merkur/tz und damit zum mächtigen Verlagskonglomerat des Zeitungsverlegers Dirk Ippen. Hallo München wird kaum allumfassend berichten – wohl aber jemand, der alle anderen Organe des Verlags versorgt.

Wurde in der ersten Runde noch Solidarität mit den türkischen Medien vorgetäuscht, wurde in der zweiten Runde getrickst und geschoben. Da wurden Ellenbogen ausgefahren, da wurde geheuchelt.

Es gewann der, der sich am besten in möglichst viele Einzelpublikationen zergliederte. So etwa Al Jazeera: Der arabische Nachrichtensender hat sein Büro in Istanbul für die Untergruppe „Auf Türkisch publizierende Medien“ angemeldet – und wurde gezogen. So wie Großkonzerne eine Briefkastenfirma auf den Virgin Islands gründen, um Steuern zu sparen, hätte theoretisch auch die FAZ ihre Chancen erhöhen können, indem sie ihren Istanbuler Korrespondent in den türkischen Topf schmuggelt.

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Das ist zutiefst ungerecht und möglicherweise sogar eine Marktverzerrung. Die Dummen waren die Ehrlichen. Mitarbeiter der Nürnberger Nachrichten lästerten bei Facebook, der Olympia Verlag, in dem die Zeitung erscheint, hätte ja dann auch all seine anderen Publikationen ins Rennen schicken können: das Fußball-Blatt Kicker, die Taucher-Zeitschrift Unterwasser oder das Anzeigenblatt Sonntagsblitz. Warum nicht auch alle Lokal- und Außenausgaben der Hauptpublikation? Oder die Mitarbeiterzeitung? Absurd. Für Nürnberg, wo die NSU-Mordserie mit der Erschießung von Enver Şimşek begann, wird nun niemand aus dem Gerichtssaal berichten.

Es könnte sogar passieren, dass Nischenmedien, denen das Los hold war, ihren Platz meistbietend verticken, wenn sich das erste Interesse gelegt hat. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung wird sicher alles tun, um in diesen Gerichtssaal zu kommen. Scheckbuchjournalismus? Drinnen schildern Zeugen ihre Qualen, draußen werden Stühle versteigert? Unappetitlich, aber nicht undenkbar.[[nid:54309]]

Die Dummen sind schließlich auch diejenigen, die weder mit zig Sonderpublikationen antreten konnten, noch Geld für derartige Spielchen haben. Die echten Experten in dem Themenfeld zum Beispiel – beim Tagesspiegel ist das etwa Frank Jansen, preisgekrönter Langzeitrechercheur im rechten Milieu – oder die linksalternative Berliner Tageszeitung, die nicht nur durch ihre andere Berichterstattung auffällt, sondern im ersten Durchgang den ersten Platz belegte und nun übergangen wurde. Sie alle werden sich mit Von-der-Stange-Meldungen der Nachrichtenagentur dpa begnügen müssen.

Die taz will das nicht hinnehmen, hat Chefin Ines Pohl klar angekündigt. Die Zeitung prüft gemeinsam mit der FAZ und der Welt eine Klage vorm Bundesverfassungsgericht. Auch beim Tagesspiegel wird darüber nachgedacht. Eine Klage wäre richtig. Auch, wenn damit weitere Wochen mit unsäglichen Berichten – wie auch dieser hier einer ist – über den Medienrummel verstreichen.

Die mediale Deformation, die Gerichtspräsident Karl Huber bei der Verlosung in München am Montag noch beklagt hatte, hat er allerdings selbst zu verantworten. Denn es gäbe eine so einfache Lösung, die Farce zu beenden: den Prozess endlich für eine Videoübertragung zu öffnen.

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