Neo-Kollektivismus - Gleichmacherei im Namen des Individuums

Schon längst bestimmen Therapeuten und Coaches über unser Leben. Deutschland versinkt in kollektiver Bequemlichkeit. Im Namen individueller Freiheit tritt jetzt die moderne Emanzipation auf den Plan, die den Neo-Kollektivismus zementiert. Denn selbstbestimmt soll nur leben, wer gleich ist

Fünf Männer laufen kollektiv nebeneinander auf Laufbändern
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Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Im Dezember 2014 erschien der von ihm herausgegebene Band „Religion. Facetten eines umstrittenen Begriffs“ bei der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig

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Es steht schlecht um unsere Gesellschaft, um ihren Zusammenhalt, um unser Miteinander. Schuld ist der hemmungslose Individualismus, der Mangel an Zusammenhalt, das Ich anstelle des Wir. Das Ergebnis ist ein Klima sozialer Kälte, von Gleichgültigkeit und Egoismus. – Soweit das Fazit der deutschen Intellektuellen und Feuilletonisten, der Populärphilosophen und „Querdenker“, der Meinungsmacher und Meinungsopfer.

Doch leider: Die Diagnose ist falsch. Unsere Gesellschaft ist mitnichten individualistisch und besessen von Autonomie, Unabhängigkeit und Eigenständigkeit. Das Gegenteil ist der Fall. Tief verängstigt und überfordert durch die Konsequenzen einer autonomen, freiheitlichen Lebensführung, sehnt sich der moderne Mensch nach Sicherheit und Geborgenheit. Das beginnt schon auf der Ebene privater Lebensplanung.

Regentschaft der dauerhaft pubertierenden Sinnsuche

Individualistische Werte, ein postmoderner Lebensentwurf unabhängiger Individuen? Bestenfalls an der Oberfläche. Nur: Wechselnde Lebensabschnittpartner machen noch keinen freien, unabhängigen Lebensstil. Emanzipation, Selbstverwirklichung, die Suche nach dem eigenen Lebensweg unabhängig von irgendwelchen Gruppen, Subkulturen und Gemeinschaften und vor allem: ohne Rückversicherung durch den Sozialstaat? Bei den Allermeisten: vollkommene Fehlanzeige.

Stattdessen regiert eine dauerpubertierende Sinnsuche, die mit Unanhängigkeit und Individualität rein gar nichts am Hut hat, sondern sich nach Bindung sehnt und kollektiver Geborgenheit. Es überrascht daher nicht, dass die Fähigkeit zu einer autonomen Lebensgestaltung in unserer angeblich so individualistischen Gesellschaft zunehmend verloren geht. Statt selbstverantwortlich die Höhen und Tiefen des Lebens zu meistern und auch Niederlagen eigenständig zu lösen, sucht man Rat bei Coaches und Therapeuten, bei Karriere- und Lebensberatern.

Unabhängigkeit, Eigenständigkeit, die Fähigkeit, autark den Wechselfällen des Lebens zu begegnen: das war einmal. Fast scheint es so, als ob Überversorgung und Rundumbetüttelung dem bundesrepublikanischen Wohlstandsbürger jede Form von Eigenständigkeit und Stressresistenz aberzogen haben.

Bequemlichkeit statt Risiko: der neue Neokollektivismus

Diese Unselbstständigkeit mündet konsequenter Weise in eine tiefe Sehnsucht nach Sicherheit und kuscheliger Geborgenheit. Die Beherztheit, das eigene Leben ohne die doppelte und dreifache Absicherung durch den Sozialstaat zu gestalten – das liegt den meisten Mitbürgern fern. Beispiel Familie: Kinder bekommen? Nur mit Kindergeld, Elternzeit, Arbeitsplatzsicherung und garantiertem Kitaplatz – vielleicht.

Leben bedeutet Risiko. Doch die Risiken will keiner übernehmen. Und so fordert man Solidarität und soziale Absicherung für alles und jedes: die Ausbildung, die Berufswahl, die Familienplanung. Man möchte alle Rechte und alle Freiheiten: eventuelle negative Konsequenzen – die soll bitteschön die Gemeinschaft tragen.

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Nicht Individualismus und Autonomie prägen unsere Gesellschaft, sondern ein aus Bequemlichkeit und tief sitzenden Ängsten resultierender Neukollektivismus, der leicht übersehen wird, da er sich von den klassischen Kollektivismen des 20. Jahrhunderts – Nationalsozialismus, Stalinismus, Faschismus – erheblich unterscheidet. Argumentierten letztere stets im Namen eines Kollektivs, etwa der Rasse, der Arbeiterklasser oder der Nation, so liegt die Pointe des neuen, modernen Kollektivismus darin, dass er im Interesse und als Anwalt des Individuums auftritt.

In der Konsequenz – der Abschaffung eines Individualismus’, der seinen Namen verdient – läuft er auf dasselbe hinaus.

Es ist sicher kein Zufall, dass es die Grünen sind, die diese Dialektik am besten verstanden haben. Aus der zunächst richtigen und auch wichtigen Einsicht, dass alle Menschen verschieden sind und die Freiheit haben sollten, ihr Leben nach ihren Wünschen, Werten und Vorlieben zu gestalten, zaubern die selbsternannten Vordenker einer modernen Gesellschaft im Nullkommanichts ein dichtes Regelwerk aus Quoten, Bestimmungen und Verordnungen: im Namen der Rechte des Individuums („Und Du?“) wird alles reglementiert, was nach Freiheit und Individualismus aussehen könnte.

Aus dem Gleichheits-Dogma wird verordnete Gleichmacherei

Schuld an dieser scheinbaren Absurdität ist ein Grundwiderspruch moderner Emanzipationsbestrebungen: Das Recht auf Selbstbestimmung wird nicht an der Individualität der Menschen fest gemacht, sondern an ihrer – faktisch nicht vorhandenen – Gleichheit. Gleiche Rechte, so die abstruse Logik, kann es nur für Gleiche geben.

Gegossen in die Gestalt politischer Programmatik wird aus dem Dogma der Gleichheit jedoch verordnete Gleichmacherei – perverser Weise im Namen des Individuums. Nehmen wir die Geschlechter: Wenn Geschlechtsunterschiede sophistisch wegdiskutiert werden, da angeblich alle gleich sind und Differenzen nur eine soziale Konstruktion, dann geht im Namen der Emanzipation des Individuums ein wesentlicher Teil dessen, was das Individuum ausmacht, sein Geschlecht nämlich, verloren.

Dann verlieren wir alles, was unsere individuelle Existenz so spannend macht: das Anderssein, die Differenz, das Missverstehen und ja: das Scheitern. Die Befreiung des Individuums endet in einer Gleichmacherei, die keinen Raum mehr lässt für Individualität.

Individualität soll aberzogen werden

Verschärft wird diese Situation noch durch einen politischen Gestaltungswillen, der sich nicht damit zufrieden gibt, Gleichheit zu behaupten, sondern Gleichheit verordnet. Beispiel Bildungspolitik: Menschen haben unterschiedliche Anlagen und Prägungen. Naheliegend wäre es, differenzierte Bildungseinrichtungen zur Verfügung zu stellen, die es dem Einzelnen ermöglichen, das für ihn Beste aus seiner Situation zu machen.

Doch das schmeckt den Ideologen des Neukollektivismus zu sehr nach Individualität und Abgrenzung. Da gleiche Rechte für sie nur dort herrschen, wo alle gleich sind, müssen alle gleich gemacht werden. Am besten in großen Einheitsschulen, in die alle gezwungen werden, unabhängig von ihren Prägungen, Veranlagungen oder Wünschen. Sollten Individuen tatsächlich auf ihrer Individualität bestehen, so soll sie ihnen aberzogen werden. Das Ergebnis ist die Abschaffung der Individualität im Namen des Individuums.

Die Verheißungen der Freiheit und des Individualismus waren in Deutschland nie populär. Kollektivistische Formationen – Nation, Volk, Solidargemeinschaft – standen und stehen hier immer in ungleich höherem Kurs.

Die Pointe des zeitgenössischen Neukollektivismus liegt darin, dass er sich nicht auf traditionelle Kollektive beruft, sondern seine Wurzel in der Verzagtheit und Bequemlichkeit der Individuen selbst hat. Das erklärt ganz gut, weshalb er entweder gar nicht wahrgenommen oder als ganz kommod empfunden wird. Zugleich macht es ihn so gefährlich. Denn nichts gefährdet die Freiheit mehr, als die Geborgenheit, Sicherheit und Wohligkeit, die überall dort herrscht, wo das Wir entscheidet und nicht das Ich.

 

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