Die Linke streitet, die Westausdehnung droht zu scheitern. Als Retter bietet sich nun einmal mehr Oskar Lafontaine an. Doch dieser verrennt sich in den Gedanken, nur er könne die Partei retten. Dabei wird mit dem Napoleon von der Saar aus der Linken kein Zukunftsprojekt mehr.
Nach den mageren 2, 5 Prozent für die Linkspartei bei den Wahlen in Nordrhein-Westfalen und einem ähnlich katastrophalen Resultat kurz zuvor in Kiel möchte man auf eine Zukunft dieser Partei nicht mehr schwören. Viel spricht dafür, dass sie von den Wählern zumindest im Westen der Republik auch weiterhin erbarmungslos entsorgt wird, vor allem bei den Bundestagswahlen im kommenden Jahr.
Aber nicht um das Schicksal dieser Partei geht es mir, die im Jahr 2009 immerhin mit 11, 9 Prozent in den Bundestag einzog und sogar die Grünen überflügelte – befassen möchte ich mich nur mit dem Phänomen Oskar Lafontaine, das schon so lange Jahre die politische Bühne der Bundesrepublik beschäftigt. Woher rührte sein Erfolg, wie kam es, dass die Linkspartei nach dem Zusammenschluss von Ost und West im Jahr 2007 wirklich auf ihn angewiesen zu sein schien, und wie kann er sich in den Gedanken verrennen, nur mit ihm an der Spitze sei ihr Untergang noch abzuwenden?
Gestehen muss ich, mich selber als Journalist getäuscht zu haben. Vielleicht beeindruckt von Willy Brandts Urteil, er sei das größte politische Talent unter den „Enkeln“, hätte ich ihm lange Jahre als einem der Wenigen hinreichend Power und politisch-intellektuelle Fähigkeiten zugetraut, um in den endlos langen Jahren der Kanzlerschaft Kohls (1982 bis 1998) eine attraktive Alternative zu formulieren. Und zwar, weil er in Person eine Art Gesamtlinke verkörperte, also Gewerkschaftler, Grüne, linke und konservative Sozialdemokraten, ja sogar einschließlich jener Christdemokraten wie Heiner Geißler, die sich um politische Demarkationslinien ihrer eigenen Partei nicht ängstlich sorgten, sondern politische Sachbündnisse einzugehen bereit waren.
Lafontaine schien (schien!) über einige integrierende Stärke zu gebieten. Nur diese Überzeugung kann es gewesen sein, die sogar Willy Brandt Anfang 1990 noch dazu verleitete, die Kanzlerkandidatur Lafontaines für seine Partei zu unterstützen. Dabei hatte sich der „Oberenkel“ aus Saarbrücken mit Brandt im Vereinigungsprozess bereits überworfen.
Lafontaine empfand das Einheits-Pathos des Parteivorsitzenden und Kanzlers a. D. als triefend patriotisch, ja nationalistisch gefärbt, und Brandt glaubte, Lafontaine wolle die Mauer am liebsten wieder hochziehen, die gerade von den Ostdeutschen eingerissen worden war. Dass er „der falsche Mann zur falschen Zeit“ war, wie seinerzeit Theo Sommer in der ZEIT leitartikelte, erwies sich als objektiv richtig.
Aber auch bei Brandt wie den Parteigranden überwog anderes: Nicht nur ihre eigene Partei hatte sich in Flügel auseinanderdividiert, das gesamte Mitte-Links-Milieu der Bundesrepublik erodierte, die Grünen hatten sich in der Parteienlandschaft fest etabliert, und im Osten schien es eine kritische Graswurzelbewegung aus Oppositionellen zu geben, die auch einer Heimat bedurften. Kurzum, Lafontaine wurde integrierende Kraft in diesem blühenden Chaos zugetraut.
Hier soll nicht die ganze Geschichte Oskar Lafontaines erzählt werden, es geht mir nur darum, das Phänomen zu erklären und Schlussfolgerungen für heute daraus zu ziehen. Erinnern muss man daran, dass er am 25. April 1990 in Köln-Mülheim während des Wahlkampfes von der psychisch kranken Adelheid Streidel mit einem Messerstich nahe der Halsschlagader lebensgefährlich verletzt wurde. Er überlebte, ein Trauma blieb. Wahrlich Grund genug für ihn, sagte man sich damals, um aus der Politik auszusteigen, wenn er sich dazu entschlossen hätte.
Ich selber hielt das auch für eine plausible Erklärung dafür, dass er als Finanzminister nur wenige Monate nach dem Start der rot-grünen Regierung unter Gerhard Schröder den Bettel hinwarf, um sich auf's Privatleben zurückzuziehen. Einer, der ein solches Attentat überlebt und die Wunde – innerlich – nie mehr los wird, darf implodieren, er muss sich nicht immer rational verhalten. Insbesondere sein Freund Horst-Eberhard Richter, der große Psychoanalytiker und engagierte Intellektuelle, erklärte das verständnisvoll so. Warum sollte man also in den Medienchor einstimmen und sich an der üblichen Beschimpfung des „kleinen Napoleon“, wie es gern hieß, beteiligen?











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