Am Wochenende ging die Kanzlerin auf Tuchfühlung mit den Bürgern und lud zum Tag der offenen Tür in ihren Amtssitz: Da lernte man dann, dass Merkels Besprechungen auch mal auf den großen Steintreppen stattfinden – mit Sitzkissen
Marie (12) läuft über den roten Teppich, tritt ins Foyer des Kanzleramts, schaut sich um und meint „Hier wohnt also die Angela.“ Marie wollte Angela unbedingt besuchen, erzählt Maries Mutter. Dafür ist man extra aus Potsdam nach Berlin gefahren. So wie Hunderte andere, die ebenfalls zum Tag der offenen Tür des Kanzleramts gekommen sind. Und viele, nicht nur die Kinder, nennen sie Angela, Angie oder, wenn sie ein bisschen aufmüpfig sein wollen, Mutti. Böse ist das nicht gemeint – man kennt sich schließlich. Seit Jahren erscheint die Kanzlerin in deutschen Wohnzimmern und jetzt will auch das Volk mal sehen, wie sie selbst wohnt. Dass zumindest die versammelten Bürger die Kanzlerin sehr schätzen müssen, zeigt schon, dass sie bei diesem Wetter überhaupt gekommen sind: Berlin schwitzt wie der Rest des Landes bei 35 Grad. Ihre Fans haben die langen Schlangen am Eingang über sich ergehen lassen, die Sicherheitskontrollen und nun das Warten in der Hitze. Denn Angela lässt erst mal auf sich warten – wie ein richtiger Superstar.
Die Polizeikapelle spielt unentwegt preußische Märsche, die lauten Trompeten übertönen das Gemurmel der Wartenden. Nachzügler freuen sich, dass es offenbar noch nicht angefangen hat. „Einladung zum Staatsbesuch“ lautete der Slogan, deswegen ist auch der rote Teppich für die Gäste ausgerollt, so wie es sonst nur für Obama, Monti und Rajoy gemacht wird. Nach 30 Minuten erste Anzeichen, dass sie kommt. Männer in schwarzen Anzügen schreiten den kleinen Weg zwischen dem Eingang des Kanzleramts und der Bühne mehrmals ab. „Bitte Abstand halten!“ Plötzlich Gedrängel, Objektive, Klicken, ein grüner Blaser. „Wow“, meint Marie. Eltern schicken ihre Kinder mit Handy und Zettel nach vorn – Foto machen, am besten noch ein Autogramm holen. Wer kein Kind hat, versucht sich zu strecken und fotografiert letztlich doch nur die Arme der anderen. Wer kinderlos und kleinwüchsig ist, bleibt heute nahezu chancenlos. Marie hat nur die Beine der Kanzlerin fotografiert und leider keine Unterschrift bekommen. Sie könne nicht jedem ein Autogramm geben, sagt Merkel noch einige Mal heute entschuldigend.
Auf der Bühne angekommen begrüßt sie ihre Fans. Es ist nicht die Zeit großer Reden, stattdessen wird nett geplaudert: Wie ein Staatsbesuch sonst abläuft, wenn die hohen Tiere der internationalen Politik hier auflaufen, und nicht wie heute Otto-Normal-Wähler. Bei jedem Staatsbesuch wird die Nationalhymne gespielt. Außer die Temperaturen klettern unter minus 4 Grad – „dann muss man sich die denken“, scherzt die Kanzlerin. Das Publikum lacht kurz auf.
Auch die Kabinettskollegen hatten ihren Spaß – schon am Tag zuvor luden sie in die jeweiligen Ministerien ein. Kristina Schröder führte im „Kinderministerium“, wie sie es selbst nennt, eine Gruppe Halbwüchsiger in ihr Büro, erklärte, was es zu sehen gab („Das ist mein Schreibtisch“) und erlaubte den kleinen Besuchern sogar auf ihrem Stuhl zu sitzen. Finanzminister Wolfgang Schäuble warnte vor der Überheblichkeit der Politik und sprach mit Sängerin Nana Mouskouri über die Euro-Krise. Am Ende schunkelte man gemeinsam zu „Weiße Rosen aus Athen“.
„Hier ist nicht immer Freizeit“, sagt Angela Merkel. Im Kanzleramt würde hart gearbeitet. Das betont sie drei Mal. Mit protestantischem Arbeitsethos sitzt sie also normalerweise in ihrem großen Büro – es fällt nach eigenen Angaben deutlich üppiger aus als das ihrer Mitarbeiter. Ihr Amtssitz wirkt groß, dabei ist der Raum begrenzt: Wenn kein Platz mehr frei sei, so die Kanzlerin, könne man sich immer noch ein Sitzkissen auf die großen Treppen legen und dort etwas besprechen, erklärt sie. Im Schneidersitz werden also die großen Entscheidungen dieser Republik getroffen. Es sollte der einzige Einblick in Merkels Wohnzimmer bleiben.
Im Anschluss quetscht sie sich durch die Massen, gibt viele Autogramme und schüttelt noch mehr Hände. Nach insgesamt eineinhalb Stunden Tuchfühlung mit dem Bürger, sie ist etwas verchwitzt, trägt die Haare leicht zerzaust, verabschiedet sich die Kanzlerin ganz so wie man es auch mit alten Bekannten macht: „Dankschön. Machen Sie’s gut. Wir bleiben in Kontakt.“ Marie ist zufrieden – im nächsten Jahr will sie Angela wieder besuchen kommen.











1 Kommentar