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 > Medienzirkus unter einer Glocke

Berliner Republik
Politik und Journalismus

Medienzirkus unter einer Glocke

von 
Michael Naumann
27. Januar 2012
picture alliance
Bild,Medienkritik,Naumann,Diekmann,Wulff,Bundespräsident,Anruf,
Szenen einer Ehe. Christian Wulff neben Kai Diekmann (r)

Ein Präsident rastet aus, ein Boulevard-Blatt wächst zum Kämpfer für die Pressefreiheit heran: Im Medienzirkus der Politik geht es um Heldenlob und Niedertracht

Seite 1 von 5

Dieser Text ist eine Kostprobe aus der Februar-Ausgabe des CICERO. Jetzt am Kiosk - oder hier zum Bestellen im Shop.

Was für ein Spektakel! Der Bundespräsident im Nahkampf mit dem größten Massenblatt der Nation. Das „Liebes-Aus“ – eine der bewährten Schlagzeilen aus dem redaktionellen Dschungelcamp – einer jahrelang gepflegten Beziehung zwischen Christian Wulff und Bild: Derlei bewegt nun die ganze Republik, als hätte eine Schlammlawine das Berliner Schloss Bellevue unter sich begraben.

Die Kollateralschäden der Affäre um einen überforderten Präsidenten und die deutschen Medien sind absehbar. Beide Berufsstände, Politiker und Journalisten, geraten einmal mehr in Verruf. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach einer Lichtgestalt an höchster Stelle. Aber wer wollte sich diesem Getümmel der politisch-publizistischen Klasse noch aussetzen? Genauer, wer wird in Deutschland überhaupt freiwillig Politiker und warum? Wer wird politischer Journalist und weshalb? Und was haben beide Berufsgruppen – zusammen mindestens 110000 Mitglieder in Deutschland – eigentlich miteinander zu tun?

Auf der Prestigeskala der Bürger rangieren sie auf den unteren Rängen. Sind Eitelkeit, Geltungssucht, rhetorisches oder publizistisches Talent ihre einzigen Triebfedern? Sollte in beiden Berufen die gute, alte „Libido dominandi“ eine Rolle spielen? Wahrscheinlich nicht. Wer Kanzler wird, macht sehr schnell eine ernüchternde Erfahrung: „Die Macht ist immer woanders“ (Gerhard Schröder). Das gilt auch für alle Parlamentarier. Und in den Medien lässt sich „Macht“ nur in den seltensten Fällen sehen. Kein Leitartikler der sogenannten Qualitätszeitungen, kein TVKommentator wird davon ausgehen dürfen, auch nur ein einziges Gesetz verhindert oder verändert zu haben.

Die Zeiten, da der Spiegel über einen Skandal Spitzenpolitiker stürzen konnte, sind offenbar vorüber. Die politische Selbstzerstörung des Baron zu Guttenberg war die Folge einer anonymen Gemeinschaftsarbeit von Internetdetektiven. Sie machten dem publizistischen, auch von Bild produzierten, synthetischen Hochglanz-Charisma des Ministers mit den investigativen Methoden des 21. Jahrhunderts den Garaus.

Geht es also beiden, Politikern und Journalisten, nur darum, Einfluss zu nehmen, die Ordnung der Gesellschaft gemeinsam zu gestalten oder zumindest zu bewahren? Gesichertes Einkommen allein kann es nicht sein. Politiker werden abgewählt und haben keinen Kündigungsschutz. Viele Journalisten in den über 350 Zeitungen und unzähligen Magazinen des Landes müssen mehr denn je um ihre Arbeitsplätze bangen.

Einen Augenblick also bitte für die erste Schulstunde in „Gemeinschaftskunde“: Politiker und Journalisten, so ist zu hoffen, motiviert die Sorge um das Gemeinwohl. Es täglich neu zu befördern, bedarf offener Diskussionen in Parlamenten und Medien, die diesem hehren Ziel dienen. Es stimmt ja: Politische Entscheidungen benötigen mediale Erklärungen, damit sie von der Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert werden, allfällige Enttäuschungen inbegriffen.

Über die goldumrandete Aufgabenteilung der Medien

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Medien wirtschaftlich betrachtet

Der berühmte Content in den unternehmerisch betriebenen Medien ist wirtschaftlich betrachtet in erster Linie der Köder für die bezahlte Werbung. Um die Entscheider für ihre Stellenanzeigen zu interessieren, braucht die FAZ natürlich andere Köder als die Bild für ihre Schweinebauchanzeigen. Die Pressefreiheit ist damit zum Gutteil ein Abfallprodukt der Interessen der Adressaten von Werbebotschaften. Auch wenn Journalisten ihren Arbeitsauftrag anders empfinden, aus Sicht der Verlage sollen sie das schreiben, was die Werbungszielgruppe zum Konsum des jeweiligen Mediums und die Werbekunden zum Schalten von Anzeigen anregt.

Und hier setzt Döpfners "Fahrstuhl-Zitat" an. Wenn die Medien lange genug Publikumsinteresse an steigenden Sternen erregt und ausgeschlachtet haben, liegt es nahe, diese bei günstiger Gelegenheit auch wieder fallen zu lassen. Je länger und je höher jemand gestiegen ist, je mehr Aufmerksamkeit sich auf ihn richtet, desto lukrativer ist es, ihn möglichst lang und möglichst tief stürzen zu lassen. Energische Abwehrkämpfe der Angegriffenen liegen durchaus im Interesse der Presse, da sie das Publikum faszinieren wie die Gladiatorenkämpfe im antiken Rom. Guttenberg und Wulff haben vielleicht gemeint, es ihren Gegnern zeigen zu müssen. In Wahrheit spielen sie deren Spiel. Sie sind dabei Faktoren der Wertschöpfung (böse gesagt nützliche Idioten), genau wie die recherchierenden Journalisten und das sensationslüsterne Publikum.

  • Antworten
Karl Schade27.01.2012 | 13:05 Uhr

Grundsatz

Allem sind Grenzen auferlegt, danach sollte man sich richten. Für Grenzen steht das Recht und die eigene Moral (so wie man an sich selbst etwas sehen mag, sollte man handeln). Es ist wirklich nicht allzu schwer und man sollte es auch dementsprechend halten.

  • Antworten
plüschio27.01.2012 | 14:44 Uhr

Wo,was,wann mit wem stattfindet

Ich kann Herrn Steinbrück nur zustimmen, wenn er in seinem Buch „Unterm Strich“ schreibt: „Politik, kompensiert ihren schwindenden Einfluss und ihren Verlust an Vertrauen und Zutrauen bei den Bürgern durch mediale Inszenierungen..." Politik und Unterhaltung sind in den letzten Jahren eine ganz neue – symbioseähnliche - Verbindung eingegangen. Dabei sind die Medien nicht mehr nur auf- und nachzeichnende Berichterstatter, sondern die Nachfrage nach inszenierten Ereignissen mit Verwertungsinteressen ist enorm gestiegen. Politiker werden zu Werbeträgern für Einschaltquoten und Auflage. Die Menschen verlangen nach übergreifenden Symbolen und symbolischen Gesten. Elitär zurückhaltend den Konsens nüchtern manifestieren, wie es noch die Moderne tat, scheint out zu sein. Polit-Inszenierung ist angesagt. Es geht oft nur noch um das „Image“ einer Person oder Partei, die eine Unterscheidung zwischen „Wahrheit“, also der realen Umwelt, und „Nachricht“, also der Berichterstattung in den Medien, als Rezipient und Wähler, nicht mehr ermöglicht. Dazu kommen dann noch Begriffe wie Vorbild, Leitbild, Prominenter, Ersatzautorität, Elite, symbolischer Führer, Rolle usw., mit ideologisch wertenden Ansätzen. Die Medien müssen Ihre Spalten und Programme füllen, in der viele „Pseudo-Ereignisse“ produziert werden, die inzwischen über den Informationsanspruch des Bürgers dominieren. Ebenso wird mit Umfragedaten Meinung und Stimmung gemacht, Sie können die Öffentlichkeit irreführen- man vermisst ausreichende Aufmerksamkeit für die bedeutenden politischen Themen. Wer ist der beliebteste Politiker? Oder, wenn morgen Bundestagswahl wäre? Ist aber nicht! Gerade suchen wir wieder nach einem Wunschbild, das deutsche Redlichkeit verkörpert, gerade in verwirrend beunruhigenden Zeiten. Wir suchen wieder jemand, der für uns die Welt deutet, damit Bedeutung und Sinn entsteht. Diese Person muss aber eine polymediale Begabung haben, so wie man von Herrn zu Guttenberg dachte. Was er zur Schau trägt, scheint wichtig, nicht was er sagt und tut.

  • Antworten
Bernhard Jasper27.01.2012 | 16:25 Uhr

politik und medien

"was wir zu fürchten haben ist nicht die Unmoral der grossen
> Männer, sondern die Tatsche, dass Unmoral oft zur Grösse führt"
Alexis de tocqueville

  • Antworten
hanna zweig28.01.2012 | 15:14 Uhr

Juristisch rechtens oder publizistisch richtig?

Am 22. Dezember 2012 sagte Bundespräsident Christian Wulff: "Nicht alles, was juristisch rechtens ist, ist auch richtig."

Wer mitreden wollte, musste für sich entscheiden, was wichtiger ist: Das juristisch Richtige oder das publizistisch Richtige. Von den Abgeordneten in den Parlamenten konnte man erwarten, dass sie sich für das juristisch Richtige entscheiden, denn die Legislative ist die Recht schaffende Staatsgewalt. Erstaunlicherweise haben sehr viele Parlamentarier sich für das publizistisch Richtige und gegen das juristisch Richtige entschieden.

Das Misstrauen gegen diese Parlamentarier ist berechtigt, wenn es beispielsweise darum geht, ob die NPD verboten werden soll. Diese Parlamentarier werden sich auch hierbei für das publizistisch Richtige entscheiden, um einen unliebsamen Konkurrenten in der Parteienlandschaft loszuwerden, aber sie werden nicht danach fragen, ob ihre Bestrebungen juristisch rechtens sind.

Am Ende werden es wieder die Richter sein, die den Parlamentariern sagen müssen, dass sie zwar Recht schaffen aber sich nicht um Recht kümmern.

  • Antworten
Wilhelm Klumbies29.01.2012 | 00:39 Uhr

Pseudo-Demokratie? Die Verpflichtung aller staatlichen Gewalt!

" ... und die Demokratie geht weiter." - heißt es am Ende. Gerne teilte ich diesen nur? so dahingeschriebenen Optimismus. Aber: Der mit Händen greifbare Mangel an Gerechtigkeit - dazu: Blog Jacob Jung - , der die bürgerlichen Freiheitsrechte zu schlichten Textbausteinen des Grundgesetzes verkommen sieht, wird sich wohl wie jüngst die Immobilien-Blase dereinst "Luft" machen (müssen).

Die Freiheit als Recht und die Gerechtigkeit als Tugend - Altkanzler H. Schmidt wies in diesen Tagen nochmals auf diesen Unterschied hin.

Wenn in dieser Republik ca. 12 Millionen Menschen auf Dauer vom Versprechen des pursuit of happiness ausgeschlossen sind, wenn in der EU bereits 50 Millionen Arbeitslose als Ausgegrenzte und für die Produktion Überflüssige ihr Dasein fristen, wenn der von ROT/GRÜN eingeführte und von SCHWARZ/GELB vertiefe Niedriglohnsektor ein Heer von Altersarmen gebieren wird ... wie soll da diese (Pseudo)Demokratie einfach weiter gehen? "Die Welt, wie wir sie kannten" - ist sie nicht längst passé?

Es bedürfte einer Tausendfüßler-Revolution" (Ulrich Beck)- von oben und unten. Von unten beginnt mit FUTURZWEI ein soziale Bewegung sich in Stellung zu bringen. Darüber zu berichten, sollten sich alle überregionalen Medien verständigen, und was es eigentlich auf sich hat, mit diesem in Artikeln 20 und 28 des Grundgesetzes nur kurz erwähnten und auf "ewig" garantieren SOZIALSTAAT.

Denn es geht schon heute um den heraufziehenden Verlust dessen befriedender ziviler Funktion. Hier liegt die eigentliche Aufgabe von Politik und Medien, deren - und unser aller - gemeinsame Aufgabe unmissverständlich in Satz 2 des ersten Artikels des GG eingemeiselt wurde: Es geht um die ACHTUNG und den SCHUTZ der Menschen. Es geht z.B. nicht(!) um die Würde des Amtes des Bundespräsidenten, sofern eine solche überhaupt besteht, was ich bezweifle.

Es ist der Mensch und seine millionenfach geschlagene Würde, die aus dem Fokus geraten sind. Politik und Medien sollten sich dieser an erster Stelle der Verfassung stehenden Aufgabe erinnern und überlegen, wie eine "Konzertierte Aktion" von oben ins Werk zu setzen sein mag.

mkveits

  • Antworten
mkveits30.01.2012 | 17:50 Uhr

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