Von einer Gipfelkonferenz zur nächsten wird die Stunde der Wahrheit verschoben. Angela Merkels Europa ist zwar vereint, aber man kennt einander nicht wirklich
Die Umlaufgeschwindigkeit ist unvorstellbar. Auf der Spur des Schattens altert die Zeit schnell. Dieses Motto, das dem letzten Buch von Antonio Tabucchi vorangestellt ist, drückt noch am besten aus, was um uns herum geschieht, doch vielleicht lässt sich diese Geschwindigkeit auch an den wechselnden Farben der Jacketts messen, in denen die Bundeskanzlerin auf einem Gipfel nach dem anderen zwischen den grauen oder blauen Anzügen ihrer bedrückten oder nicht bedrückten männlichen Kollegen erscheint. Sorgsam getarnte Turbulenz, lautet die politische Parole, mit der man die reale Turbulenz auf den Märkten, in den Köpfen und den Parteien in den Griff zu bekommen trachtet.
Diese Krise hat ihre eigene Ikonografie, sowohl in Form von Fotos als auch von vernichtenden Karikaturen. Merkel mit preußischem Helm und Eisernem Kreuz, mit Hitlerbärtchen und anderen verderblichen Attributen, die Deutschland am liebsten vergessen würde, Merkel mit einem riesengroßen europäischen Stier auf den Schultern, Merkel mit den unbequemen Herren ihrer mühseligen Koalition, um zu zeigen, dass sie nicht nur nach außen, sondern auch nach innen einen Krieg führen muss, Merkel mit Politikern der anderen Parteien, alle einen Kreis um den zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewählten Präsidenten Gauck bildend, der in dieser Gesellschaft aussieht wie der Gefangene von Zenda, Merkel, mit Sarkozy durch die Luft fliegend, und dann wieder Merkel allein, in Schwarz, nachdem sie sich bei den Hinterbliebenen der von Neonazis ermordeten Bürger türkischer und griechischer Herkunft entschuldigt hat.
Verblüffend auch, wie schnell manche Ikonen ungültig werden, Briefmarken, die man nicht mehr verwenden kann, der weggefegte Berlusconi, der ausradierte Zapatero, der aufgelöste Papandreou, drei Könige, die den Stall nicht mehr zu finden vermögen und mit einem Mal den schalen Anstrich von Komparsen bekommen haben, die im neuen Akt nicht mehr mitspielen dürfen. Und dann wieder Merkel, die Cameron den Finger fast schon in den Bauch bohrt, und Sarkozy, der, um Hollande zu besiegen, Anleihen beim geistigen Vokabular der bösen Rechten macht und dadurch in den Karikaturen immer gallischer und hahnenartiger dargestellt wird, der Countertenor der Grande Nation auf einer großen, leeren Bühne, auf der es unangenehm zieht.
Vor über 20 Jahren, als wir das alles noch nicht ahnen konnten und der Euro sich noch im pränatalen Dunkel befand, nahm ich vorläufig Abschied von Berlin und von Deutschland. Ich war vom Getty Center nach Los Angeles eingeladen worden, um dort ein Jahr lang an meinem Buch „Allerseelen“ zu arbeiten, einem Roman über Menschen in Berlin, die hier wie ich die Wende miterlebt hatten, die große Umkehr, die Europa auf dramatische Weise aus dem ihm in Jalta schmerzlich aufgezwungenen Gleichgewicht bringen sollte. Fern von alledem schrieb ich in der lichten Ferne Kaliforniens ein Buch über einen bitterkalten Winter im verschneiten Berlin, ein Buch, das in Deutschland nach wie vor läuft, in England jedoch wie ein Backstein unterging. Das Land war mir ans Herz gewachsen, ich hatte dort Freundschaften geschlossen, die turbulenten Ereignisse hautnah verfolgt und jeden Tag darüber berichtet.
An einem dieser letzten Tage vor meinem Abschied war ich lange durch die schwermütigen Gärten von Sanssouci in Potsdam spaziert, in der untergegangenen Glorie Friedrichs des Großen, die plötzlich auch zur untergegangenen Glorie der DDR geworden war, und ich hatte mehr als genug zum Nachdenken. Die Sowjets waren dabei, ihre Truppen nach Hause zu holen, Europa sah sich auf einmal mit einer neuen Realität konfrontiert, und in so mancher Hauptstadt hat man sich wahrscheinlich, wie ich, in jenen Tagen gefragt, was Deutschland tun würde, wenn es groß wäre. An sich war diese Frage legitim, dazu hatten drei Kriege und Millionen von Opfern beigetragen. Zum soundsovielten Mal in diesem Jahrhundert mussten Europäer über die Geschichte nachdenken und darüber, welche Rolle Deutschland darin gespielt hatte und jetzt möglicherweise wieder spielen könnte. Damals formulierte ich es so: „Kennen wir Deutschland? Kennt es sich selbst? Weiß es, was es werden will, wenn es groß ist?“










