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Berliner Republik

Euro-KriseMehr Aufrichtigkeit wagen

Von Alexander Marguier31. Oktober 2012
picture alliance
Euro, Troika, Brüssel
Fünf vor zwölf in der Euro-Krise
Schrift:

Krise und kein Ende – aber warum traut die Politik uns eigentlich nicht zu, dass wir ein bisschen mehr Wahrheit vertragen?

Wenn ich in diesen Tagen einen Satz wirklich nicht mehr hören kann, dann den folgenden: „Wir müssen erst noch den Troika-Bericht abwarten.“ Nur um es klarzustellen: Abwarten an sich ist eine prima Sache, es wird grundsätzlich viel zu wenig abgewartet und umgekehrt viel zu schnell losgelabert. Und was mich angeht, könnten auch die Ladenbesitzer mit ihrer Weihnachtsbeleuchtung in den Schaufenstern gerne noch bis zum ersten Advent abwarten. Aber beim Troika-Bericht verliere ich so langsam die Geduld. Und zwar einzig und allein aus dem Grund, weil Politiker fast jedweder Partei zum Thema Euroschuldenkrise befragt nur noch eine Antwort zu kennen scheinen: „Wir müssen erst noch den Troika-Bericht abwarten.“

Leider wird dieser Satz aber regelmäßig mit einer Mimik vorgetragen, die einen schaudern lässt. Wenn ein Arzt mir mit diesem Gesichtsausdruck verkünden würde, er könne noch nichts genaues sagen, denn „wir müssen erst noch die Röntgenbilder abwarten“, würde ich unverzüglich mein Testament aufsetzen.

Liebe Volksvertreter, vielleicht sollten wir einfach mal Klartext miteinander reden. Kann ja manchmal ganz hilfreich sein. Also: Nein, wir müssen den Troika-Bericht überhaupt nicht mehr abwarten. Denn erstens scheint er ja bereits in sämtlichen Ministerien herumzuflattern, weil ja sonst wohl kaum schon jetzt jeder wüsste, was drinsteht. Und zweitens ahnen wir auch ohne Kenntnis des präzisen Wortlauts dunkel, dass die Troika bei ihrer Expedition nach Griechenland weder einen bisher verborgenen Goldschatz, noch eine geläuterte Politikerkaste und am allerwenigsten so etwas wie eine aufkeimende Steuermoral entdeckt hat. Blöderweise geht das ja jetzt schon eine ganze Weile so: Die Troika fährt nach Athen, hinterher sind überraschender Weise wieder ein paar Milliarden fällig.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich gönne den Griechen das viele Geld aus vollem Herzen – und würde mich sogar noch mehr freuen, wenn ich wüsste, dass es nicht nur dazu dient, korrupte, dysfunktionale  Strukturen aufrecht zu erhalten und den Banken den Arsch zu retten. Aber auch daran hat man sich ja inzwischen gewöhnt.

Womit ich mich allerdings überhaupt nicht abfinden will, das ist diese schäbig-verlogene Art, mit der die Wähler hierzulande hinters Licht geführt werden sollen. Jeden Tag ein bisschen mehr. Dass von der Bundeskanzlerin seit der Verfestigung dieser ganzen krisenhaften Gesamtsituation keine einzige öffentliche Rede gehalten wurde, die als hellsichtig, vorausschauend, weise und vor allem aufrichtig in Erinnerung geblieben wäre, das ist schon schlimm genug. Aber Angela Merkel hat bekanntlich spätestens seit ihrem ersten Kanzlerwahlkampf die Vorstellung aufgegeben, Macht und Wahrheit schlössen einander zumindest nicht grundsätzlich aus. Was sich in ihrem Fall bisher seltsamerweise auch bewährt – fragt sich nur, wie lange noch.

Vorläufig scheint die Methode Merkel, dieses falsche Spiel mit der asymmetrischen Information, jedenfalls zu fruchten. Denn alle anderen tun es ihr gleich – zumindest, wenn sie nicht als Outcast enden wollen. Wolfgang Schäuble zum Beispiel, der an einem Tag in Asien verspricht, „there will be no Staatsbankrott in Greece“, und ein paar Tage später in Deutschland den Eindruck erweckt, die Hilfsmilliarden kämen schon irgendwie zurück. In der Zwischenzeit müssten wir nur noch den Troika-Bericht abwarten.

Ich beneide die politischen Akteure nicht für ihre gewaltige Verantwortung, geschweige denn für die Aufgaben, die sich ihnen stellen. Denn es gibt keine einfachen Lösungen, billige schon gar nicht. Das hat inzwischen jeder begriffen – auch ohne den Troika-Bericht studiert zu haben. Warum traut man uns dann nicht zu, dass wir verantwortungsvoll mit dieser Erkenntnis umgehen?

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Mehr Aufrichtigkeit wäre gut, aber

dazu müsste man das Volk ja erst einmal als solches wahrnehmen. Die Selbstherrlichkeit, in der sich alle Parteien, vielleicht die Linke ausgenommen, befinden, hat sich vom Volk weitestgehend entfernt. Lediglich zur Wahl wird es hervorgekramt, soll sein Kreuzchen machen und ansonsten aber bitte die Klappe halten. Denn die da oben machen das ja schon, irgendwie.

Wie soll man da von Merkel & Co. Aufrichtigkeit erwarten, wenn denen das Volk überhaupt nicht präsent ist, es für diese Sachzusammenhänge für viel zu blöd gehalten wird. Lieber lügt man, dass sich die Balken biegen, befindet alles auf einem guten Weg und wartet auf die Troika. Es geht aber auch noch darum, den Bundestag außen vor zu lassen, was aber grundsätzlich gar nicht das Problem ist, wurde doch bisher dort zu jedem Rettungspaket Ja und Amen gesagt. Alternativlos.

  • Antworten
-simon-31.10.2012 | 15:45 Uhr

Über die Wahrheit von Politik

"... warum traut die Politik uns eigentlich nicht zu, dass wir ein bisschen mehr Wahrheit vertragen?"
Das ist eine Frage, deren Antwort m.E. so umfangreich ist, dass der hiesige Rahmen gesprengt würde. Daher in Kürze: es kommt darauf an, wie sehr das Thema dem Volk auf den Nägeln brennt. Wahrheiten, die nur von Weitsichtigen ernst genommen werden oder der allgemeinen Volksunterhaltung dienen, die lässt man schon raus. "Deutschland muss von außen eingehegt, und innen durch Zustrom heterogenisiert, quasi verdünnt werden." (Joschka Fischer, “Risiko Deutschland”, 1994). Wen hat das 1994 interessiert, obwohl dies die Wahrheit über die Politik der Einwanderung war, die uns heute, fast 20 Jahre später so auf den Nägeln brennt. Würde ein Politiker heute, 2013, und nach der Tretorgie vom Alexanderplatz, noch mit einer solchen Wahrheit herausrücken? Da sind Wahrheiten über die akademischen Schummeleien oder den Vortagstourismus von prominenten PolitikernInnen eher geeignet, gefahrlos unters Volk gestreut zu werden. Das amüsiert oder ärgert und lenkt vom Wesentlichen ab. Und das Wesentliche heißt Geld. Nicht irgend ein Geld, sondern meines und Deines, wo, wie wir alle wissen, die Gemütlichkeit aufhört. Und wenn eine Clique mein Geld ohne meine Zustimmung bei einer gigantischen Zockerveranstaltung in den Ring wirft (man kennt das aus einschlägigen Filmen), dann ist es für die Clique und ihr System, das sie nährt und unterhält, existentiell wichtig, den Mund zu halten oder Falschmeldungen in die Welt zu setzen. Ich lerne daraus: wenn man mich mit "Wahrheiten" tage-, wochen- und monatelang bombardiert, dann tangieren sie mich höchstens am Rande. Wenn geschwiegen wird oder mantramäßig Ausflüchte zu hören sind, heulen bei mir die Sirenen .

  • Antworten
Rudolf Stein01.11.2012 | 12:47 Uhr

Mehr Aufrichtigkeit wagen

Das sagt sich leicht. Und es ist ja auch richtig. Ber es wird eben nicht "belohnt".
"Wenn man den Leuten die Wahrheit geigt, dnn hauen sie einem die Geige auf den Kopf".
Vom LE FIGARO stmmt das sarkastische Bonmot:
"Maastricht ist Versailles ohne Krieg. (Die Deutschen zahlen).
Die Wege dazu sind vielfältig und verschlungen. Das Ergebnis steht fest.
Also: CARPE DIEM und fröhlich bleiben......

  • Antworten
Wolram Wiesel02.11.2012 | 21:55 Uhr

Wahrheit,welche Wahrheit?

Die deutschen Politiker aller Parteien erzählen die gleichen Lügen schon so lange und so oft daß sie ihre Un- und Halbwahrheiten schon selber glauben und sind ganz genervt über die mangelnde Empfänglichkeit ihrer "Wahrheiten" bei den Bürgern.Schließlich Lügen doch nur die Anderen.

  • Antworten
Karin Stutz07.11.2012 | 12:00 Uhr

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