Judenfeind Luther

Die dunkle Seite des Reformators

Martin Luthers Hass auf die Juden machten sich die Nationalsozialisten zunutze. Es waren mehr Protestanten als Katholiken, die Adolf Hitler zur Macht verhalfen. Die evangelische Kirche sollte im Rahmen des Reformationsjubiläums ihre eigene Geschichte selbstkritisch aufarbeiten

Lutherdenkmal in Wittenberg
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Unser Autor

Christian Pfeiffer leitet das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen und ist einer der angesehensten deutschen Kriminologen.

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Im Jahr 1543 veröffentlichte der 60 Jahre alte Martin Luther seine Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“. Darin entwickelte er sieben Forderungen, die nachfolgend auf ihre Kernaussagen verkürzt werden: „Was wollen wir Christen nun tun mit diesem verworfenen, verdammten Volk der Juden? [...] Ich will meinen treuen Rat geben:

Erstlich, daß man ihre Synagoga oder Schule mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und beschütte, daß kein Mensch einen Stein oder Schlacke davon sehe ewiglich.
Zum anderen, daß man auch ihre Häuser desgleichen zerbreche und zerstöre.
Zum Dritten, daß man ihnen nehme alle ihre Betbüchlein und Talmudisten.
Zum Vierten, daß man ihren Rabbinern bei Leib und Leben verbiete, hinfort zu lehren.
Zum Fünften, daß man den Juden das Geleit und Straße ganz und gar aufhebe.
Zum Sechsten, daß man ihnen den Wucher verbiete und ihnen alle Barschaft und Kleinode an Silber und Gold nehme.
Zum Siebten, daß man den jungen, starken Juden und Jüdinnen in die Hand gebe Flegel, Axt, Karst, Spaten, Rocken, Spindel, und lasse sie ihr Brot verdienen im Schweiß der Nase.“

Im Grunde hatte Luther damit das gefordert, was knapp 400 Jahre später in der Reichspogromnacht realisiert wurde. In einem Punkt unterscheidet sich allerdings sein Appell vom Antisemitismusprogramm der Nationalsozialisten. Luther hatte nicht zum Holocaust aufgerufen.

Margot Käßmann hat in einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kürzlich darauf hingewiesen, dass dieser Text Luthers nur dann richtig verstanden werden könne, wenn man sich mit seiner ersten Judenschrift „Dass Jesus ein geborener Jude sei“ aus dem Jahr 1523 auseinandersetzt. Darin hatte Luther sich schützend vor die Juden gestellt. Damals hoffte er wohl noch, sie zu seinem reformierten Christentum bekehren zu können.

Er übte jedenfalls scharfe Kritik an den vielen Christen, die die Juden behandelten, „als wären es Hunde“. Für die Weigerung der Juden, sich bekehren zu lassen, zeigte er großes Verständnis und schrieb, angesichts solcher Erfahrungen wäre auch er an ihrer Stelle „eher eine Sau, denn ein Christ geworden“. Aber 20 Jahre später folgten dieser von Judenhass und Polemik geprägte Aufruf sowie weitere entsprechende Texte, Tischreden und Predigten.

Welche Bedeutung hat Luthers Schrift für die Nationalsozialisten?


Es stellen sich somit drei Fragen. Erstens: Wie ist dieser Kurswechsel Luthers zu erklären? Zweitens: Welche Bedeutung hat seine Schrift von 1543 dafür, dass die Nationalsozialisten knapp 400 Jahre später, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, genau das taten, wozu er aufgerufen hatte? Drittens: Wie geht die evangelische Kirche heute in der Luther-Dekade mit dieser schweren Erblast um?

Zur ersten Frage vermitteln die Luther-Biografie Heinz Schillings und die 2011 erschienene Neuauflage des Buches „Luthers ‚Judenschriften‘“ des Göttinger Kirchengeschichtlers Thomas Kaufmann sehr sorgfältig recherchierte Erkenntnisse. Kurz gesagt: Der späte Luther war geradezu getrieben von der Sorge, dass sein Lebenswerk noch scheitern könnte.

Er hatte damals die Obrigkeit aufgefordert, gegen alle, die von seiner Lehre abwichen, mit aller Macht vorzugehen. Für ihn gab es nur eine Lesart der heiligen Texte – seine. Erst im Zeitalter der Aufklärung wurde die Basis dafür geschaffen, dass sich der moderne Toleranzbegriff entfalten konnte und dass auch die Kirchen schrittweise lernten, die Existenz anderer Religionen neben der eigenen hinzunehmen.

Bei Luther kam hinzu, dass sich im Alter, wie Kaufmann es formuliert, sein cholerisches Temperament immer stärker bemerkbar machte. Durchdrungen von seinem Sendungsbewusstsein fühlte er sich dazu berufen, die von ihm als verstockte Feinde Christi angesehenen Juden mit zu attackieren, nachdem sie seinem Werben um Bekehrung nicht entsprochen hatten.


Zu der zweiten Frage nach der späteren Bedeutung von Luthers judenfeindlichen Spätschriften haben Wolfgang Thielmann und vorher der Kirchenhistoriker Johannes Wallmann in Christ und Welt beziehungsweise der FAZ eine sehr umstrittene These aufgestellt. Diese Schriften Luthers seien in späteren Jahrhunderten innerhalb der evangelischen Kirche anders als seine projüdische Schrift von 1523 abgelehnt worden und bald in Vergessenheit geraten.

Erst die braunen Machthaber hätten die Christen an das vergessene Erbe erinnert. Wallmann kann die kirchliche Ablehnung allerdings nur im Hinblick auf die relativ kleine Gruppe der Pietisten belegen. Zweifelhaft wird seine Argumentation zudem dadurch, dass er sich auf nationalsozialistische Historiker oder völkische Antisemiten beruft.

Der von ihm zitierte Karl Grunsky (1933) oder auch Mathilde Ludendorff (1928) hatten der evangelischen Kirche in der Tat vorgeworfen, sie habe Luthers antijüdische Schriften unterschlagen, entsprechende Texte anderer Autoren bewusst unterdrückt und dadurch systematisch Verrat an Luthers Reformation geübt. Doch Wallmann negiert damit völlig, dass bereits der Theologe Hermann Steinlein diese Thesen im Jahr 1932 als antikirchliche Propaganda entlarvt hatte.


Steinlein konnte aufzeigen, dass sämtliche bis dahin erschienenen Gesamtausgaben Luthers dessen zweite Judenschrift enthielten und dass es ferner vier gesonderte Nachdrucke gab, mit denen das Werk im 16. bis 19. Jahrhundert vollständig oder in Auszügen erneut publiziert worden war. Zudem benannte er allein zehn evangelische Theologen, die sich seit dem Tod Luthers über die Jahrhunderte hinweg in ihren Schriften intensiv mit Luthers judenfeindlichen Thesen auseinandergesetzt hatten – überwiegend zustimmend, nur wenige kritisch.


Steinlein führte ergänzend eindrucksvolle Beispiele für volkstümliche Schriften an, in denen mit scharf antisemitisch orientierter Grundhaltung ­Luthers Thesen verbreitet wurden. Er wies auf Gutachten von theologischen Fakultäten hin, in denen sich die Autoren auf Luthers Standpunkte bezogen. Schließlich zitierte er mit Heinrich ­Graetz und Reinhold Lewin zwei jüdische Historiker, die über die negative Wirkung von Luthers antijüdischen Texten berichtet hatten.

"Die protestantische Welt auf lange Zeit vergiftet"


Graetz beklagte 1853 unter Hinweis auf eine große Zahl antijüdischer Autoren, die sich auf Luther berufen hatten, dieser habe „mit seinem judenfeindlichen Testament die protestantische Welt auf lange Zeit hinaus vergiftet“. Reinhold Lewin war 1911 zu der Einschätzung gelangt: „Die Saat des Judenhasses, die er darin ausstreut, (…) wirkt noch lange durch die Jahrhunderte fort; wer immer aus irgendwelchen Motiven gegen die Juden schreibt, glaubt das Recht zu besitzen, triumphierend auf Luther zu verweisen.“

In einer in Christ und Welt gedruckten Replik auf Thielmanns Thesen benennt der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik eine Reihe weiterer Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts, die nur zu gerne Luthers judenfeindliche Thesen aus seinen Schriften übernommen hätten. Beispiele sind für ihn Hartwig von Hundt-Radowskys hassverzerrte Polemik aus dem Jahr 1819 „Der Judenspiegel“ oder das von Theodor Fritsch seit 1887 fast jährlich publizierte „Handbuch der Judenfrage“. Darüber hinaus gab es aber auch im 19. Jahrhundert, worauf Graetz zu Recht hingewiesen hatte, hochgeachtete Wissenschaftler, wie etwa den Historiker Friedrich Rühs oder den Naturwissenschaftler Jakob Friedrich Fries, die 1816 die Judenfeindschaft des späten Luther zur Begründung ihrer entsprechenden Thesen herangezogen hatten.

1985 publizierte der Historiker Günther B. Ginzel eine Analyse zur Bedeutung von Luthers zweiter Judenschrift. Unter Berufung auf zahlreiche Texte von Theologen und anderen Autoren des 19. Jahrhunderts und der zwanziger Jahre gelangt er zu der Einschätzung, dass Martin Luther mit seinen judenfeindlichen Thesen die Gesinnung und Haltung der evangelischen Geistlichkeit nachhaltig beeinflusst habe. Er sei so zum „Kronzeugen des modernen Antisemitismus“ geworden. Viele der Autoren seien zudem von einer geradezu „sakralen Überhöhung des Deutschtums“ geprägt und bezögen sich auf Luther.

Die hier herangezogenen Texte zeigen klar auf: Luthers späte Schriften erfuhren, gerade weil ihr Autor der große Reformator war, immer wieder starke Beachtung. Sie konnten so über Jahrhunderte hinweg bei der Begründung und Fortentwicklung judenfeindlicher Einstellungen und Verhaltensweisen eine wichtige Rolle spielen. Die Nationalsozialisten erkannten das sehr früh und nutzten die eigentlich theologisch begründeten antijudaistischen Schriften Luthers für ihren rassistisch orientierten Antisemitismus.

Der junge Adolf Hitler hatte Anfang der zwanziger Jahre mit den aufeinanderfolgenden Chefredakteuren des Völkischen Beobachters, Dietrich Eckart und Alfred Rosenberg, zwei Berater an seiner Seite, die Luther gerade wegen seines Kurswandels vom Judenfreund zum Judenfeind bewunderten. Dies dürfte dazu beigetragen haben, dass Hitler bereits in seiner Nürnberger Parteitagsrede von 1923 und ein Jahr später in „Mein Kampf“ seine Wertschätzung Luthers zum Ausdruck brachte. Den „großen Reformator“ würdigte er in einer Reihe mit Friedrich dem Großen und Richard Wagner als herausragenden Deutschen.

Innerhalb der evangelischen Kirche wuchs bereits in den zwanziger Jahren die Zustimmung zur nationalsozialistischen und antisemitischen Bewegung. Ein Beispiel bietet der spätere bayerische Landesbischof Hans Meiser, ein Mitglied der „Bekennenden Kirche“, der als Direktor des evangelischen Predigerseminars 1926 den Aufsatz „Die evangelische Gemeinde und die Judenfrage“ veröffentlichte. Darin fordert er Maßnahmen zur Zurückdrängung des jüdischen Geistes im öffentlichen Leben und zur Reinhaltung des deutschen Blutes. „Gott hat jedem Volk seine völkische Eigenart und seine rassischen Besonderheiten doch nicht dazu gegeben, damit es seine völkische Prägung in rassisch unterwertige Mischlingsbildungen auflösen lässt.“

Pastoren sympathisieren mit Hitler

 

Am 12.  Juni 1932 berichtet die Neue Zürcher Zeitung, viele führende Vertreter der Evangelischen Kirche Deutschlands, vor allem aber die jüngeren Pastoren, sympathisierten mit Hitler und betätigten sich in der NSDAP. In beinahe allen Landeskirchen bestünden nationalsozialistische Pfarrer-Bünde. 1933 bestätigt sich diese Einschätzung. Die mächtige Evangelische Kirche der Altpreußischen Union und ihr folgend bald auch die Evangelische Rheinische Landeskirche beschlossen auf ihren Generalsynoden die Einführung des Arierparagrafen.

Die Folge: Ausschluss aller jüdischstämmigen Christen aus dem hauptamtlichen kirchlichen Dienst. Der Protest des Theologen Dietrich Bonhoeffer gegen den kirchlichen Arierparagrafen erzielte keine Wirkung. Hinzu kommt, dass sich 1932 innerhalb der evangelischen Kirche mit den „Deutschen Christen“ eine immer stärker werdende Strömung entwickelte, die schon durch das Hakenkreuz in ihrer Fahne dokumentierte, wo sie stand. Ein Beispiel für ihre Linientreue bot ihr Landesbischof Martin Sasse aus Eisenach. 1938 sorgte er dafür, dass Luthers zweite Judenschrift in einer Auflage von 150 000 Exemplaren erneut veröffentlicht wurde, nachdem die Nationalsozialisten den Text bereits mehrfach neu gedruckt hatten.

Im Vorwort dieser Publikation „Martin Luther und die Juden – weg mit ihnen!“ äußerte sich Bischof Sasse so: „Am 10. November 1938, an Luthers Geburtstag, brennen in Deutschland die Synagogen (…). In dieser Stunde muss die Stimme des Mannes gehört werden, der als der Deutsche Prophet im 16. Jahrhundert aus Unkenntnis einst als Freund der Juden begann, der getrieben von seinem Gewissen, getrieben von den Erfahrungen und der Wirklichkeit, der größte Antisemit seiner Zeit geworden ist, der Warner seines Volkes wider die Juden.“

 

Die Einführung des Judensterns 1941 wurde von acht norddeutschen Landeskirchen der „Deutschen Christen“ mit folgender Erklärung begrüßt: „Als Glieder der deutschen Volksgemeinschaft stehen die unterzeichneten deutschen evangelischen Landeskirchen und Kirchenleiter in der Front dieses historischen Abwehrkampfes, der unter anderem die Reichspolizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden als der geborenen Welt- und Reichsfeinde notwendig gemacht hat. Wie schon Dr. Martin Luther nach bitteren Erfahrungen die Forderungen erhob, schärfste Maßnahmen gegen die Juden zu ergreifen, und sie aus deutschen Landen auszuweisen.“

Aber auch führende Mitglieder der „Bekennenden Kirche“ profilierten sich mit judenfeindlichen Äußerungen. Ein Beispiel bietet der evangelisch-lutherische Oberkirchenrat Otto Bezzel aus Bayreuth, der dem Führungsstab von Bischof Meiser in München angehörte. In einer Predigt in der Erlöserkirche in Bamberg forderte er 1937, „die Juden sind die Zerstörer und gehören hinausgepeitscht“.

Selbst der württembergische Landesbischof Theophil Wurm leitete als Mitglied der „Bekennenden Kirche“ ein kritisches Schreiben an den Reichsjustizminister vom 3. Dezember 1938 mit folgender antisemitischer Passage ein: „Ich bestreite mit keinem Wort dem Staat das Recht, das Judentum als gefährliches Element zu bekämpfen. Ich habe von Jugend auf das Urteilen von Männern wie Heinrich von Treitschke und Adolf Stoecker über die zersetzende Wirkung des Judentums auf religiösem, sittlichem, literarischem, wirtschaftlichem und politischem Gebiet für zutreffend gehalten und vor 30 Jahren als Leiter der Stadtmission in Stuttgart gegen das Eindringen des Judentums in die Wohlfahrtspflege einen öffentlichen und nicht erfolglosen Kampf geführt.“

Damit wird erneut deutlich, dass die „Bekennende Kirche“ in dieser Zeit nur partiell in Distanz zum NS-Regime stand. Zwar wehrte sie sich dagegen, als kirchliche Organisation wie die „Deutschen Christen“ Teil des nationalsozialistischen Unterdrückungssystems zu werden, und beharrte in Fragen der kirchlichen Lehre auf ihrer Eigenständigkeit. Zur Verfolgung der Juden schwieg sie jedoch meist oder trat sogar öffentlich mit antisemitischen Thesen auf.

Die von Wolfgang Gerlach in seiner Dissertation von 1987 belegte Tatsache, dass es in der „Bekennenden Kirche“ eine beachtliche Zahl mutiger Christen gab, die bedrohten Juden zur Seite standen, kann diese Einschätzung nicht relativieren. Dass sich die Nationalsozialisten immer wieder auf Luther als „Kronzeugen“ ihres Antisemitismus bezogen haben, wird schließlich in einer Erklärung deutlich, die Julius Streicher, Herausgeber des Hetzblatts Der ­Stürmer, am 29. April 1946 bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen abgegeben hat: „Dr. Martin Luther säße heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank, wenn dieses Buch in Betracht gezogen würde.

In dem Buch ‚Die Juden und ihre Lügen‘ schreibt Dr. Martin Luther, die Juden seien ein Schlangengezüchte, man solle ihre Synagogen niederbrennen, man solle sie vernichten (…). Genau das haben wir getan!“ Wenn man anhand der historischen Quellen das Verhalten der katholischen Kirche untersucht, zeigt sich ein anderes Bild. Vor allem hinsichtlich des Antisemitismus hatte sie größere Distanz zum Regime gewahrt und sich nicht auf solche Formen aktiver Kooperation mit ihm eingelassen, die insbesondere für die „Deutschen Christen“ typisch waren – auch deshalb, weil die Nationalsozialisten Luther stets als einen der „großen Deutschen“ priesen und seine judenfeindlichen Thesen von Beginn an propagandistisch eingesetzt hatten. Dadurch konnten sie eine spezifische Nähe zu der von ihm gegründeten Kirche herstellen. Es setzte sich etwas fort, was bereits seit Jahrhunderten bis 1933 zu beobachten war.

Die NSDAP verdankte ihren Sieg evangelischen Wählern

 

Dies zeigt beispielhaft eine Analyse der Religionszugehörigkeit von 48 deutschen Autoren judenfeindlicher Texte, die in den Schriften von ­Graetz, Steinlein, Ginzel und Brumlik zitiert werden. Nur drei gehörten der katholischen Kirche an. Zu sechs weiteren ließ sich die Religion nicht ermitteln. 39 waren evangelisch, 18 von ihnen hatten evangelische Theologie studiert. Die Verbindung der evangelischen Kirche zum Antisemitismus dürfte einen wichtigen Beitrag dazu geleistet haben, dass die NSDAP bei den Reichstagswahlen vom Juli 1932 zum ersten Mal mit 37,2 Prozent stärkste Partei wurde.

Wie der Wahlforscher Jürgen Falter ermittelt hat, verdankte sie ihren Sieg den evangelischen Wählern. Von ihnen hatte sich jeder Zweite für Hitler entschieden, von den Katholiken dagegen nur jeder Fünfte. Letzteres kann nicht überraschen. Die katholische Kirche hatte im Jahr 1930 ihren Mitgliedern verboten, der NSDAP beizutreten, und den Nationalsozialisten die Sakramente, zum Beispiel Taufe und Hochzeit, verweigert.

Außerdem hatte sie 1932 in einem Hirtenbrief zur Reichstagswahl ihre Gläubigen dazu aufgerufen, nur christlich orientierte Politiker und Parteien zu wählen. Nach dem Kriegsende kam die ­schockartige Konfrontation mit dem Holocaust. Seitdem wird der Antisemitismus von beiden christlichen Kirchen eindeutig abgelehnt. Auch im Vergleich der Einstellungen ihrer Mitglieder ergeben sich heute keine signifikanten Unterschiede. In einer repräsentativen Schülerbefragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen wurden 2013 knapp 10 000 niedersächsische Jugendliche befragt.

Von den katholischen deutschen Schülern stimmten 7,2 Prozent antisemitischen Thesen zu, von den evangelischen waren es 6,7 Prozent. Doch nun zur dritten Frage. Wie geht die evangelische Kirche mit ihrer Vergangenheit um? 1950 hatte sie erklärt, sie sei durch „Unterlassen und Schweigen mitschuldig geworden an dem Frevel, der durch Menschen unseres Volkes an den Juden begangen wurde“. Aber das war nur die halbe Wahrheit.

Darüber, dass starke Kräfte der evangelischen Kirche im Dritten Reich den Antisemitismus aktiv unterstützt hatten, verlor man 1950 kein Wort. Heute sind wir zeitlich weit genug entfernt von den damaligen Verstrickungen vieler Akteure der evangelischen Kirche. Trotzdem nutzte sie den 75. Jahrestag der Pogromnacht 2013 nicht, um selbstkritisch Rückschau zu halten.

Die Schattenseiten benennen

 

2017 wird es 500 Jahre her sein, dass die 95 Thesen des Reformators in Umlauf gebracht wurden. Dann endet die 2008 begonnene Luther-Dekade. Bis dahin bliebe ausreichend Zeit, das Versäumte nachzuholen und sich an der programmatischen Aussage Margot Käßmanns zu orientieren: „Es kann kein Reformationsjubiläum geben, das bei aller Freude über die Errungenschaften der Reformation ihre Schattenseiten nicht benennt.“

Das Spektrum der Möglichkeiten reicht von einer Historikerkommission, wie sie etwa das Auswärtige Amt oder verschiedene große Firmen eingesetzt haben, bis hin zu einem sorgfältig vorbereiteten und gründlich dokumentierten Symposium. Ganz gleich, welchen Weg die EKD und die evangelischen Landeskirchen einschlagen werden: Die Entscheidung, eine solche Analyse bei kompetenten Wissenschaftlern in Auftrag zu geben, hätte eine positive Konsequenz.

Sie würde den Freiraum dafür schaffen, Luthers große historische Leistung 500 Jahre später angemessen zu würdigen. Schließlich ist es in hohem Maße seinem entschlossenen und kraftvoll vorgetragenen Protest zu verdanken, dass die Kirche ihren damaligen Irrweg verlassen konnte. Einerseits begründete Luther die Reformation. Andererseits förderte er eine innere Wandlung der katholischen Kirche. Auch als Übersetzer der Bibel ins Deutsche bleibt seine Lebensleistung gewaltig.

Wenn sich dagegen manche Kirchenhistoriker und maßgebliche Vertreter der Kirche weiterhin wie Denkmalschützer vor den Reformator stellen, werden sie in eine unglaubwürdige, die eigene Position schwächende Abwehrhaltung geraten. Eine kritische Rückschau kann allerdings nur gelingen, wenn hierfür nicht nur Historiker, sondern auch Sozialwissenschaftler herangezogen werden. Erst dadurch könnten – ergänzend zu einer historischen Aufarbeitung – weitere, überaus wichtige Fragen geklärt werden:

Woran liegt es, dass sowohl die große Mehrheit der Pfarrer als auch der von ihnen betreuten Christen nicht die Kraft hatten, die zentrale Botschaft ihres Glaubens umzusetzen und gegenüber den bedrohten Juden Nächstenliebe zu praktizieren? Welche Bedeutung gewinnt die Tatsache, dass die damals in Deutschland lebenden Menschen in ihrer Kindheit ganz überwiegend sehr autoritären Erziehungsmethoden ausgesetzt waren? Sind sie gerade auch dadurch zu willfährigen Untertanen geworden? Zeigt sich andererseits am Beispiel der wenigen Christen, die die Kraft zum Widerstand und zur tätigen Nächstenliebe hatten, dass sie von ihren Eltern und Lehrern sehr liebevoll und gewaltfrei erzogen worden sind?

Die in den siebziger Jahren vom Ehepaar Oliner sowie von Eva Fogelman mit über 400 „Judenrettern“ geführten Interviews haben die hinter diesen Fragen stehenden Annahmen eindrucksvoll bestätigt. Ihre Studien zeigen: Es wäre wichtig, die hier angeregte Kommission auch damit zu beauftragen, die Biografie solcher Menschen zu untersuchen, die ihr Christentum während der Nazizeit überzeugend gelebt haben.

Hinweis: Die NSDAP wurde bei den Reichstagswahlen vom Juli 1932 zum ersten Mal mit 37,2 Prozent stärkste Partei. In einer früheren Version war irrtümlicherweise die Zahl 1937 angegeben.

 

Dieser Artikel ist eine Kostprobe aus der April-Ausgabe des Cicero. Darin finden Sie auch ein Gespräch mit Margot Käßmann. Die Botschafterin der evangelischen Kirche für das Reformationsjubiläum räumt darin eine Mitschuld der evangelischen Kirche an der Judenfeindlichkeit in Deutschland ein.

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