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 > Kreml-Astrologie in Berlin

Berliner Republik

Gauck, Merkel und der EuroKreml-Astrologie in Berlin

Von Gunter Hofmann10. Juli 2012
picture alliance
Merkel,Gauck,Euro,Ulrich Wilhelm,FAZ,Europa
Kennt sie den Weg aus der Krise?
Schrift:

Mehr Erklärungen hat Joachim Gauck der Kanzlerin empfohlen. Prompt erscheint ein Text von Ulrich Wilhelm, Merkels ehemaligem Regierungssprecher, in der FAZ und skizziert Europa am Scheideweg. Wie es früher beim Moskauer Kreml üblich war, betreibt Ulrich Wilhelm heute Kanzleramtsastrologie

Seite 1 von 3

Natürlich fehlt es in der Europa-Debatte an triftigen „Erklärungen“ von Seiten der Kanzlerin. Bundespräsident Joachim Gauck hat es wahrlich nicht verdient, dass ihm aus einer solchen Bemerkung ein Strick gedreht und unterstellt wird, er habe die Kanzlerin kritisiert. Er hat es hilfreich gemeint, dass sie und er unterschiedliche Rollen haben, die Kanzlerin die ungleich schwierigere, und er sein Amt so verstehe, wo er könne zur „Erklärung“ mit beizutragen. Wer Gauck nicht vollends mundtot oder zu einem Heinrich-Lübke-ähnlichen Präsidenten degradieren will, sollte ihn eher ermutigen, sich weiter klug dosiert einzumischen.

Aber hier geht es mir in erster Linie gar nicht um Gauck, sondern um die Kanzlerin und die Frage, was es mit den mangelnden „Erklärungen“ auf sich hat. Natürlich erläutert sie unermüdlich, was sie macht. Und trotzdem wird nicht klar, wohin die Reise gehen soll in Europa – und es soll auch nicht klar werden. Mal deutet sie kurz an, dass sie nicht einmal ein solches Instrument wie Eurobonds ausschließt, dann verkündet sie wieder, zu ihren Lebzeiten werde es die nicht geben. So geht das permanent. Uns Journalisten und die interessierte Öffentlichkeit zwingt das zu einer Art Kanzleramtsastrologie, so wie man früher Kremlastrologe sein musste, um zu erforschen, was hinter den hohen Mauern der sowjetischen Machtzentrale gedacht und geplant werde. Heute könnte man in Berlin getrost ähnlich von Kanzleramtsastrologie sprechen.

Bildergalerie: Eine kleine Geschichte des Euro
  • Eine kleine Geschichte des Euro
  • 1979: Gründung des Europäischem Währungssystem
  • Französischer Präsident Mitterand will eine Währungsunion
  • 1990: Freier Kapitalverkehr
  • 2002: Vertrag von Maastricht
  • Euro-Tower in Frankfurt
  • 1995: Der Name "Euro" wird geboren
  • Europäische Zentralbank löst EWI ab
  • 1999: Die Wechselkurse des Euro werden festgelegt
  • 2001: Griechenland wird in die Währungsunion aufgenommen.
  • 2002: Einführung des Euro
  • Jean-claude Trichet, Präsident der EZB
  • 2007-2009: Neue Länder treten der Währungsunion bei
  • 2009: Euro-Krise bahnt sich an
  • Griechenland in der Euro-Krise
  • Europäischer Rettungsschirm
  • Irland in der Euro-Krise
  • Portugal in der Euro-Krise
  • Spanien entkommt bislang nur knapp der Euro-Krise
  • Italien soll sich nun auch in der Euro-Krise befinden
  • Verlängerung des Euro-Rettungsschrims?

Da man nicht annähernd offen und ehrlich Auskunft über den Kurs in Sachen Europa erhält, ja sogar mit der Formel von der „Politik der kleinen Schritte“ suggeriert wird, es gebe nicht einmal eine eindeutige und kontinuierlich verfolgte Richtung, bleibt man auf das Deuten der Sternzeichen am Firmament angewiesen. In der alten, schönen, langweiligen Demokratie war das irgendwie besser: Da wusste man in der Regel, dass einer A meint, wenn er A sagt, Helmut Schmidt beispielsweise, auch Helmut Kohl, oder es war „basta!“ gemeint, wenn einer „basta!“ donnerte wie Gerhard Schröder. Selbst wenn der Kölner Kanzlerpatriarch Konrad Adenauer als guter Katholik wissen ließ, als Politiker müsse man mit der Wahrheit „net pingelig“ sein, konnte man sich irgendwie zuverlässig auf das Unwahrhaftige einstellen.

Vergangene Zeiten! Gäbe es dieses Rätselraten über Berlin und Angela Merkel nicht, wäre auch der Aufsatz nicht nötig gewesen, den Ulrich Wilhelm für das Feuilleton der FAZ geschrieben hat. Ein fulminanter Text, der mit der Losung betitelt war: „Gebt Souveränität ab!“ Erschienen ist er gerade noch vor der heutigen öffentlichen Verhandlung des Verfassungsgerichts über die Eilverfahren, die gegen den Fiskalpakt und den dauerhaften Rettungsmechanismus unter dem Kürzel ESM angestrengt worden sind. Man muss dazu wissen, dass Ulrich Wilhelm – inzwischen Intendant des Bayrischen Rundfunks - von 2005 bis 2010 Sprecher der Bundesregierung und als einer der wenigen, sehr engen Vertrauten von Bundeskanzlerin Angela Merkel galt. In Berlin ist es ein offenes Geheimnis, dass die beiden weiter miteinander in Kontakt stehen – obwohl Wilhelm viel zu klug ist, um sich je damit zu illuminieren. Das Frankfurter Blatt hat den Text zudem mit einem symbolkräftigen Foto versehen, auf dem die beiden, Merkel und Wilhelm, dem Betrachter den Rücken zukehren und Kopf an Kopf alleine sinnierend durch das Kanzleramt schlendern. Durch den Berliner Kreml, sagen wir mal.

Lesen Sie weiter, was Ulrich Wilhelm für die Kanzlerin ausspricht...

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Eine intelligenter Artikel und eine prägnante Analyse. Nur verstehe ich diesen Teil eines Satzes von Ulrich Wilhelm nicht:".....eine Gemeinschaftshaftung ohne Kontrolle sei kein tragbares Modell". Aber ist dieser ominöse ESM nicht gerade das, was nicht tragbar sein soll. Kontrolle gibt es bei diesem Mechanismus keine und die für denselben Verantwortlichen sind nicht einmal für ihr Tun haftbar zu machen. Darf man das jetzt als Kritik an diesem ESM verstehen oder wie sonst?

  • Antworten
Gabriele Rack10.07.2012 | 11:50 Uhr

Guten Artikel - ich habe im

Guten Artikel - ich habe im Januar aehnlich argumentiert und den Begriff "Kanzleramtologie" benutzt:

http://ecfr.eu/blog/entry/kanzleramtology

  • Antworten
Hans Kundnani11.07.2012 | 19:00 Uhr

Kreml-Astrologie in Berlin Von Gunter Hofmann10. Juli 2012

Aber was ist, wenn die Bevölkerung in mehreren grossen europäischen Staaten diese politische Union in dieser Form, auf diese Art und Weise, einfach nicht will? Wenn womöglich Franzosen und Niederländer, Iren, vielleicht auch Spanier, Slovaken, Slovenen, Österreicher, Esten, Finnen und sogar Deutsche ("Ihr werdet erst gar nicht gefragt!") mehrheitlich dagegen stimmen?

Werden wir dann von den ESA-Ideologen und EUROmantikern an den Haaren in den europäischen Himmel geschleppt?

  • Antworten
Andreas Thomsen20.07.2012 | 18:08 Uhr

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