Köln, Araber, Medien und die deutsche Frau - Es geht um Vorurteile

Den Medien wurde vorgeworfen, die Berichterstattung über die sexuellen Übergriffe in Köln sei gefiltert gewesen. Es stimmt: Jeder Mensch hat Vorurteile. Auch Journalisten. Im konkreten Fall hat das keine gute Mischung ergeben

Die Debatte seit Köln: Maß und Mitte verloren
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Petra Sorge ist freie Journalistin und lebt derzeit in Indien. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.

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Es hat nicht gut angefangen, dieses Jahr, wenn man sich die Medienberichterstattung anschaut. Die Debatte über die sexuellen Übergriffe in Köln hatte etwas Rohes, Giftiges. Der Begriff „Debatte“ ist dafür fast schon zu nobel.

Es geht nicht nur um die Frage, wie Medien mit den Fakten umgegangen sind. Dass der von einer ARD-Journalistin vorgebrachte Vergleich der sexuellen Gewalt in Köln mit jener auf dem Oktoberfest faktisch falsch ist. Dass aber auch die Massenvergewaltigungen auf dem Kairoer Tahrir-Platz eine andere Dimension hatten.

Nein, es geht vor allem um die Frage, von welchen Prämissen sich Journalisten in ihrer Arbeit haben leiten lassen. Es gibt sie, diese – benennen wir sie klar: Vorurteile. Stereotype. Kein Mensch, auch kein Journalist, ist frei davon.

Der Rassismus kocht nun über


Der „Zeit“-Kommentator Bernd Ulrich hat sie angesprochen. Da ist der Araber, der „als minderwertig, wild, verschlagen, aggressiv, geil und undiszipliniert“ gilt. Und da ist das deutsche Volk, „ein gefährliches und gefährdetes (…), dem man bestimmte Wahrheiten über Fremde nur wohldosiert“ verabreichen könne, sonst falle es zurück „in die Barbarei, die tief in ihm steckt (nicht aber in seinen Eliten, versteht sich)“.

Der Eindruck ist nicht falsch. Rechtsextreme und AfD-Anhänger haben mit den Missbrauchsfällen dieser Tage ihr Thema gefunden. Der Rassismus, der zuvor noch verschämt in Internetforen und Kommentarspalten blubberte, kocht nun über, offen, brutal, in der gesellschaftlichen Mitte, auf der Straße. Eine Pegida-Anhängerin ruft von der Bühne aus zur Gewalt gegen Medienmacher auf, eine MDR-Reporterin wird angegriffen, wie so viele andere Flüchtlinge, Ehrenamtliche, Politiker, Journalisten und Menschen mit Migrationshintergrund im vergangenen Jahr.

Vor einer solchen gesellschaftlichen Folie ist es kein Wunder, dass die meisten Journalisten sich sehr genau überlegen, was sie (nicht) zu Papier bringen. Nicht aus Argwohn. Nicht wegen eines vermeintlichen Meinungskartells. Sondern weil sie sich in einer Verantwortung sehen und – ja – vielleicht auch als Elite begreifen.

Nicht immer freilich war das Ende dieser Überlegungen zielführend.

Am besten berichteten die Lokalreporter


Je höher die Position, je seriöser das Medium, desto größer waren offenbar Vorbehalte, offensiv über die Kölner Silvesternacht zu berichten, das Tätermilieu zu erforschen und das Frauenbild in manchen islamisch-arabischen Kreisen zu thematisieren. Am größten waren sie bei den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, den „Alphatieren“ im Medienrudel.

Die Tagesschau begnügte sich mit dem Verlesen einer dpa-Meldung, das ZDF verzichtete gleich ganz darauf, darüber in der „heute“-Sendung zu berichten.

Die harsche Kritik der CSU – Ex-Innenminister Hans-Peter Friedrich sprach von einem „Schweigekartell“ – war aber nicht ganz berechtigt. In Sachsen etwa, wo die rechtsradikalen Umtriebe am schlimmsten sind, hat der MDR schon seit mehr als einem Jahr auch über Gewalt in Flüchtlingsheimen berichtet, wie aus einer Antwort an Cicero hervorgeht.

Die beste Recherchearbeit zu Köln aber lieferten jene Reporter, die viele in der medialen „Hackordnung“ als weiter unten verorten. Zum einen die Lokaljournalisten: Die privaten Regionalzeitungen hatten ihre Informationen noch vor der Polizei, sie veröffentlichten sehr schnell Opfer- und Augenzeugenberichte.

Zum zweiten die Boulevardjournalisten. Sie, über die Bildungsbürger so gern die Häme ausschütten, buddelten überhaupt erst viele Details der sexuellen Gewalt in der Silvesternacht aus. Die „Bild“-Zeitung machte bekannt, dass zahlreiche Polizeibehörden es unterlassen hatten, Straftaten zu kommunizieren, die von Flüchtlingen begangen wurden.

Jetzt schauen alle Medien genauer hin. Gut so.

Denn die angstfreie Präsentation von Fakten kann auch helfen, Stereotype abzubauen. So ist eine wichtige Erkenntnis aus der Stadt Köln: Die wenigsten Straftaten wurden nach einem Jahr von Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan, Irak und Iran begangen (0,5 bis 3,6 Prozent). Dagegen lag die Quote der Einwanderer, die nach einem Jahr straffällig wurden, bei Nordafrikanern bei 40 Prozent, wie aus dem Bericht an das nordrhein-westfälische Innenministerium deutlich wird.

Diese Differenzierung ist wichtig. Noch bevor das polizeiliche Lagebild zusammengesetzt war, wurden jedoch vorschnelle Urteile gefällt und Merkels Flüchtlingspolitik für gescheitert erklärt, auch bei diesem Onlineportal, und hinterher wurden Asylbewerberheime als „staatsferne Räume der Gewalt“ bezeichnet.

Wir laufen Gefahr, Maß und Mitte zu verlieren. Als gäbe es nur noch schwarz und weiß, links und rechts.

Dabei braucht es die sachliche Debatte – auch in den Medien. Auch, wenn die Recherchen unerwünschte Ergebnisse produzieren.

Auch, wenn Argumente von der falschen Seite kommen.

Fälle von massiver sexueller Gewalt waren beispielsweise schon im September 2014 in einer Flüchtlingsunterkunft in Gießen bekannt geworden. Asylbewerber sollen Frauen und Kindern vergewaltigt haben, in einem Brief von Pro Familia und anderen Wohlfahrtsverbänden an den hessischen Landtag war sogar von Zwangsprostitution die Rede.

Der Fall ist dann im Dezember in der Sendung von „Anne Will“ einem breiteren Publikum bekannt geworden. Als die Flüchtlingsaktivistin und „Moabit hilft“-Gründerin Diana Henniges davon hörte, lachte sie laut. Das Problem: den Brief hatte der Falsche vorgelesen, der niedersächsische AfD-Chef Armin Paul Hampel. Henniges hätte sich das Missbrauchsthema anhören und dessen Instrumentalisierung durch die Rechtspopulisten anprangern können. Stattdessen sagte sie: „Zwölfjährige Jungs, die vergewaltigt werden, ehrlich, das ist doch absurd.“ (Minute 1:12:00)

Frauen wurden nochmals zum Opfer


Nach den sexuellen Übergriffen der Silvesternacht konnte man in den Medien ein ähnliches Muster erkennen. Die Vergewaltigungen wurden zu „minderschwere[n] Straftaten“ (Jakob Augstein), die Täter zu „Busengrapscher[n]“ (Spiegel) verharmlost. Es erschien den weißen Medienmännern eben opportuner, auf die Frauen zu zielen – unter denen übrigens auch Töchter aus Einwandererfamilien waren.

Und im Tagesspiegel schrieben zwei Frauen: „Womöglich sind aber auch Frauen dabei, die gar nicht Opfer geworden sind, sondern aus politischer Überzeugung der Meinung waren, dass die Täter mit Migrationshintergrund oder die Flüchtlinge, die das Chaos auf der Domplatte für sexuelle Übergriffe ausgenutzt haben, abgeschoben gehören. Das hoffen sie womöglich mit einer Anzeige zu beschleunigen.“ Klassisches Victim blaming. Täter-Opfer-Umkehr.

Wo Pegida und Neonazis plötzlich für Frauenrechte marschieren, erfordert eben nicht nur das Denken Komplexität, sondern auch das Schreiben. Und als der Focus die weiße Frau auf den Titel hob, nackt, übersät von schwarzen Handabdrücken – doppelter Kitzel am Kiosk – dann war auch das würdelos für die Opfer.

Ehrlich mit Stereotypen umzugehen, hieße übrigens nicht nur, die Herkunft von Tätern zu benennen – sondern auch die Herkunft so mancher politischer Forderung. CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer forderte, Flüchtlinge sogar ohne Prozess abzuschieben. Hätte man da nicht fragen können: Warum kennt derjenige, der von Flüchtlingen am lautesten verlangte, sich ans Grundgesetz zu halten, dieses offenbar selber nicht?

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