Kirche und Gewalt

Pazifismus hilft nicht gegen Terror

Kisslers Konter: Prominente Christen plädieren für Liebe auch gegenüber Terroristen. So aber halbieren sie das Christentum und verhindern keine Gewalttaten

Die evangelische Theologin Margot Käßmann will „Terroristen mit Beten und Liebe begegnen“
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Alexander Kissler ist Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam“ und „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“.

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Es war ein Ostern im Zeichen des islamistischen Terrors. In Brüssel rangen Männer und Frauen, Opfer der Anschläge vom 22. März, noch mit dem Tod, als die Gottesdienste zwischen Gründonnerstag und Ostermontag begannen. Im pakistanischen Lahore wurden über 70 Menschen, vornehmlich Christen, durch ein islamistisches Selbstmordattentat getötet, während der Ostersonntag seinem Ende entgegen ging. Womöglich wurde im Jemen an Karfreitag ein von Islamisten verschleppter katholischer Priester gekreuzigt, womöglich ist er noch am Leben und in der Hand seiner Entführer. Klingt da die Botschaft Jesu, man solle seine Feinde lieben, nicht schal, weltfremd, wohlfeil?

In der aktuellen Fassung der Margot Käßmann tut sie es. Die ehemalige Hannoversche Landesbischöfin erklärte im Interview mit der „Bild am Sonntag“, „wir sollten versuchen, den Terroristen mit Beten und Liebe zu begegnen“. Christen sollten den „Kreislauf der Gewalt“ durchbrechen, sollten „auf den Hass nicht mit Hass antworten“ und stattdessen „Zeichen der Hoffnung setzen, etwa indem Christen und Muslime sich gegenseitig einladen“. Ihr Nachfolger im Amt des EKD-Ratsvorsitzenden, Heinrich Bedford-Strohm, erklärte in seiner Karfreitagspredigt, Christen sollten „die Angst überwinden und mit Kraft, Liebe und Besonnenheit reagieren“. Als „Botschafter der Versöhnung“ ließen sie „die Einteilung von Gut und Böse“ hinter sich, denn „keiner von uns“ sei „frei von Schuld“. Papst Franziskus predigte, Gott habe mit den „Waffen der Liebe“ den Tod besiegt, nur eine „unendliche Barmherzigkeit“ könne vor Tod und Hass erretten.

Pazifismus aber hilft nicht gegen Terror. Das Christentum ist eine friedliebende, jedoch keine pazifistische Religion. Ihr Gründer war trotz des denkbar schmachvollen, maximal leidbereiten Endes am Kreuz kein Pazifist. Sein – in christlicher Perspektive: als Sühnopfer vorherbestimmtes – Sterben taugt nicht zur Blaupause für alle Getauften, nicht als Handlungsempfehlung im Angesicht des Terrorismus. Daran ist in diesen Tagen zu erinnern. Das Christentum der westlichen Hemisphäre läuft Gefahr, seine Balance zu verlieren, sein Meson. So nannte Aristoteles die Tugendlehre der Mitte.

Nie bestand Christentum nur aus dem Theorem von der Wange, die es hinzuhalten gelte, aus der Warnung vor dem Schwert, durch das umkomme, wer zu ihm greife. Es gibt eben auch die Anweisung, den Übeltäter fortzuschaffen „aus eurer Mitte“. Es gibt eben auch die Aussage des Nazareners, er sei „nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert“. Es gab die Vertreibung der Händler aus dem Tempel. Gerade weil niemand „frei von Schuld“ ist, muss es Gut und Böse geben, gibt es sogar das unrettbar Böse. Jenseits von Gut und Böse können sich Philosophen und Künstler tummeln, Landesbischöfe nicht. Natürlich haben jene enthemmten Muslime, die sich selbst und anderen den Tod bereiten, deutlich, ja unendlich mehr Schuld auf sich geladen als der Durchschnittschrist, der es mit dem Dekalog nicht so genau nimmt. Natürlich ist „Beten und Lieben“ eine zentrale biblische Praxis, doch gegenüber den Bösen in Menschengestalt führt „Beten und Lieben“ zur Unterwerfung unter das Böse. Den „Kreislauf der Gewalt“ stoppt nicht der, der die Gewalttätigen gewähren lässt, sondern der, der ihnen die Gewaltmittel aus den Händen schlägt. Sonst mündet Pazifismus in ein Regiment der Gewalt.

Es gibt und gab immer beides: die Sehnsucht nach Frieden und die Erfahrung des Unfriedens, das Gute, das der Christ unbedingt wollen muss, und das Böse, das er erfährt. So wie es Grenzen der Toleranz gibt, gibt es Grenzen der Passivität. Feindesliebe heißt nicht, dem Feind, der töten will, nur mit Liebe zu begegnen. Sie meint, bis zuletzt auf das im Feind verschüttete Gute zu hoffen und immer Mensch zu bleiben. Gilbert Keith Chesterton nennt die „Entdeckung der neuen Balance“ das „Hauptstück der christlichen Ethik“. Die Balance bestehe im geschichtlich vielfach bewiesenen, unvermischten Nebeneinander von „mönchischen Skrupeln“, von „scharfsichtigem Wehklagen über die Gräuel der Schlacht und die Nichtigkeit der Rache“, wie es ein Tolstoi vervollkommnet habe, und der Kampfbereitschaft im Angesicht des Feindes. Wenn der Löwe neben dem Lamm liege, müsse er dennoch seine königliche Wildheit bewahren. Sonst wäre es „Imperialismus von Seiten des Lammes“.

Die Stimmen prominenter Kirchenleute zur Gewaltfrage erinnern an einen solchen lammfrommen Imperialismus. Dieser wird den Terror der Tötungsfanatiker nicht eindämmen. Und er halbiert das Christentum.

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