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Berliner Republik

Kanzlerkandidat Peer SteinbrückKlar in der Mitte, geht das?

Von Gunter Hofmann9. Oktober 2012
picture alliance
peer steinbrück,kritik,nebeneinkünfte,wirtschaft,finanzen,jauch
Auch bei Günther Jauch musste sich Peer Steinbrück Bankennähe vorwerfen lassen
Schrift:

Erregt debattierten Politik und Medien in den vergangenen Tagen über die Nebeneinkünfte des Ex-Finanzministers Peer Steinbrück – und versäumten dabei, die ernsthaften Themen ernst zu nehmen und überhaupt erst die Voraussetzungen für eine ehrliche politische Debatte zu schaffen

Seite 1 von 3

Lassen wir die Frage für einen Moment mal beiseite, ob Angela Merkel sich beruhigt zurücklehnen und im Schlafwagen den Wahlen im nächsten Jahr entgegenträumen kann, weil die Opposition mit Peer Steinbrück keine wirkliche Chance zur Wachablösung habe. Bevor man sich darin festlegt, gibt es noch andere Gründe, sich über seinen Einstand als Kanzlerkandidat der sozialdemokratischen Opposition Gedanken zu machen. Auf sie möchte ich hier eingehen.

Eindeutig, scheint mir, handelt es sich bei der erregten Debatte über die Nebeneinkünfte des Ex-Finanzministers ebenso um eine Randfrage wie bei der These, er komme sich mit seinem hybriden Selbstverständnis in die Quere. Ich nehme es keinem seiner Generalsekretärs-Kritiker von CSU- oder FDP-Seite derzeit ab, sie könnten ernsthaft Soge tragen, Steinbrück sei ein „Kandidat der Finanzindustrie“. Legitimiert zu solchen Einwänden sind nur diejenigen, die sich selber dabei hervorgetan haben, ihre Interessenverflechtungen oder möglichen Zielkonflikte offenzulegen, da müsste man beispielsweise bei der CSU und der gigantisch verschuldeten, staatsgeretteten bayrischen Hypo-Real-Estate beginnen und dürfte die Hotellobby bei den Liberalen sowie die Steuerbefreiung zu ihren Gunsten als Auftakt ins schwarz-gelbe Regierungsvergnügen nicht vergessen. Als besonders sensibel und selbstkritisch, wo es um mögliche Einflüsse von Lobbyisten und Verbänden auf die Politik geht, hat man die Christlich-Sozialen, die Christdemokraten oder die Freidemokraten leider nicht kennengelernt.

[gallery:20 Gründe, warum Peer Steinbrück Kanzler werden muss]

Aber mir geht es hier gar nicht um eine Retourkutsche. Was in erster Linie zu bedauern bleibt, ist das Niveau der Auseinandersetzung, die auch von Journalisten geführt wird, und der Eifer, mit dem sie sich auf diesen Aspekt stürzen. Jeder weiß doch in Wahrheit, dass das Problem nur entstanden ist, weil Steinbrück im Jahr 2009 nach Beginn der schwarz-gelben Demonstration dessen, was dieses zweite Kabinett Merkel unter Regierungskunst versteht, sich praktisch aus der aktiven Politik zurückzog und glaubte, dies sei eine endgültige Entscheidung. Er machte den Fehler, sein Mandat zu behalten. Nebenher ließ er sich für Vorträge und für's Bücherschreiben gut bezahlen. Das ist nicht illegitim. Ein „Knecht“ des Großkapitals ist er deswegen nicht, da fielen einem andere ein. Jetzt kehrt er in die Politikarena zurück und muss sich anders verhalten. Punkt.

Was zugleich gesagt werden muss, ist: In vielerlei Hinsicht erscheint die Debatte jetzt nicht nur angetrieben von purem Neid; von der unendlichen Peinlichkeit einmal abgesehen, dass Moderatoren mit Millionen-Einkünften, für die Steinbrücks Honorare Peanuts sind, Günter Jauch beispielsweise, ihm die Höhe seines Salärs vorhalten oder sich aufschwingen zu Sprechern der Zukurzgekommenen dieser Erde, denn Repräsentant einer Partei der kleinen Leute sei es doch unangemessen, so viel Geld einzustreichen. Von ähnlich populistischem Biedersinn und Scheinheiligkeit zeugt die regelmäßig wiederkehrende Debatte über die Abgeordnetendiäten: Als sei es nicht gutes Geld wert, wenn wir wirklich kompetente und unabhängige Volksvertreter so bezahlen, dass sie auch bereit sind, sich einer politischen Karriere zu widmen, statt irgendwo ihre Profite als CEOs von Unternehmen oder Bankmanager einzustreichen, die jeden – aber wirklich jeden! – Rahmen sprengen.

Was das Gros der Journalisten – nicht alle – dabei versäumt, ist, die ernsthaften Themen ernst zu nehmen. Sie lenken nur zu gern ab, haltet den Dieb! Mit seinem Banken-Papier beispielsweise hat Steinbrück vergleichsweise nur ein gewisses Säuseln ausgelöst, als sei die Frage nach einer Regulierung der Finanzmärkte und einem Deckel für das unkontrollierte Spekulieren in Zweckgesellschaften, die von den klassischen Banken ausgelagert und abgetrennt wurden, nicht ungleich bedeutsamer als die Frage, ob ein Honorar von, sagen wir, 10.000 Euro für den Vortrag vor einem Versicherungsverband ein Fall von unerlaubter Bereicherung oder Lobbyismus gewesen sei. Einigermaßen unehrlich, um nicht schizophren zu sagen, erscheint schon der Einwand, Steinbrück und die SPD hätten doch selber die Deregulierung der Finanzwirtschaft durchgepaukt, während sie sich jetzt damit brüsteten, Dämme gegen diese Flut zu bauen, die 2008 mit der großen Finanzmarktkrise ganze Volkswirtschaften ins Trudeln brachte. Die schwache Partie von Schwarz-Gelb beim Versuch, gesetzlich das Banken-Wesen zu re-regulieren, wird kaum je verhandelt.

Seite 2: Voraussetzungen für eine ehrliche politische Debatte schaffen

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Ja, wäre schon schön,

wenn es doch solche Kommentare öfter zu lesen gäbe!
Solch ein heilloses Hin und Her der (noch)Kanzlerin dürfte doch jetzt langsam auch jedem halbwegs Interessierten mächtig auf den Keks gehen. Was gestern noch alternativlos war, wird heute just über den Haufen geworfen um genau das Gegenteil zu tun. Man kann diese Politik nicht mehr ertragen, Elterngeld, Großelterngeld, private Vorsorge weil Armut im Alter zu erwarten sei, Endlagersuche (Aussage im Untersuchungsausschuß, sie sei zu der Zeit noch nicht so fit gewesen wie jetzt), Bundeswehr zu Berufssoldaten (wenige Jahre vorher hat das strikt abgelehnt),wir kommen nicht für die Schulden anderer Länder auf (wollte sie da nicht eher sterben?), usw., fürchterlich!

Zu Recht wird darauf hingewiesen, daß von sogenannten Experten keiner was gegen den Kurs der Kanzlerin vorbringt und das größte Übel scheint mir, daß alle "Öffentlich Rechtlichen" es nicht für nötig halten (oder gebremst werden), eine ordentliche, Alternativen aufzeigende Berichterstattung für die Bevölkerung zu leisten, was eigentlich der Job dieser Anstalten ist, aber wahrscheinlich werden auch in diesem Bereich zu viele Posten von Politikern vergeben.
Danke jedenfalls für diesen Artikel
und Gruß

  • Antworten
Arcins09.10.2012 | 12:37 Uhr

Steinbrück

Nochmehr vom Peer:

Der liebe Herr Steinbrück wirkt nicht gerade konziliant und philanthropisch auf mich, eher arrogant, doch bin ich überzeugt, dass er ein großer Fachmann in Finanzen und Anschaffen ist. Ich neide ihm nichts, gönne auch jedem seinen großen, unendlichen Reichtum, solange es keine ungerechte Armut gibt. Und die gibt es in unserem stinkreichen Bundesreppchen in ungezogenem, zum Himmel stinkendem Missbrauch. Die Gerechtigkeit in unsrem so christlichen Land heißt: "Es gebe der der Zwei hat, Eins ab an dem der Drei hat." War das so gemeint in der Bergpredigt oder hab ich da was falsch verstanden?

  • Antworten
Heinz Boxan10.10.2012 | 12:59 Uhr

Peer Steinbrück - auch ein Genosse der Bosse?

Ob ein Kandidat Peer Steinbrück die Chancen der SPD auf eine Kanzlerschaft ab Herbst 2013 vergrößert, erscheint aus meiner Sicht äußerst zweifelhaft.
"Mit gefangen, mit gehangen", lautet ein altes Sprichwort. Auch Steinbrück zählte bekanntlich zur Riege der Schröderianer, war er doch Regierungsmitglied unter Gerhard Schröder.
Somit hat auch er zum Vertrauensverlust der SPD ganz erheblich beigetragen. Die SPD verlor seither massenhaft Wählerinnen und Wähler, aber natürlich auch enorm viele Mitglieder.
Wenn eine Partei, die seit ihrer Gründung vorgab, sich für "die kleinen Leute" einzusetzen und als "Arbeiterpartei" politische Ziele zu Gunsten ihrer Klientel anzusteuern, inzwischen eher Politik für die Arbeitgeberseite (Senkung der Unternehmenssteuern) und Reichen (Senkung der Einkommenssteuersätze) betreibt, dann ist dies nicht mehr zu entschuldigen und wirft auch ein schlechtes Licht auf die Glaubwürdigkeit des Kandidaten Steinbrück.
"Genosse der Bosse", so wurde Gerhard Schröder tituliert. Zu Recht! Und Peer Steinbrück? Er war bekanntlich Assistent des "Bosse-Genossen" Gerhard Schröder, der mithalf, die Reichen noch viel reicher werden zu lassen und den unteren Schichten Einkommensverluste bescherte. Bravo!
Die SPD hätte eine Chance, wieder stärkste Partei im Deutschen Bundestag zu werden, wenn sie sich klar und glaubwürdig auf die Seite der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, der sogenannten "Kleinen Leute", stellen würde.
Sie hätte eine Regierungschance verdient, wenn sie sich für ein Sozialstaatsmodell einsetzen würde, daß den skandinavischen Sozialstaatsverfassungen in etwa entsprechen würde. Nur - wer würde der SPD einen solchen Sinneswandel abnehmen. Schließlich stellte sich diese Partei schon in den Anfängen der BRD auf die Kapitalseite und ließ den - damals noch gebändigten - Kapitalismus freimütig schalten und walten. Was daraus inzwischen geworden ist, läßt sich in den jährlichen Armutsberichten der Bundesregierung nachlesen.
Einzig DIE LINKE vertritt in unserer heutigen Parteienlandschaft die wirklichen Interessen der "Kleinen Leute".
Nur wird diese Partei von den vielen "Kleinen Leuten" noch immer argwöhnisch beobachtet, so als wolle sie den Staatssozialismus der erloschenen DDR in der BRD wieder aufleben lassen.
Dazu trägt in hohem Maße die Propaganda der "etablierten" Parteien bei, aber Bildzeitungsleserinnen und -leser lassen sich bekanntlich von überaus schlichten Argumenten beeindrucken und einfangen.
Jedenfalls scheint Peer Steinbrück nach alledem, was wir inzwischen von ihm wissen und wie wir ihn in der Regierung Schröder und auch in ener Großen Koalitionsregierung gemeinsam mit CDU/CSU kennenlernen durften bzw. mußten, ein eher ungeeigneter Kanzlerkandidat der SPD, nicht nur wegen seiner dubiosen Nähe zu den Wirtschaftsverbänden und zum "Großen Geld".
Es ist bisher nicht bekanntgeworden, daß Steinbrück auch "Große Reden" oder Vorträge bei Gewerkschaften oder vor Betriebsbelegschaften gehalten hat. Warum zeigte er sich dort eigentlich nicht, bei der ureigenen Klientel seiner Partei, der SPD?

  • Antworten
Yvonne Walden10.10.2012 | 18:50 Uhr

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