Angela Merkel bei Anne Will - Kanzlerin im Ego-Modus

Während ihres Gespräches mit Anne Will verwendete Angela Merkel das Wörtchen „Ich“ alle 14 Sekunden. Das sagt viel über ihr Amtsverständnis im elften Dienstjahr aus

An Begeisterung für die eigene Person mangelt es Merkel nicht.
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Christoph Schwennicke ist Chefredakteur des Magazins Cicero.

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An einer Erkenntnis führt nach 59 Minuten und 48 Sekunden kein Weg vorbei: Angela Merkel bleibt sich und ihrer Linie in der Flüchtlingsfrage treu. Das müssen auch diejenigen mit Respekt zur Kenntnis nehmen, die ihre Linie nicht teilen. Die einen mögen es daher Standhaftigkeit nennen, die anderen Sturheit. Aber was die Kanzlerin bei ihrer Lieblingsbefragerin Anne Will am Sonntagabend abgeliefert hat, das orientiert sich an einem Satz, den Tony Blair als britischer Premier einmal von sich gesagt hat: „Ich habe keinen Rückwärtsgang.“

Damit sind wir auch schon beim Thema. Denn eine Sache fiel in diesem Interview neben der, sagen wir, Unbeirrtheit der Kanzlerin auf. Es war die Verwendung des Wörtchens „Ich“. Der Autor dieser Zeilen hat sich mit Blatt und Kuli das Gespräch noch einmal zu Gemüte geführt und eine Strichliste gemacht. Inklusive der Spielarten mein/mir/mich, fiel dieses Wörtchen 257 Mal. Das ist bei einer Gesamtdauer von besagten 59 Minuten und 48 Sekunden ziemlich  genau alle 14 Sekunden, und dabei ist die Redezeit von Anne Will mit eingerechnet, die man eigentlich abziehen müsste. In der Nettoredezeit von Frau Merkel dürfen wir also von einem etwa zehnsekündigen Intervall ausgehen.

Flüchtlingsfrage − eine persönliche Angelegenheit
 

Was das zu bedeuten hat? Zunächst einmal könnte man sagen: Ist doch schön, dass die Kanzlerin so persönlich antwortet. Dass sie nicht nur sagt: Wir schaffen das − und möglicherweise „ihr“ meint. Sondern dass sie sagt: Ich schaffe das. Dass sie also die Flüchtlingsfrage und die Folgen ihrer bisherigen Politik als persönliche Angelegenheit betrachtet. Am Ende steht das ja auch so im Grundgesetz: Auf den Kanzler kommt es an. Dort wird es Richtlinienkompetenz genannt.

Dennoch manifestiert sich möglicherweise noch etwas anderes, nicht durchgängig Positives in diesem Ichismus der Kanzlerin. Nämlich eine − zumindest in demokratisch verfassten Gesellschaften − ins demokratisch Problematische spielende Selbstbezogenheit einer Regierungschefin im elften Jahr ihrer Macht. Denn diese vielen Ichs beschränken sich mitnichten auf Füllsätze wie „ich glaube“ und „ich finde“. Es sind Sätze wie: „Ich habe die Grenze nicht aufgemacht“, und, „Das ist nicht mein Europa“, die verstören. Weil sie einen majestätischen Unterton haben. Die nächste Stufe wäre dann die Verwendung der dritten Person Singular statt der ersten. 

Kanzlerinnen-Talk erinnert an Lafontaine-Rede von 1995
 

Aber vielleicht ist das ja auch alles viel zu spitzfindig. Vielleicht hat sie einfach auch gestern Abend wieder mit dieser authentischen Art gepunktet und hier ist nur ein Miesepeter am Schreiben, der nur nicht einsehen möchte, auf welchem richtigen Weg die Kanzlerin da unterwegs ist. Sie ist mit sich im Reinen − das ist doch schon mal was. Denn, haben Sie es gemerkt?  Bewusst oder unbewusst hat Merkel bei Will fast wörtlich Oskar Lafontaine vom Mannheimer SPD-Parteitag 1995 zitiert, der seine legendäre Putschrede abschloss mit den Worten, nur wer von sich selbst begeistert sei, könne auch andere begeistern.

So viel steht vorläufig fest: An Begeisterung für sich selbst und für ihre Politik mangelt es Merkel jedenfalls nicht.

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