Jubeljournalismus - Medialer Hofknicks für Angela Merkel

Eigentlich sollten Medien ihren Regierenden streng auf die Finger schauen. Berichterstattung über Angela Merkel ähnelt aber selbst im Wahlkampf eher einem Stichwortgeben und Verlautbaren

Angela Merkel umringt von Kameras
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Petra Sorge ist Verantwortliche Redakteurin Online bei Cicero. Ihre Themen sind Politik und Digitales, außerdem schreibt sie die Medienkolumne. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.

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Beim ZDF hat man in dieser Woche lange Gesichter gemacht. Am Dienstagabend lief das wohl wichtigste Fernsehporträt des Wahlkampfes über Angela Merkel. Und kaum jemanden interessierte es. Die Doku „Macht Mensch Merkel“ erzielte eine miserable Quote: einstellig, weniger als drei Millionen Zuschauer. Die bevorzugten Trash-Serien im Privatfernsehen.

Viele Medienexperten sehen darin Zeichen wachsender Wahlkampfermüdung, vielleicht sogar: Politikverdrossenheit.

Aber könnte es nicht auch einen anderen Grund für dieses grassierende Desinteresse an politischen Inhalten geben? Könnte es sein, dass sich das Publikum in Scharen von den Medien abwendet, weil die Berichterstattung zum Einschlafen ist?

Eigentlich ist der Film ja ganz nett. Aber: irgendwie kritiklos. Merkel wird gezeichnet als bürgernahe, besorgte, hilfsbereite Kanzlerin. Sogar Linken-Fraktionschef Gregor Gysi muss sich zwischen all dem Lob für Merkel selbst ermahnen, dass er jetzt aber mal „ihre Politik kritisieren“ müsse. Was nicht so richtig gelingt: Am Ende nennen die Autoren die Kanzlerin einen „Popstar der Politik“.

Journalisten dürfen, sollen kritisch, bissig, gern auch ein bisschen konfrontativ sein. Man soll sich an ihren Aussagen wetzen können wie die Sau an der Borke. Der Philosoph Raphaël Enthoven drückte es bei Cicero Online einmal so aus: „Demokratie ist wie ein Fahrrad: Wenn Sie aufhören zu treten, fallen Sie um.“

Doch was sich im politisch-publizistischen Komplex der Hauptstadt mittlerweile eingeschliffen hat, ist eine Art höfische Huldigung Merkels und ihres Parteiengefolges. Der Berliner Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister nennt es im Forum Talk-Republik „eine Art von Bewunderung für eine Machtpolitikerin, eine Frau, die auch noch aus dem Osten kommt“.

Und das sogar im Wahlkampf, wo es jetzt hieße, Gegensätze herauszuarbeiten. Als Merkel eine (Ost-)Berliner Schule besuchte, sei sie von begeisterten Bildjournalisten der Bundespresse umringt worden. Einen „Jubelparcours“ nannte das eine unbedarfte Lokaljournalistin. „Es herrschte eine Stimmung wie beim Justin-Bieber-Konzert“. Reporterfragen waren dort nicht erlaubt.

Forscher Hachmeister beobachtet eine „Ermüdung, eine Abkehr von politischen Prozessen“ im Journalismus, der mittlerweile „nach rechts“ gerutscht sei.

Mitte Juli führte die Zeit das erste Interview mit Angela Merkel zur NSA-Affäre. Das massenhafte Ausspähen deutscher Daten durch US-Geheimdienste – das ist so ein Thema, das die Vorstellungskraft sehr vieler (übrigens durchaus politisierter) Bürger schlicht sprengt.

Doch statt sie hier gnadenlos dingfest zu machen, lauteten die Fragen: „Wohin gehen Sie, wenn Sie sicher sein wollen, dass niemand mithört?“ oder „Sie sind sicher, dass Sie nicht abgehört werden?“. Damit steckte Giovanni di Lorenzo den Rahmen für alle weiteren Merkel-Gespräche fest: die Kanzlerin als Betroffene, als Opfer gar; einer Supermacht ebenso ausgeliefert wie jene Bürger, deren Rechte sie doch eigentlich zu schützen angetreten ist.

Auch die Welt am Sonntag (21. Juli) bot Merkel mit der allzu offenen Frage „Was genau empört Sie?“ eine Steilvorlage, zugleich Sorgen zu äußern als auch Nachsicht einzufordern – anstatt sie viel mehr nach ihrer Verantwortung zu fragen.

So plätscherte es weiter kritik- und spannungslos im ARD-Sommerinterview (14.7.) dahin. Ulrich Deppendorf stellte die Kanzlerin gleich zu Beginn vor als die (arme! bemitleidenswerte!) „Frau, die hofft, dass zumindest ihr Diensthandy abhörsicher ist, auch für US-Geheimdienste“. Die einzige Frage, die man mit gutem Willen noch als „spitz“ bezeichnen könnte, war ein Zitat: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück warf Merkel vor, in der NSA-Affäre ihren „Amtseid verletzt“ und „keinen Schaden vom deutschen Volk abgewehrt“ zu haben. Doch dieses Zitat relativierte Deppendorf am Ende noch mit dem Kommentar, das sei ja „ein starker Vorwurf“.

Fast unerträglich wurde es dann im ersten Interview, das Merkel nach ihrem Urlaub den Sendern Phoenix und Deutschlandfunk am Dienstag gab. Es begann mit einem Privatplausch: Warum Merkel nicht bei Castorfs „Götterdämmerung“ in Bayreuth gewesen sei, was sie im Urlaub gelesen habe. Das Frage-ablesen-zuhören-nicken-nächste-Frage-Prinzip.

Die Journalisten folgten damit unbewusst der PR-Strategie des CDU-Wahlkampfteams. Das will Merkel als „Menschen“ zeigen – genau wie die ZDF-Doku übrigens – und präsentiert sie auf der Homepage so apolitisch wie noch nie: Mutti gärtnert, kocht, backt und liebt Kartoffelsuppe.

Und zum Thema NSA, das immerhin knapp die Hälfte des öffentlich-rechtlichen TV-Interviews einnahm? Da war der Neuigkeitswert von Merkels Aussagen so gering, dass sogar die Pressestelle der Veranstalter in Nöte geriet. Man einigte sich schließlich auf die Überschrift „Merkel: Datenschutz in Europa regeln“. Das gefiel auch den CDU-Strategen am besten, weil es Merkel so schön als entschlossene Bürgerrechtlerin darstellt. Deshalb hieß es auf bundeskanzlerin.de: „Merkel Interview: Europa braucht einheitlichen Datenschutz“.

Dumm nur: Ein europäisches Datenschutzabkommen forderte die Kanzlerin bereits vor einen Monat im ARD-Sommerinterview. Wörtlich sagte Merkel: „Wir haben zwar ein tolles Bundesdatenschutzgesetz, aber wenn Facebook in Irland registriert ist, dann gilt das irische Recht und deswegen brauchen wir hier eine einheitliche europäische Regelung.“ Und der Kölner Stadtanzeiger kündete drei Tage später (19. Juli) sein Kanzlerinterview in einer Pressemitteilung wie folgt an: „Merkel für europäischen Datenschutz“.

Eine Nachricht wird nicht aktueller, nur weil man sie dreimal aufschreibt. Auf diese Art macht man sich nicht zum Anwalt des Publikums, sondern zum Sprachrohr des Kanzleramts.

Und, statt sie solange zu kitzeln, bis sie „Peer Steinbrück“ sagt, stellte die überregionale Presse monatelang fest, dass Merkel den Namen ihres Kontrahenten nicht erwähne. Als sie es einmal doch tat – von sich aus – frohlockte die Frankfurter Allgemeine: „Angela Merkel sagte ‚Steinbrück‘“.

Hinweis: In einer früheren Version ist der Eindruck vermittelt worden, Hauptstadtkorrespondenten hätten Angela Merkel bei einem Pressetermin in einer Ostberliner Schule zugejubelt. Es handelte sich nach Beobachtungen der Lokaljournalistin um Fotografen, denn Wortjournalisten durften bei dem Termin keine Fragen stellen. Die Darstellung ist dahingegend präzisiert worden.

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