Ein Hauptstadtjournalist verflucht die Große Koalition
Es ist Zeit für einen Widerruf, für ein Je m’accuse, eine kritische Selbstanklage eines Hauptstadtjournalisten. Was hat man nicht alles für Unsinn geschrieben, in den ersten Tagen und Wochen nach dem Regierungswechsel, nein: nicht man. Ganz konkret: ich.
Der erste Gewinner dieser neuen Regierung sei die politische Kultur in diesem Lande, schloss ein naseweiser Leitartikel unter meinem Namen. Maßvoller und sachlicher geführte Debatten brächten mit einiger Wahrscheinlichkeit auch bessere Ergebnisse hervor. „Für Freunde des politischen Dschingderassabumm“, so schloss der Beitrag „Tonwechsel“, könne es also etwas langweiliger werden in den kommenden Jahren: „Für Freunde solider Politik umso interessanter.“
Es fällt nicht leicht, diese etwas peinlichen eigenen Worte wieder aus dem Papierkorb zu kramen. Viele Argumente zur Rechtfertigung dieser nunmehr naiv anmutenden Hoffnung bleiben nicht. Außer vielleicht die damals wie heute tief empfundene Zufriedenheit, dass eine Generation, die von 68, mit der Abwahl von Rot-Grün endlich abtreten musste. Diese Generation und ihr Habitus haben mich schon seit den Schultagen genervt: Ihre vordergründige Kumpelei, ihre Selbstgefälligkeit, ihre Hybris, ihre Arroganz, ihre Machtgier, die im Gewande der Hierarchiefreiheit daherkommt, die Überhöhung ihres historischen Verdienstes – die späte Entnazifizierung – zum Alleinvertretungsanspruch von Nachkriegsdeutschland. Jede Verirrung und noch die krauseste und sich selbst mehrfach widerlegende Vita wurde zu einer interessanten Biografie stilisiert und glorifiziert gegenüber den angeblich so anpasslerischen und glatt-karrieristischen Lebensläufen der Nachfolgegeneration. Nach dem Motto: Besser eine verkrüppelte Kiefer als eine Zuchtfichte aus der Baumplantage. Dabei bleibt in vielen Fällen von diesen verschlungenen Lebensläufen nur eine Erkenntnis übrig, die Peter Sloterdijk unübertroffen in die Zeile fasste: „Verwirrte geben Verwirrung weiter.“
Das ist das eine, das man zur Rechtfertigung der eigenen Verwirrung vortragen kann. Das andere ist der Gestank, den man leid war. Gerhard Schröder, Otto Schily und Joschka Fischer hatten gemeinsam einen so strengen Moschusgeruch über Berlin gelegt, dass es wohltuend war, die Berliner Luft zu riechen, als diese testosteronschweren Alphatiere weg waren. Wie wohlig klangen da plötzlich die Worte dieses neuen, inzwischen schon Geschichte gewordenen SPD-Vorsitzenden Matthias Platzeck beim Parteitag in Karlsruhe, als er dekretierte, dass jetzt wieder richtig debattiert werde. Wie gierig schlürfte man Erzählungen über die neue Kultur am Kabinettstisch, an dem plötzlich alle mitreden durften. Es hörte sich alles so gut an, dass man tatsächlich glaubte, die Reform des bräsigen Deutschland sei doch möglich.
Dieser Hoffnung lagen kolossale Denkfehler zugrunde. Denn unabhängig vom speziellen und oft ziemlich unerträglichen Gebaren der rot-grünen Prota-gonisten sind fundamentale Regeln des Politischen weiterhin gültig. So handelt es sich bei der Politik nach wie vor um einen zutiefst archaischen, ja animalischen Prozess, den – um den alten Nicolo mal beseite zu lassen – kaum einer besser beschrieben hat als Elias Canetti in seiner Studie von „Masse und Macht“. Im Kapitel „Die Eingeweide der Macht“ geht der Sozialphilosoph auf die Psychologie des Ergreifens und Einverleibens ein, also auf die kannibalisch-animalischen Ursprünge der Macht. Man verschlingt, um zu verdauen, was vom Opfer verwendbar ist, wird ihm bei der Verdauung entzogen. Und „was übrig bleibt, ist Abfall und Gestank“.
Dieser Vorgang, schreibt Canetti ewiggültig, sei aufschlussreich für das Wesen der Macht überhaupt. „Wer über Menschen herrschen will, sucht sie zu erniedrigen, ihren Widerstand und ihre Rechte ihnen abzulisten, bis sie ohnmächtig sind wie Tiere. Als Tiere verwendet er sie, wenn er es ihnen auch nicht sagt, in sich hat er immer Klarheit darüber, wie wenig sie ihm bedeuten; seinen Vertrauten gegenüber wird er sie als Schafe oder Vieh bezeichnen. Sein letztes Ziel ist es immer, sie sich einzuverleiben und auszusaugen.“ Auch wenn man dazu neige, nur die tausendfachen Späße zu sehen, die sich an der Oberfläche abspielten, ginge es immer nur darum, etwas Fremdes zu ergreifen, zu zerkleinern, sich einzuverleiben und sich selbst von innen her anzugleichen, dies sei das „uralte Siegel des Machtprozesses der Verdauung“.
Man darf das eklig finden, buchstäblich, oder auch im übertragenen Sinne. Aber es stimmt. Macht ist genau so. Und genau dieser Machttrieb ist im Moment in der deutschen Politik unterentwickelt, dieses Land leidet politisch an Impotenz. Matthias Platzeck hat das Feld geräumt für einen, der im Sinne Canettis wenigstens phänotypisch die Rolle des „Meist-essers“ ausfüllen kann. Aber vielleicht ist Kurt Beck auch einfach nur dick. Die Kanzlerin lässt am schmerzhaftesten den Willen zur Führung vermissen. Jedenfalls steht bisher der Nachweis aus, dass sie Widerständler im eigenen Laden (sei damit die CDU oder auch die Koalition gemeint) am liebsten und sofort mit Haut und Haar verspeist und außer einem dezenten Rülpser von – sagen wir: Jürgen Rüttgers – nichts übrig bleibt.
Eine Ausnahme muss gemacht werden: Franz Müntefering ist dieses Machttier. Er war es vorher, er ist es noch. Aber er wirkt im Moment wie das Mammut in Ice Age II. Vielleicht fällt Angela Merkel noch überraschend als Artgenossin aus dem Geäst und ihm vor die Füße. Aber noch ist sie nur ein Opossum.
Einstweilen also bleibt von der Großen Koalition und ihren Machtmechanismen ein trauriger Eindruck. Auf einen Nenner gebracht arbeitet die Große Koalition im Schnitt genauso ineffizient und plan- und erfolglos wie die Vorgänger-Regierung von Rot-Grün.
Nur langweilt sie obendrein noch gewaltig dabei.
Christoph Schwennicke leitet das Parlamentsbüro der Süddeutschen Zeitung











