Islamwissenschaftler Khorchide: - „Der Begriff Reform verursacht reflexartiges Unbehagen“

Der Münsteraner Islamlehrer Mouhanad Khorchide kritisiert die schleppende innere Erneuerung des Islam. Statt in der „Opferrolle“ zu verharren, sollten Muslime mehr Selbstbewusstsein zeigen – und Veränderungen zulassen

Der Halbmond auf dem Minarett der Abubakr Moschee in Frankfurt am Main hebt sich als Schattenriss vor der Sonne ab
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Autoreninfo

Mouhanad Khorchide leitet das Zentrum für Islamische Theologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. 1971 ist er im Libanon geboren und wuchs in Saudi-Arabien auf. Er studierte islamische Theologie im Libanon und promovierte in Wien in der Soziologie. Als einer der bedeutendsten muslimischen Theologen der Bundesrepublik bildet er nun Lehrer für den künftigen islamischen Religionsunterricht aus. Er ist Autor des Buches „Islam ist Barmherzigkeit – Grundzüge einer modernen Religion“

So erreichen Sie Mouhanad Khorchide:

Rückblickend auf eine 1400-jährige Geschichte des Islams finden wir unterschiedliche theologische Positionen sowie verschiedene politische und gesellschaftliche Diskurse. Die Mystik war genauso stark vertreten wie die Orthodoxie, kriegerische Auseinandersetzungen fanden statt, aber auch das friedliche Zusammenleben. Einige Strömungen haben der Vernunft einen höheren Stellenwert gegeben, andere weniger. Diese innerislamische Vielfalt auf unterschiedlichen Ebenen erzeugte verschiedene Narrative des Islams. Die Bandbreite reicht vom spirituellen bis hin zum extremistischen Islam.

[[{"fid":"63841","view_mode":"copyright","type":"media","attributes":{"height":418,"width":345,"hspace":-1,"vspace":-1,"style":"height: 170px; width: 140px; float: left; margin: 3px 7px;","class":"media-element file-copyright"}}]]Diese Tatsache entzieht der pauschalen Diagnose, der Islam sei entweder eine friedliche oder eine gewalttätige Religion, ihre Aussagekraft. Wir können nur Aussagen über Menschen machen. Wir können Muslime beobachten, die sich für den friedlichen Islam stark machen, und andere, die sich für einen anderen Islam stark machen. Die Frage muss daher lauten, warum sich Muslime die eine Lesart des Islam aneignen und sich auf entsprechende islamische Narrative beziehen, und andere Muslime sich eine andere Lesart aneignen und sich auf entsprechende andere Narrative beziehen.

Die Entscheidung für die Narrative, auf die sich alle Seiten beziehen, sagt mehr über sie selbst aus als über den Islam an sich. Anders gesagt: Eine friedliche religiöse Haltung eines Muslims verrät eine innere Ausgeglichenheit dieser Person und einen inneren Frieden sowie einen reflektierten Geist. Umgekehrt verrät eine gewaltbetonte Auslegung des Islams eine grundsätzliche aggressive Haltung der betroffenen Person.

Ein selbstbewusster Glaube scheut vor keiner Reform


Wenn wir meinen, der Islam brauche Reformen, reden wir über den Islam, als wäre er das Objekt seines Selbst. Es sind aber die Akteure, die den Islam lesen und interpretieren, die diese Reform benötigen. Und die benötigten Reformen beziehen sich einerseits auf das Innere des Menschen, auf seine emotionale Seite, sich selbst ständig zu reflektieren, um sein Ego unter Kontrolle zu halten, und andererseits beziehen sie sich auf eine intellektuelle Ebene, seine Religiosität kritisch zu reflektieren und diese ständig rational zu überprüfen. Religiöse Reform besitzt aber auch eine spirituelle Dimension, in der es darum geht, seine Beziehung zu Gott ständig zu reflektieren: Handelt der Mensch im Sinne der göttlichen bedingungslosen Liebe und Barmherzigkeit, oder nicht?

Sich selbst, sein Inneres, seine Spiritualität und seinen Intellekt ständig zu reflektieren, setzt eine selbstbewusste Haltung voraus. Und genau diese Haltung scheint bei vielen Muslimen als Individuen vorhanden zu sein, jedoch nicht als Kollektiv.

Das schnelle Verfallen in die Opferrolle (die anderen sind böse) und die Angst, das Eigene zu verlieren, weil man auf dünnem Boden steht, machen das Einleiten von Reformen schwierig. Schon der Begriff Reform alleine verursacht reflexartiges Unbehagen. Alles, was in Richtung Veränderung deutet – Begriffe wie „Erneuerung“, „liberal“, „zeitgemäß“, „modern“ – verursacht Unsicherheit, schon bevor man sich mit den Inhalten auseinandergesetzt hat. Etwas mehr Selbstbewusstsein, vielleicht gerade durch einen tieferen spirituellen Glauben, könnte hier sicher helfen.

Die November-Ausgabe des Magazins Cicero befasst sich mit der Frage, warum sich Menschen trotzdem für die gewaltbetonte Auslegung des Islams entscheiden. „Terrorexport: Wie junge Deutsche zu Gotteskriegern werden“. Ab sofort am Kiosk oder in unserem Online-Shop.

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