Gott ist kein Diktator, sagt Mouhanad Khorchide, erster Ausbilder für islamische Religionslehrer. Wer den Islam als strafende Gesetzesreligion auslegt und auf Äußerlichkeiten reduziert, mache ihn anfälllig für politische Instrumentalisierung. In seinem neuen Buch „Islam ist Barmherzigkeit“, das er auch auf der Frankfurter Messe vorstellt, streitet Khorchide für eine modernere Auslegung
Viele gläubige Muslime projizieren ihre Vorstellung von einem mächtigen Familienoberhaupt oder von einem archaischen Stammesvater, dem man unhinterfragt gehorchen und sich unterwerfen muss, auf ihre Vorstellung von Gott. Demnach gestaltet sich die Gott-Mensch-Beziehung als Beziehung zwischen einem Befehlshaber und einem Befohlenen, einem Knecht. Der Herr braucht seinen Knecht, er ist auf seine Dienste angewiesen, um seine Herrlichkeit genießen zu können.
Will aber Gott
wirklich, dass Menschen ihn verherrlichen? Braucht er unseren
Dienst? Sicher nicht! Diese Vorstellung eines restriktiven Gottes,
dem es nur um sich selbst geht, unterscheidet sich kaum von der
Vorstellung eines restriktiven Diktators, dem es nicht um die
Interessen seines Volkes geht, sondern um die Unterwerfung der
Menschen unter seinen Willen. Der Mensch wäre demnach unmündig, er
ist auf die Instruktionen Gottes angewiesen. Der Koran und die
prophetische Tradition werden in dieser Sichtweise als
Instruktionen wahrgenommen, die Gott dem Menschen verkündet, da
dieser nicht in der Lage sei, von sich aus zu erkennen, was gut und
was schlecht für ihn ist.
Der Koran und die Sunna (die prophetische Tradition) sind demnach eine Art Bedienungsanleitung für das Funktionieren des Menschen. Diese Metapher wird sehr oft von islamischen Gelehrten benutzt, die damit die Unmündigkeit des Menschen und seine Angewiesenheit auf göttliche Instruktionen unterstreichen wollen.
Ihr Argument lautet: „Wie der Konstrukteur einer Maschine diese am besten kennt und zur optimalen Nutzung eine Bedienungsanleitung beilegt, weiß Gott, der Schöpfer des Menschen, am besten, was für den Menschen gut und was schlecht ist. Daher müssen wir uns an seine Anleitung halten, auch dann, wenn uns der Sinn nicht immer einleuchtet. Man muss nicht immer alles verstehen. Wir müssen einfach nur das tun, was Gott sagt, dann ist alles in Ordnung, dann kann nichts schief gehen. Unser Verstand ist ohnehin so begrenzt, dass er nie alles wird nachvollziehen können, daher soll man nicht krampfhaft versuchen, alles zu verstehen.“
Problematisch an dieser Vorstellung ist, dass im Menschen eben lediglich eine Maschine gesehen wird. Die Freiheit des Menschen, seine Selbstbestimmung und der Stellenwert seiner Vernunft, mit der er Entscheidungen treffen kann, rücken weit in den Hintergrund. Die Beziehung des Gläubigen zu Gott wird auf eine Dimension reduziert, nämlich die des Gehorsams: Gehorsame werden für ihren Gehorsam belohnt, Ungehorsame entsprechend bestraft.
Die Fähigkeit des Menschen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, Gotteserfahrungen zu machen und diese zu reflektieren, eine individuelle Beziehung zu Gott aufzubauen, eine eigene Religiosität zu entwickeln und diese selbst zu verantworten, für sich selbst zu entscheiden, wie er sein Leben entwerfen und auf Gott individuell ausrichten will – all das wird ignoriert und unterdrückt. Wäre es aber nicht unfair von Gott, uns eine Vernunft zu geben, die verstehen will, die viele Fragen hat und vieles hinterfragen will, die dem folgen will, was ihr einleuchtet, was sie nachvollziehen kann – aber zugleich von uns zu erwarten, diese Vernunft zu unterdrücken?
Ist dann Vernunft eine Falle, die Gott dem Menschen gestellt hat, um zu sehen, ob er sich für das blinde Gehorchen oder das kritische Reflektieren entscheidet? Ist die Vernunft somit der Hauptfeind des Menschen? Und das menschliche Leben ein einziger Kampf gegen die eigene Vernunft? Sind diejenigen Sieger, die sich für Gott und gegen die Vernunft entschieden haben, und die Verlierer, die sich zur Vernunft und gegen Gott gewandt haben?
Viele islamische Gelehrte spielen Gott gegen die Vernunft aus. Sie stellen die Menschen vor die Wahl: entweder Gott oder die Vernunft. Diese Position wird weder Gott noch der Vernunft gerecht. Beide gehen dadurch verloren. Gott wird zu einem selbstsüchtigen Diktator gemacht, und die Vernunft wird ausgeschaltet. Diese Sicht widerspricht auch der koranischen Vorstellung der Gott-Mensch-Beziehung.
Seite 2: Wie bei den Salafisten die Menschenwürde auf der Strecke bleibt











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