Der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, Michael Vesper, spricht im Interview über seinen einstigen politischen Weggefährten Peer Steinbrück und erklärt, warum die damalige rot-grüne Koalition in NRW keine Blaupause für eine künftige war
Herr Vesper, ist Peer Steinbrück der richtige Kanzlerkandidat?
Das muss die SPD entscheiden, nicht ich. Peer Steinbrück kann führen und kennt sich in den wichtigen politischen Themen gut aus.
Aber ist er auch der Richtige für Rot-Grün?
Wir haben zwei Jahre als Ministerkollegen und dann zweieinhalb Jahre, er als Ministerpräsident und ich als sein Stellvertreter, zusammengearbeitet. Er musste sich erst daran gewöhnen und hatte einen denkbar schlechten Auftakt mit dem sogenannten „Düsseldorfer Signal“. (Anmerk. d. Red.: Mit dem Düsseldorfer Signal stimmten die nordrhein-westfälischen Grünen nach einer Koalitionskrise 2003 der Fortsetzung der rot-grünen Koalition zu.) Aber dann entwickelte er sich durchaus zu einem Rot-Grünen. Er hat erkannt, dass eine Koalition nur dann erfolgreich arbeiten kann, wenn es wechselseitigen Respekt vor dem jeweiligen Partner gibt und man dessen Möglichkeiten und Grenzen sieht. Das erleben wir immer wieder, in Berlin und anderswo. Eine Streitkoalition, egal aus welchen Farben, ist für die Wähler nicht gerade sexy.
Was waren seinerzeit die größten Reibungspunkte?
Steinbrück hat bekanntlich den Metrorapid abgeräumt. Andererseits gab es Konflikte in der Industrie- und Energiepolitik, gelegentlich auch im Politikstil. Aber seitdem sind fast zehn Jahre vergangen. Alle sind an Erfahrung reicher geworden. Die damalige rot-grüne Koalition war gewiss keine Blaupause für eine künftige.
Was hat den Stil von Steinbrück ausgemacht?
Peer Steinbrück bringt die Dinge gern auf den Punkt. Entgegen dem öffentlichen Bild, das von ihm gelegentlich gezeichnet wird, ist er keineswegs spröde, sondern witzig und unterhaltsam.
Ist Steinbrücks Humor etwas, was ihm zum Nachteil gereichen kann? Ironie ist in der Politik doch meist schwer zu vermitteln.
Ja, Ironie ist in der Politik immer gefährlich. Aber das Erfrischende bei Steinbrück ist, dass er – wie übrigens auch die Kanzlerin – über sich selber lachen kann.
Die Wahl 2005 in NRW mit Steinbrück als Ministerpräsidenten ging verloren: Die SPD holte mit 37,1 % ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Landtagswahl in NRW seit 1954 und auch die Grünen verloren an Stimmen und Boden. Wie schwer wog der Faktor Steinbrück bei der Niederlage?
Sicherlich hat der Ministerpräsidentenwechsel von Wolfgang Clement zu Peer Steinbrück zweieinhalb Jahre vor der Wahl die Bindung und Mobilisierung der Wähler nicht gerade befördert. Entscheidender waren bundespolitische Einflüsse wie die ausgerechnet in der heißen Wahlkampf-Phase in Kraft getretene Hartz IV-Reform. Und ich denke, die Zeit war damals einfach reif für einen Wechsel nach fast vier Jahrzehnten SPD an der Regierung.
Steinbrück soll nicht nur den Weg für Rot-Grün ebnen, er ist auch ein Signal an die FDP im Hinblick auf eine mögliche Ampelkoalition. Sind aber die Grünen bereit für eine Koalition mit der FDP?
Ich bin froh, dass ich mit solchen Koalitionsarithmetiken nichts mehr zu tun habe. Pro-aktive „Ausschließeritis“ hilft selten weiter. Andererseits erwarten die Wähler klare Ansagen. Das Problem ist, dass FDP und Grüne teilweise um die gleichen Wählerpotentiale kämpfen. Und Dreierkonstellationen sind immer komplizierter als Zweierkonstellationen, wie man als Vater von drei kleinen Kindern weiß.
Wird Steinbrück zwischen Grünen und Gelben vermitteln können?
Sein sensibler, einfühlsamer Umgang in solchen Situationen ist doch bekannt.
Können Sie sich eine Rückkehr in die Politik vorstellen? In ein Kabinett Steinbrück womöglich?
Ich bin sehr froh, dass ich damals das Spielfeld gewechselt habe und seit mittlerweile sechs Jahren auf dem wunderbaren Feld des Sports tätig sein darf. Das Schöne daran ist auch, dass ich viele meiner früheren Kolleginnen und Kollegen wiedertreffe und mit ihnen weiterhin zusammenarbeiten kann.
Also keine Rückkehr? Im Sport und der Politik ist ja bekanntlich alles möglich, da soll man nie „Nie“ sagen.
(lacht) Nicht nur im Sport und der Politik, sondern auch bei James Bond. Aber ich bleibe beim Sport.
Herr Vesper, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Timo Stein
Michael Vesper ist Gründungsmitglied der Grünen und war Geschäftsführer der ersten Bundestagsfraktion seiner Partei. Ab dem Jahr 2000 gehörte er als Städtebauminister und stellvertretender Ministerpräsidenten der rot-grünen Landesregierung von Nordrhein-Westfalen an. Von 2002 bis 2005 gehörte er dabei dem Kabinett von Ministerpräsident Peer Steinbrück an. Anschließend wurde er im Oktober 2006 Generaldirektors des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).











1 Kommentar