Warum wir ein Zweikammersystem in Europa brauchen, der Kommissionspräsident überflüssig und die Occuppy-Bewegung harmlos ist. Ein Interview mit Ex-Außenminister Joschka Fischer
Herr Fischer, ich muss Ihnen zunächst etwas beichten. Wir sind uns schon einmal begegnet. Vor gut zehn Jahren waren Sie als Außenminister in einer Berliner Talkshow zu Gast. Ich saß im Publikum und habe Sie lautstark als „Kriegstreiber“ beschimpft.
So ist das Leben.
Werden sie heute auch noch beschimpft? Anders gefragt: Vermissen Sie nicht die mitunter harte politische Auseinandersetzung?
Nein, ich bin froh, dass ich aus der Politik draußen bin.
Ist eine Rückkehr in die Politik denn völlig ausgeschlossen? Demnächst wird ja vermutlich in einem berühmten Berliner Schloss wieder etwas frei.
Nein. Ich habe mein Leben so geführt, dass ich den hohen moralischen Standards, die neuerdings an öffentliche Ämter durch die Medien angelegt werden, nicht mehr gerecht werde. Demnächst wird der Bundespräsident über das Wasser wandeln müssen und dann wird man ihn fragen, ob er am Ende den Erwerb dieser Fähigkeit sich nicht hat subventionieren lassen. Ein schwieriges Terrain.
Sie sind zurzeit als Lobbyist und Berater für Unternehmen wie REWE, RWE und OMV tätig. Wie würde der junge Joschka über den heutigen Fischer denken?
Wie das der frühere Joschka Fischer gesehen hätte, das weiß ich nicht. Das müssen sie den früheren Joschka fragen, den gibt es allerdings nicht mehr.
Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist es auch, sich mit europapolitischen Fragen auseinanderzusetzen. Wie bewerten sie Merkels Euro-Krisenmanagement?
Durchwachsen. Sehr durchwachsen. Alles, was seit dem letzten Gipfel entschieden und angeschoben wurde, hätte bereits vor zwei Jahren auf den Weg gebracht werden können. Klar ist, dass es desaströs wäre, würde der Euro scheitern. Dann nämlich stünde das gesamte europäische Projekt vor dem Aus. Deutschland wäre der große Verlierer eines solchen Szenarios. Wir sind wie kein anderes Land vom europäischen Markt abhängig. Aber die Krise hat klar gemacht, dass die EU zwischen Baum und Borke hängt.
Was hat Angela Merkel falsch gemacht?
Angela Merkel hat sich nicht getraut – und es vielleicht auch nicht gewollt – die Dinge auf den Punkt zu bringen, auf den sie gebracht werden müssten. Sie hat zunächst nicht verstanden, dass eine Stabilitätsunion ohne Transferunion nicht funktionieren wird. Und umgekehrt, dass das große Defizit, die mangelnde politische Union, überwunden werden muss, wenn der Euro überleben soll. Stabilitätsunion, Transferunion, Fiskalunion, politische Union – diese Schritte sind unverzichtbar! Sie hängen natürlich stark von der Bundesrepublik ab, weil wir das wirtschaftlich stärkste Land sind. Ich bin aber froh, dass wir auf dem letzten Gipfel ein Stück näher an die politische Union herangerückt sind.
Lesen Sie im zweiten Teil, wie sich Joschka Fischer die Vereinigten Staaten von Europa vorstellt









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