Abgesehen von Holocaust und Weltkrieg war doch das Dritte Reich voll okay! Und die Bonner Republik – diktatorisch? Aus der DDR konnte man bequem ausreisen! Über den erschreckenden Befund bei Schülern, die Demokratie von einer Diktatur nicht auseinanderhalten können
Dagmar Schulze Heuling ist Mitautorin der Studie „Später Sieg der Diktaturen?“, die kürzlich vom Forschungsverbund SED-Staat der Freien Universität Berlin veröffentlicht wurde
War Hitler ein Diktator? Die Hälfte der deutschen Jugendlichen zweifelt! – so und ähnlich lauteten die Schlagzeilen zu einer Studie des Forschungsverbunds SED-Staat. Zwar gibt die Schlagzeile nicht exakt die Ergebnisse des Projekts wieder, denn es wurde nicht nach Hitler, sondern nach einer Einschätzung des Nationalsozialismus als Diktatur gefragt. Doch befremdlich sind die Befunde allemal.
So sind 45 Prozent der Jugendlichen der Meinung, die Bundesrepublik sei vor der Wiedervereinigung de facto keine Demokratie gewesen. Für fast genauso viele Befragte stellt die DDR keine Diktatur dar. Warum auch, glaubt doch deutlich mehr als ein Drittel von ihnen, dass individuelle Menschenrechte im Nationalsozialismus, der DDR sowie der Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung gleichermaßen gewährleistet waren.
Zudem kümmerten sich der NS-Staat und die DDR besser um Kinder und Jugendliche als die Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung. Nur heute ist alles noch besser. Zwar ist auch das wiedervereinigte Deutschland für rund 30 Prozent der Schüler keine Demokratie, trotzdem fühlen sich die meisten von ihnen hier wohl und beurteilen unterschiedliche Aspekte des Lebens in der Bundesrepublik positiv.
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Sie sehen die Möglichkeit, durch Wahlen Politik mitzugestalten, die Gewährleistung von Meinungs- und Pressefreiheit, die Möglichkeit der ungehinderten Auswanderung, ja, sie halten sogar ihre Mitmenschen für hilfsbereit und solidarisch. Kurzum: die überwältigende Mehrheit der Jugendlichen lebt gern in diesem Land.
Dies sind einige der Ergebnisse eines dreijährigen Forschungsprojekts, das sich mit den Kenntnissen und Urteilen Jugendlicher über die deutsche Zeitgeschichte beschäftigt hat. Dazu wurden in drei Teilprojekten insgesamt 7.500 Schülerinnen und Schüler befragt.
Einige Klassen wurden dabei mehrfach besucht, um Veränderungen des Wissens und der Einstellungen messen zu können. Neben dem Geschichtswissen sollten vor allem die Vorstellungen und Urteile erhoben werden, die die Jugendlichen von und über vier Systeme haben – den Nationalsozialismus, die DDR sowie die Bundesrepublik vor und nach der Wiedervereinigung.











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