Steinbrück 21

Gefangen in einer „Pipi-Scheiße-Kacka“-Endlosschleife

Aufregung um Peer Steinbrück: Nun bezeichnet er die italienischen Politiker Berlusconi und Grillo als „Clowns“. Doch darin steckt mindestens genauso viel Clownerie wie im Auftreten der beiden von ihm gescholtenen italienischen Politiker. Steinbrück verwechselt Geschwätz mit Klartext – mal wieder

Peer Steinbrück
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Alexander Marguier ist stellvertretender Chefredakteur von Cicero.

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Peer Steinbrück hat eine eigenwillige Art, sich ins Gespräch zu bringen. Irgendwie ist das schon fast niedlich. Oder auch bemitleidenswert, zumindest für einen gestandenen Politiker. Mich erinnern seine inzwischen regelmäßigen Entgleisungen nämlich an ein kleines Kind, das Aufmerksamkeit zu erregen sucht, indem es am Mittagstisch ständig „Kacke“ schreit und sich wie Bolle auf die entgeisterten Blicke seiner Eltern freut.

Erwachsenen ist bekannt, dass sich diese infantile Provo-Masche irgendwann abnutzt und man als Erziehungsberechtigter am besten darauf reagiert, sie gar nicht erst zu beachten. Das eigentliche Drama des SPD-Kanzlerkandidaten ist freilich die permanente Erregungsbereitschaft der medialen Öffentlichkeit, die den Mann immer wieder zu neuen Verbalinjurien anstachelt.

Steinbrück ist inzwischen gefangen in einer „Pipi-Scheiße-Kacka“- Endlosschleife, die er – aus der Not eine vermeintliche Tugend machend – als „Klartext“ präsentiert. Darin steckt mindestens genauso viel Clownerie wie im Auftreten der beiden von ihm gescholtenen italienischen Politiker. Aber im Gegensatz zu Silvio Berlusconi und Beppe Grillo führen seine Eskapaden nicht einmal zu Beliebtheitszuwächsen, sondern dem genauen Gegenteil. Vom Ergebnis her taugt Klartext-Peer allenfalls zum traurigen Harlekin.

Grillo, der ehemalige Fernseh-Komiker, kann zu Recht von sich behaupten, ganz Europa zittere vor ihm. Vor Steinbrück zittern allenfalls seine eigenen Genossen, die den ausgemachten Blödsinn ihres Kanzlerkandidaten auch noch verteidigen müssen. Verhaltensökonomen sprechen in solchen Fällen von „sunk cost fallacy“: Eine getätigte Investition wird auf Biegen und Brechen fortgesetzt, obwohl allen Beteiligten klar ist, dass aus dem Projekt nichts Vernünftiges mehr werden kann. Schuld daran sind die bereits getätigten Aufwendungen („versunkene Kosten“), die sich nicht mehr zurückholen lassen. Ungefähr so, wie beim Stuttgarter Bahnhofsprojekt. Und die Sozialdemokraten haben bereits dermaßen viel Nerven in ihr „Peer 21“-Vorhaben investiert, dass sie jetzt nach der Methode „Augen zu und durch“ operieren. Wohl wissend, dass am Ende eine krachende Niederlage steht.

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Wenn es doch wenigstens Klartext wäre, was Steinbrück da absondert, könnte man ihn ja noch ernst nehmen. Tatsächlich erweist sich seine verbale Kraftmeierei ein ums andere Mal bloß als „cheap talk“, als billiges Geschwätz. In je nach Sichtweise guter oder weniger guter Erinnerung ist immer noch seine Kavallerie, die er gegen die Schweizer Finanzwelt und ihren heiligen Gral namens Bankgeheimnis ausreiten lassen wollte. Was ist daraus geworden? Jedenfalls nicht besonders viel. Wenn jemand den Schweizern soeben gezeigt hat, was eine Harke ist, dann waren das die Amerikaner – und nicht unser deutscher Ankündigungs-Goliath Peer Steinbrück, der sich den Stein des Anstoßes inzwischen wöchentlich und ohne fremdes Zutun selbst ins Auge schleudert. Diese Szenerie ist mittlerweile derart grotesk, dass er die Öffentlichkeit mit ernsthaften Sachthemen überhaupt nicht mehr erreichen kann, weil alle nur noch auf den nächsten Pinot-Grigio-Moment warten.

Diese Momente hatten früher immerhin noch den Vorteil, dass sie einigermaßen süffig rüberkamen. Der jüngste Vergleich hingegen ist nicht einmal eine rhetorische Delikatesse, weil er mit einer erbärmlichen Sentenz aus dem Satzbaukasten des Polits-Sprechs eingeleitet wurde: „Bis zu einem gewissen Grade“ sei Steinbrück entsetzt darüber, dass in Italien zwei Clowns gewonnen hätten, so der Originalton des Kanzlerkandidaten. Graduelles Entsetzen, darauf muss man erst einmal kommen. Klartext klingt jedenfalls anders. Ganz davon abgesehen, dass gerade ein Sozialdemokrat ein bisschen bessere Antennen dafür haben sollte, welche politischen Dysfunktionalitäten zu diesem in der Tat höchst problematischen Wahlausgang in Italien geführt haben.

„Peer, Sie haben bisher noch keine entscheidenden Fehler gemacht“, raunte Altkanzler Helmut Schmidt seinem Nachfolge-Aspiranten in dem bestürzend eintönigen Buch „Zug um Zug“ ins Ohr. In der Rückschau liest sich das, mit Verlaub, wie ein schlechter Scherz. Aber auch hier gilt der Satz, den Steinbrück seinem Clowns-Vergleich jetzt trotzig hinterherrief: Gesagt ist gesagt.

 

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