Tebartz-van Elst

Die mediale Empörungsmaschine

An Tebartz-van Elst kann man lernen, wie Skandale in den Medien heutzutage funktionieren. Pomp, Gezeter, Promifaktor – und ganz wenig Debatte. Das ist gefährlich für die Demokratie

Zahlreiche Kameras sind auf den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst gerichtet
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Unser Autor

Petra Sorge ist Verantwortliche Redakteurin Online bei Cicero. Ihre Themen sind Politik und Digitales, außerdem schreibt sie die Medienkolumne. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.

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Jetzt interessiert sich auch das Ausland für unseren luxusverliebten Bischof. In den USA gilt Franz-Peter Tebartz-van Elst als „Bling Bishop“, in Anlehnung an „Bling-Bling“, das für teuren, funkelnden Schmuck steht. Eine „vatikanische Inquisition“ könne auf ihn warten, titelte Associated Press.

Aber warum kocht die Affäre um Tebartz-van Elst gerade jetzt hoch? Bereits 2009 beschwerten sich Limburger Priester über den „Hochglanzkitsch“ des Bischofs, über dessen „selbstverliebte Rituale“. Tebartz-van Elst vergrätzte zahlreiche Mitarbeiter, und 2012 sickerten erste Details über die exorbitanten Baukosten durch.

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Doch erst in den vergangenen Tagen und Wochen verdichteten sich die Ereignisse zu einem so saftigen Skandal, dass auch die Medien lustvoll zubissen. Hier kommt alles zusammen, was Nachrichtenwert bietet: Geld (das der Bischof vergeudete), Macht (die er in seiner Personalpolitik exerzierte), Crime (da die Staatsanwaltschaft Strafbefehl beantragt hat) und irgendwie auch Sex (Tebartz-van Elsts Weigerung, gleichgeschlechtliche Partner zu weihen oder die Erinnerung an den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche). A-Promis, die sich mit dem Fall befassen (Angela Merkel, der Papst). Die Differenz von moralischem Führungsanspruch und lasterhafter Lebensweise, die im Gegensatz von Papst Franziskus‘ Armutsdogma zu Franz-Peters Luxussucht besonders krass hervortritt.

Es braucht ein Gesicht, das sich verunstalten lässt


Günstig war auch der Zeitpunkt: Die Bundespolitik ist wie gelähmt, solange die Sondierungsgespräche andauern. Die Berliner Republik, ja ganz Brüssel ist heruntergefahren, es ist, als befänden wir uns in einem verspäteten Sommerloch. So wie Christian Wulff die Medienlücke um Weihnachten/Neujahr 2011/12 stopfte, kam Tebartz-van Elst gerade recht, um Brennpunkte und Titelseiten zu füllen.

Vor allem aber bot sein Skandal eins: Personalisierung. Ein Mensch, an dem sich die erregte Meute abarbeiten kann. Ein Gesicht, das sich googlen und in Blogs verunstalten lässt. Das ist in der Reizüberflutung der rasanten, digitalisierten Medienwelt die wichtigste Voraussetzung, damit es eine Geschichte überhaupt zu einem Skandal schafft. Er konnte so derartig wütend aufflammen, weil jedes dieser Details nach und nach in die Medienmaschine geworfen wurde, wie Kohlebriketts, die man fortlaufend ins Feuer gibt.

Ein solcher Brand könnte eigentlich kathartische – also reinigende – Wirkung haben. Aas und Totholz werden hinweggefegt, auf der fruchtbaren Asche gedeiht neues Leben. Genau das ist die Aufgabe von Medien: auf Missstände hinzuweisen, Kritik zu üben, auf dass es besser werde. In der Theorie.

In der Praxis jedoch interessiert sich der vom Netz gehetzte, people- und skandalgesteuerte Journalismus, der längst auch die traditionellen Qualitätsmedien ergriffen hat, kaum noch für dieses Aas. Er will lieber Frischfleisch jagen, anstatt da hinzuschauen, wo es stinkt und fault und rottet. Egal, ob das in den Unterschichten, im Finanzsystem oder in Dritte-Welt-Ländern ist: Wo Fehlbildungen systemisch sind, gelten sie als unsexy. Sie werden allenfalls noch an Jubiläen oder Jahrestagen abgehandelt. Am gestrigen Welternährungstag konnte man ein paar halbherzige Texte über den Hunger lesen.

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Ansonsten gelangen Strukturprobleme entweder dann an die Öffentlichkeit, wenn sie über Prominente kommuniziert werden – deshalb war Afrika in der Amtszeit von Bundespräsident Horst Köhler noch ein Thema. Oder, wenn sie über die genannten Nachrichtenfaktoren transportiert werden. Strukturdebatten haben also noch dann eine Chance, wenn sie selbst einen Sex-and-Crime-Faktor aufweisen, wie das Thema Sexismus nach dem Brüderle-Skandal.

Alles Komplexe wird weggeschnippelt


Von Debatten kann man da nicht einmal sprechen. Einerseits ist ihre Haltbarkeit auf die Dauer der mit ihnen verbundenen Skandale beschränkt. Andererseits wird in dem grellen Firlefanz von Bild, Zeile und Geschrei alles weggeschnippelt, was komplex, vielschichtig ist oder vom Rezipienten Denken erfordert.

Denn wo, bitteschön, sind die Fragen nach der staatlichen Subvention der Religionsgemeinschaften, nach dem tieferen Sinn der Kirchensteuer, nach der historisch-machtpolitischen Dimension der katholischen Luxusgüter? Wo nimmt jemand den Skandal um den Luxusbischof zum Anlass, noch einmal zu schauen, ob auch der Missbrauchsskandal in derselben Kirche richtig aufgearbeitet wurde? Und wie kann es sein, dass niemand mehr über die riesigen Lücken im Steuerrecht gesprochen hat, seitdem Ulrich Hoeneß von der Bildfläche verschwunden ist? Erst, wenn die Staatsanwaltschaft Ende November Anklage gegen den Bayern-Präsident erheben sollte, könnte der Skandal noch einmal in seine letzten, allenfalls winzige Zuckungen kommen. Allein, Fragen wird dann niemand mehr stellen. Denn Hoeneß ist längst ausskandalisiert.

Wichtig sind allein die Überschrift, der Erregungsgrad, das Vernetzungspotenzial: Kann die Story gefunden, geliked, geteilt und getwittert werden?

Der Anspruch, die ganze Geschichte zu erfahren, verkümmert regelmäßig in solchen Skandalen, beobachtet der Journalist und Politikwissenschaftler Thomas Leif. „Die flotte Eindruckserweckung ist oft wichtiger als die bilanzsichere Klärung der Sachverhalte. Aufmerksamkeit bemisst sich vor allem in Auflage, Klicks und Quote.“

Wer diese Logik einmal verstanden hat, kann sie auch gezielt einsetzen. Etwa, um einen Gegner kaltzustellen. Zweifelsohne gab es viele Oppositionspolitiker und Lobbyisten, die ein Interesse daran hatten, der damaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt im Wahlkampf 2009 zu schaden. Die Dienstwagen-Affäre, deren Zustandekommen bis heute nicht letztendlich geklärt ist, war ein solches Mittel. Schmidt verzichtete von sich aus auf die erneute Kandidatur ums Ministeramt, obwohl die ganze Sache ein Popanz war: hoher Empörungsgrad, geringe Relevanz.

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Skandale bieten Trittbrettfahrern auch die Möglichkeit, die mediale Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken. Der Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter, der für die Grünen die Pädophilie-Historie aufarbeitet, wusste ganz genau, wie das funktioniert. Er enthüllte seine Entdeckungen gegen Jürgen Trittin genau eine Woche vor der Bundestagswahl. Da war die Story am besten platziert, sprich: Sie richtete den größten Schaden an. Und der Name Franz Walter war in aller Munde.

NSA-Skandal nur auf seine Akteure beschränkt


Es ist besorgniserregend, dass es den meisten Medien nicht mehr gelingt, aus dieser Skandalisierungslogik auszuscheren, selbst wenn das eine Gefahr für die Demokratie darstellt. Die NSA-Affäre bedroht alles, was wir uns über Jahrhunderte an Autonomie und Rechtsstaatlichkeit erkämpft haben. Und doch wurde sie hauptsächlich über Personalisierung transportiert. Die Jagd nach Edward Snowden war zweifelsohne ein berauschender Agenten-Thriller, die Ausspähung von Glenn Greenwald atemberaubend, das Heathrow-Drama um David Miranda bühnenreif, die Erpressung des Guardian-Chefredakteurs Alan Rusbridger ungeheuerlich. All das durfte, musste berichtet werden.

Aber irgendwann hörte der Skandal einfach auf.

Die letzte Nachricht in Sachen NSA erreichte uns gestern. Glenn Greenwald werde den Guardian verlassen und ein „Traumangebot“ anderswo annehmen, lernten wir da.

Und was ist mit den Geheimdiensten?

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