Nahles' Familienpolitik

Endlich in der Wirklichkeit angekommen

Andrea Nahles glaubt nicht mehr daran, dass Vollzeitarbeit und Familie vereinbar sind. Verabschiedet sich die Sozialdemokratie demnächst vom Ideal der werktätigen Frau?

Daheim steht ihr Ehemann am Herd: Arbeitsministerin Andrea Nahles
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Unser Autor

Hugo Müller-Vogg ist freier Journalist und Buchautor. Er publizierte mehrere Gesprächs-Bände, u. a. „Mein Weg" mit der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel sowie „Offen will ich sein und notfalls unbequem“ mit Bundespräsidenten Horst Köhler. Im April 2014 erschien sein Interview-Buch mit Rainer Brüderle „Jetzt rede ich!“. War von 1988 bis 2001 Mitherausgeber der FAZ

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Kann man sich zur Familienpolitik noch biederer, rückständiger und altmodischer äußern als so: „Über dieses angebliche Ideal, beide arbeiten Vollzeit und sind glücklich dabei, kann ich nur lachen. Es ist für viele Paare schlicht eine Überforderung.“ Das hat nicht etwa ein hinterwäldlerischer CSU-Veteran beim dritten Bier vor sich hingegrummelt; auch keine fünffache CDU-Mutter, die Konrad Adenauer noch persönlich kannte; nicht einmal die AfD war dazu imstande.

Nein, diese Absage an das gesellschaftspolitische Leitbild der Ganztags-Doppelverdiener-Eltern stammt von Andrea Nahles. Genau, von jener Andrea Nahles vom linken Flügel der SPD, die bisher als Bundesarbeitsministerin Vorkämpferin für ein modernes Mutterbild war: acht Stunden täglich das Bruttosozialprodukt steigern und die lieben Kleinen bei zertifizierten Erzieherinnen in staatlichen Ganztags-Kitas parken und fördern lassen. Doch Nahles hat das nicht so einfach dahin geplaudert, sondern sich über die bisherige familienpolitische Parteilinie in einem „Zeit“-Interview mokiert – in aller Ruhe und mit Bedacht.

Andrea Nahles lacht also über das Ideal von Vollzeit arbeitenden Eltern. Man reibt sich die Augen, wenn man das liest. Beide, Väter und Mütter, sollen in der Zeit, wenn die Kinder klein sind, weniger arbeiten, um dann später wieder länger zu schuften. Eine Familienarbeitszeit von 32 Stunden für Väter und Mütter, wie sie Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) vorgeschlagen hat, schwebt Nahles als Lösung vor. Dabei soll diese Arbeitszeitreduktion „kein Privileg für Besserverdienende sein“. Wie das aber finanziert werden soll, verrät die neue  Familienpolitikerin Nahles nicht.

Nahles bestätigt Karl Marx aufs Trefflichste


Der Leser ist verwirrt und ratlos. Ist das dieselbe Andra Nahles, die als SPD-Generalsekretärin nicht berufstätige Mütter kollektiv beleidigte und deren staatliche Unterstützung als „Herdprämie“ diffamierte? Ja, sie ist es. Aber was sie früher bei anderen Müttern als ein von bösen Männern oktroyiertes Zuviel an mütterlichen Gefühlen belächelt hat, erlebt sie nun selbst: dass sich Kind und Karriere oft nur schwer in einen Acht-Stunden-Tag pressen lassen. Mutter Nahles jedenfalls pendelt zwischen Töchterchen Ella Maria und nicht berufstätigem Ehemann in der Eifel und ihrem Ministerium in Berlin. Und muss dann häufig der Dreieinhalbjährigen erklären, warum Mama so selten da ist. Wenn das einer Mutter bisweilen schwer fällt und weh tut, spricht das ja nicht gegen die Frau. Im Gegenteil!

So bestätigt Andrea Nahles den alten Karl Marx aufs Trefflichste: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Plötzlich sind Frauen, die ihren Kindern zu Liebe weniger arbeiten möchten, keine doofen Heimchen am Herd mehr. Die meisten Frauen bleiben eben nach der Geburt der Kinder länger zuhause als Männer.

Freilich versucht Nahles, ihren Kurswechsel ideologisch zu verbrämen. Mehr Flexibilität in der Arbeitswelt für Väter und Mütter erklärt sie flugs zu „linker Politik“. Doch wie immer Nahles die neue sozialdemokratische Familienpolitik auch begründen und betiteln mag: Sie scheint in der Wirklichkeit angekommen zu sein. Fragt sich nur, ob das Heer der kinderlosen Frauen- und Familienpolitikerinnen in der SPD das auch so sieht. Denn auch für sie gilt: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

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