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 > Endlich! Das Land kämpft gegen rechts

Berliner Republik

Von Bayreuth bis OlympiaEndlich! Das Land kämpft gegen rechts

Von Christoph Seils8. August 2012
picture alliance
Jewgenij Nikitin,Nadja Drygalla,Rechtsextremismus-Verdacht,Hexenjagd
Jewgenij Nikitin und Nadja Drygalla: Opfer der Hexenjagd gegen rechts?
Schrift:

Einen Opernsänger, einem Fernsehmoderator und einer Ruderin sei Dank. Endlich stemmt sich die ganze Nation gegen Rechtsextremismus und Rassismus. Eine Glosse

Seite 1 von 2

Beim Kampf gegen rechts in Deutschland liegt Manches im Argen. Zehn Jahre lang zum Beispiel blieben rassistische Mörder in Deutschland unentdeckt. Die Öffentlichkeit sprach von „Dönermorden“, die Polizei versagte mit ihren Ermittlungen kläglich, der Verfassungsschutz hatte keine Ahnung. Doch kaum war die Mordserie aufgedeckt worden, betrachteten die Schlapphüte es als ihre zivilgesellschaftliche Pflicht, möglichst viele Akten aus dem Umfeld der Terrorzelle zu vernichten. Dass die Griechen „faul“ sind, nur an unser Geld wollen und dieses Land sich abschafft, wenn es weiterhin Muslime ins Land lässt, davon sind viele überzeugt.

Die deutschen Sicherheitsbehörden wiederum halten jeden Muslimen eh für einen potenziellen Islamisten, vor allem dann, wenn er freitags in die Moschee geht. Asylbewerber hingegen werden in Deutschland seit zwei Jahrzehnten mit Almosen abgespeist, die nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts die Menschenwürde verhöhnen. Empört hat sich darüber kaum jemand. Weder Union und FDP noch SPD und Grüne haben, solange sie regierten, es für nötig befunden, an der beschämenden Praxis etwas zu ändern. Die Mehrheit der Deutschen findet es vermutlich bis heute richtig, dass die „Sozialschmarotzer“ aus Afrika oder vom Balkan finanziell knapp gehalten werden und deutlich weniger Hilfe erhalten als Hartz-IV-Empfänger.

An die NPD hingegen haben sich die Deutschen gewöhnt. Wenn sich Menschen dagegen wehren, dass Autonome Nationalisten ihren Alltag unterwandern, stehen sie häufig alleine da. Wenn die Populisten unter den Politikern dann in den Wahlkampf ziehen, kennen sie schließlich keinen Rechtsstaat mehr, sondern nur noch den kurzen Prozess, die sofortige Abschiebung für alle kriminellen Ausländer und den Rausschmiss Griechenlands aus dem Euro, „aber schnell“. Soviel zum politischen und gesellschaftlichen Alltag in Deutschland.   

Doch seit ein paar Wochen überbietet sich die ganz Nation plötzlich im Kampf gegen die braune Pest. Erst wird Ende Juli in Bayreuth ein russischer Starbariton vom Grünen Hügel gejagt. Er trug vor ein paar Jahren eine Tätowierung auf der rechten Brust, in der man mit etwas Fantasie die Arme eines Hakenkreuzes erkennen konnte. Bei NS-Symbolen ist der Deutsche sensibel. Angehört wurde der Delinquent nicht, nachdem die Archivbilder im Fernsehen gesendet worden waren. Worüber hätte man mit ihm auch reden sollen. Es gab schließlich niemandem, der Jewgenij Nikitin eine fragwürdige politische Gesinnung nachsagt hatte. Dass er einmal ein Hakenkreuz auf seiner Brust getragen hat und dieses Tattoo übertätowiert wurde, bestreitet der Opernsänger. Doch selbst wenn es anders gewesen wäre, hätte man ihn als jemanden prästieren können, der aus pubertären Verirrungen gelernt hat. Wenn es um sich selbst geht, sind die Deutschen schließlich Meister im Vergeben von Jugendsünden.

Seite 2: Weitere TV-Verfehlungen: „Seit 2008 wird zurückgeritten“

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Christoph Seils hat Recht, es

Christoph Seils hat Recht, es gibt in Deutschland eine Tendenz dazu, Probleme wie Rassismus und dumpfe Vorurteile zu ignorieren und stattdessen auf Nebendarsteller einzuprügeln, nach dem Motto: Schaut her, wie toll wir gegen Rechts agieren. Das ist ein billiger Trick und ändert nichts an den Verhältnissen.

Aber: Nur weil es diese Defizite gibt, sollen wir aufhören, uns mit Fällen wie Drygalla und Jitkin auseinanderzusetzen? Ich bin nicht wie Christoph Seils der Meinung, dass die beiden völlig unschuldig an den medialen Pranger gestellt wurden, dazu werfen ihre Erwiderungen auf die Vorwürfe zu viele neue Fragen auf (von mangelnder Glaubwürdigkeit will ich gar nicht reden, weil das nur ein persönlicher Eindruck ist).

Rechtsextremismus ist ein gesamtgesellschaftliches Thema, keine Frage. Aber die Gesellschaft besteht aus Individuen und wer mit braunem Gedankengut flirtet, muss sich dafür kritische Fragen gefallen lassen. Wo soll man sonst Anfangen, "beim Kampf gegen rechts", wenn nicht beim Einzelnen?

  • Antworten
Christian Siebje08.08.2012 | 13:10 Uhr

Christian Siebje

Christian Siebje hat Recht!

  • Antworten
M. Flöger09.08.2012 | 12:36 Uhr

Nicht ganz einverstanden

Einverstanden mit so ziemlich allem, nur nicht mit dem, was Nadja Drygallla betrifft. Es gibt im juristischen Bereich einen Begriff, den noch nie jeamnd beanstandet oder bestritten hat, und der eigentlich jedem auf Anhieb einleuchtet, nämlich den der Befangenheit. Das hat nichts mit Sippenhaft oder ähnlichem Käse zu tun; es bedeutet nur, dass man davon ausgehen kann, dass affektive Bindungen das Urteil einer Person beeinflussen; das ist schlicht menschlich. Nur was im einen Fall "positive" Konsequenzen hat, kann natürlich, wie hier, auch negative Folgen haben. Es wird davon ausgegangen, dass zwischen zwei Personen, die sich nahe stehen, eine gewisse Form der Solidarität besteht.
Das eigentliche Problem liegt aber in der Art und Weise, wie die Gesellschaft mit Rechtsextremismus umgeht. Während bei Linksextremismus der Staat im Allgemeinen hochsensibel reagiert - und das hat Tradition - wird Rechtsextremismus bis weit hinein in bürgerliche Kreise toleriert. Zumindest so lange man unter sich ist. Nur nach außen sieht die Sache natürlich anders aus. Allein die Vorstellung, jemanden, der mit rechtsextremistischen Gedanken sympathisiert, auf dem Treppchen die deutsche Nationalhymne schmettern zu sehen, lässt dann doch einige Leute erschaudern, und reagieren - vielleicht auch etwas überreagieren.

  • Antworten
athe08.08.2012 | 13:11 Uhr

Gut gemeint, aber zahnlos

Ein Wort zum "Qualitätsjournalismus" und den vielgelobten moralischen Standarts bei der TAZ, der Zeit und der Springer-Presse wäre hier durchaus angebracht. Denn nicht Deutschland erregt sich, sonder ein paar vom mauen Ergebnis der deutschen Olympioniken enttäuschten Journalisten. Vielleicht sollten wir nicht über den mangelnden Kampf gegen "rechts", sondern über die Journalisten-Ausbildung und moralische Ausfallsicherungen bei Journalisten sprechen. Aber dafür würde man ja Zivilcourage, Mut oder so etwas ähnlich benötigen. In Deutschland Fehlanzeige. Nachholdender Widerstand und die öffentliche Hinrichtung Wehrloser ist alles, was geht. Kritik am Journalismus undenkbar. Sobald es um Karriereausichten geht, kennt der Deutsche keine Rücksichten und mehr als ein ungläubiges Kopfschüttel (über so viel Dummheit) wäre auch von seinen Kollegen nicht zu erwarten.

  • Antworten
Otto Hildebrandt08.08.2012 | 13:45 Uhr

über die Journalisten-Ausbildung und moralische Ausfallsicherung

Es dreht sich um Geld: Man - die Journalisten machen den mainstream mit und befeuern ihn dadurch, weil dies Auflage und damit erhöhte Anzeigenpreise ergibt und dadurch sind höhere Gehälter möglich.

Meines Erachtens geht hier die ZEIt mit sehr schlechtem Beispiel voran: Sie haben Qualität gegen Quantität getauscht. Und sind stolz darauf.

  • Antworten
M. Flöger09.08.2012 | 12:34 Uhr

Keine "Sippenhaft

Ich kann es nicht mehr hoeren - "Sippenhaft"! Herr Seils, ich stimme Ihnen zu, die Faktenlage im Fall Drygalla ist viel zu duemm gewesen, um sie nach Hause zu schicken. Man kann ihr unterstellen rechtsradikales, ergo Verfassungsfeindliches Gedankengut zu hegen auf Grund der Tatsache, dass Sie mit Herr Fischer verbandelt ist. Aber die Unterstellung allein ist nicht ausreichend, um sie gleichsam automatisch in die Nazischublade zu stecken. Zumal sie sich, zumindest intern, von rechtsradikalem Gedankengut distanziert hat und die Mannschaftskameraden ihr auch keine rassistischen oder nationalsozialistichen Aeusserungen nachsagen.

ABER: Es handelt sich keinesfalls um Sippenhaft, die als "...das Einstehenmüssen der Familienmitglieder für ... ihre Angehörigen" nach Wiki definiert ist. Hier geht es nicht um rechtsradikales, geteiltes Gedankengut, mit der Betonung auf "geteilt". Der Verdacht bleibt bestehen und ist gerechtfertigt, allein der Nachweis fehlt!
Der Einwurf "Sippenhaft" kommt genau aus der Ecke, in der diese zuletzt in Detuschland praktiziert wurde - deshalb sollte man sich dieses tendentioesen und mit Absicht falsch verstandenen Begriffes nicht bedienen!

  • Antworten
christian ned08.08.2012 | 14:30 Uhr

Wer von "Sippenhaft" redet soll auch von "Inzest" sprechen

Dieser Formulierung ist ganz klar zu widersprechen:

"Weil der moralischen Vorverurteilung der Ruderin also die rechte Faktenbasis fehlte, wurde sie in Sippenhaft genommen. Wer die falschen Freunde hat, der macht sich verdächtig. Wer den Partner nicht von der Bettkante stößt, wenn er für die NPD kandidiert, gefährdet die Demokratie, vor allem wenn man beim Rudern das Skull mit letzte Kraft durchs Wasser zieht."

Nadja Drygalla wurde gegangen von einer Verantwortlichen einer Organisation in Form eines eingetragenden Vereins. Die Gründe für Vereinsrausschmisse sind vielfältig. Es reicht völlig, wenn die Mitgliederversammlung oder der Vorstand die Nadja Drygalla nicht mehr haben will. Nachvollziehbare Gründe sind Sorgen wegen der Sponsoren. Falls die weitere Zusammenarbeit mit Nadja Drygalla Sponsorenverträge platzen lassen, dann hatte der Deutsche Sportbund einen Anlass zum Handeln. Mit dem Schutz der Demokratie hat das zu allererst gar nichts zu tun. Es handelt sich auch nicht um "Sippenhaft", weil ihr Freund kein Verwandter von ihr ist. Wenn Herr Fischer mit Nadja Drygalla verwandt wäre, und man von Sippenhaft sprechen könnte, dann muss man auch von Inzest sprechen. Wenn man A sagt, dann muss man auch B sagen. Ansonsten verrät die Verwendung des Begriffes die Absicht unseren demokratischen Staat als Unrechtsstaat denunzieren zu wollen.

Das ist ganz klar nicht der Fall wegen dem Vereinsrecht. Wenn es jemanden gibt der anderer Meinung ist, dann soll er das beweisen, indem er die Prozesskosten für eine Klage durch alle Instanzen auf sich nimmt.

  • Antworten
Brandt10.08.2012 | 17:04 Uhr

nicht noch eine Klausel...

schöner Artikel der leider keine Forderung enthält und zum Ende entweder in blanker Ironie oder Fehleinschätzung endet.

Besondere Förderung für demokratische Sportler?
Moment erinnert das nicht ein klein wenig an die, sogenannte, "Demokratieklausel".
Jene Klausel die von vielen Vereinen/Institutionen, auch aus dem sportlichen Bereich, abgelehnt, sogar als Undemokratisch bezeichnet wird?
Jene Klausel die vor kurzem vor Gericht in Sachsen eine klare absage bekommen hat!

Anstatt sich über ein "demokratie Zertifikat" zu freuen sollte durch Presse der Blick auf jene Orte gelenkt werden wo Finanzierungen von Projekten gegen Rechts auslaufen oder beschnitten werden. Dort wo ganze Netzwerke gegen Rechts scheitern, Kinder und Jugendprojekte zur Aufklärung über Demokratie und Altagsrassismen die Fördergelder fehlen.

Über eine Olympia Teilnehmerin können wir uns aufregen,
steigende Akzeptanz der NPD besonders bei Jugendlichen stört niemanden.

  • Antworten
Jan09.08.2012 | 14:38 Uhr

Allein gegen rechts

Schreibe aus kleinem Dorf in Schleswig Holstein. Bin mit Recherchen zu einer Person, die angeblich nach eigenen Angaben Nazis ein Forum in seiner Kneipe im Osten gegeben haben soll nur gescheitert. Keine Daten von vor 2000 usw. usw.. Schwiegertochter des Bürgermeisters wohnt mit Enkel jetzt bei dieser Person, also Deckung ohne Ende. Gaststätte der Person ist sogar Wahllokal. Interessiert Innenministerium nicht. Ich gebe es auf ! Sollen die mit Hitler und den vergasten Kindern doch glücklich werden. Interessiert hier niemandem. Traurig, aber so ist Deutschland wohl.

  • Antworten
Henning Ewers15.02.2013 | 20:51 Uhr

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