Einen Opernsänger, einem Fernsehmoderator und einer Ruderin sei Dank. Endlich stemmt sich die ganze Nation gegen Rechtsextremismus und Rassismus. Eine Glosse
Beim Kampf gegen rechts in Deutschland liegt Manches im Argen. Zehn Jahre lang zum Beispiel blieben rassistische Mörder in Deutschland unentdeckt. Die Öffentlichkeit sprach von „Dönermorden“, die Polizei versagte mit ihren Ermittlungen kläglich, der Verfassungsschutz hatte keine Ahnung. Doch kaum war die Mordserie aufgedeckt worden, betrachteten die Schlapphüte es als ihre zivilgesellschaftliche Pflicht, möglichst viele Akten aus dem Umfeld der Terrorzelle zu vernichten. Dass die Griechen „faul“ sind, nur an unser Geld wollen und dieses Land sich abschafft, wenn es weiterhin Muslime ins Land lässt, davon sind viele überzeugt.
Die deutschen Sicherheitsbehörden wiederum halten jeden Muslimen eh für einen potenziellen Islamisten, vor allem dann, wenn er freitags in die Moschee geht. Asylbewerber hingegen werden in Deutschland seit zwei Jahrzehnten mit Almosen abgespeist, die nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts die Menschenwürde verhöhnen. Empört hat sich darüber kaum jemand. Weder Union und FDP noch SPD und Grüne haben, solange sie regierten, es für nötig befunden, an der beschämenden Praxis etwas zu ändern. Die Mehrheit der Deutschen findet es vermutlich bis heute richtig, dass die „Sozialschmarotzer“ aus Afrika oder vom Balkan finanziell knapp gehalten werden und deutlich weniger Hilfe erhalten als Hartz-IV-Empfänger.
An die NPD hingegen haben sich die Deutschen gewöhnt. Wenn sich Menschen dagegen wehren, dass Autonome Nationalisten ihren Alltag unterwandern, stehen sie häufig alleine da. Wenn die Populisten unter den Politikern dann in den Wahlkampf ziehen, kennen sie schließlich keinen Rechtsstaat mehr, sondern nur noch den kurzen Prozess, die sofortige Abschiebung für alle kriminellen Ausländer und den Rausschmiss Griechenlands aus dem Euro, „aber schnell“. Soviel zum politischen und gesellschaftlichen Alltag in Deutschland.
Doch seit ein paar Wochen überbietet sich die ganz Nation plötzlich im Kampf gegen die braune Pest. Erst wird Ende Juli in Bayreuth ein russischer Starbariton vom Grünen Hügel gejagt. Er trug vor ein paar Jahren eine Tätowierung auf der rechten Brust, in der man mit etwas Fantasie die Arme eines Hakenkreuzes erkennen konnte. Bei NS-Symbolen ist der Deutsche sensibel. Angehört wurde der Delinquent nicht, nachdem die Archivbilder im Fernsehen gesendet worden waren. Worüber hätte man mit ihm auch reden sollen. Es gab schließlich niemandem, der Jewgenij Nikitin eine fragwürdige politische Gesinnung nachsagt hatte. Dass er einmal ein Hakenkreuz auf seiner Brust getragen hat und dieses Tattoo übertätowiert wurde, bestreitet der Opernsänger. Doch selbst wenn es anders gewesen wäre, hätte man ihn als jemanden prästieren können, der aus pubertären Verirrungen gelernt hat. Wenn es um sich selbst geht, sind die Deutschen schließlich Meister im Vergeben von Jugendsünden.
Seite 2: Weitere TV-Verfehlungen: „Seit 2008 wird zurückgeritten“











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