Von der Werbeagentur in die Politik: Sebastian Turner hat Sätze mitgeprägt wie „Wir können alles. Außer hochdeutsch“. Nun versucht er als unabhängiger Kandidat ohne Parteibuch für die CDU Oberbürgermeister in Stuttgart zu werden.
Der Mann hat Großes vor, und er redet, als sei er bereits am Ziel. Nicht nur einmal will Sebastian Turner für das Amt des Stuttgarter Oberbürgermeisters kandidieren, sondern 2020 ein zweites und 2028 ein drittes Mal. Und aufhören will er am 31. Juli 2034 auch nur, weil er dann 68 geworden ist und die gesetzliche Altersgrenze für Oberbürgermeister erreicht hat.
Man könnte, wenn man ihm zuhört, glatt vergessen, dass er im Oktober erst einmal gewählt werden muss. Seine Chancen stehen nicht schlecht. Turner reitet auf der gleichen Welle, die auch den Präsidenten Joachim Gauck ins Schloss Bellevue gespült hat. Er tritt für die CDU an, aber nicht als Parteisoldat, sondern als „Bürger“ – die Parteilosigkeit ist sein Markenzeichen. Mit ihr will er die Parteiverdrossenen in der Schwabenmetropole gewinnen.
Dabei ist er auch ohne Parteibuch in der Union bestens vernetzt. Eine Zeit lang betrieb er im Auftrag des Bundespresseamts Werbung für die Bundesregierung. Er kennt Angela Merkel und Annette Schavan, sein Rat ist auch im Konrad-Adenauer-Haus gefragt. Sein Kompagnon Thomas Heilmann, mit dem er in Dresden seine erste Werbeagentur gründete und später „Scholz & Friends“ übernahm, ist heute CDU-Justizsenator in Berlin.
Hatte er den Ehrgeiz, es ihm gleichzutun? Turner lacht. „Bevor er Senator wurde, war ich schon als OB nominiert.“ Dass dies auf Betreiben Schavans oder der Kanzlerin geschah, hält er für ein Gerücht, gezielt gestreut von denjenigen, die seine Nominierung verhindern und den früheren Sozialminister Andreas Renner zum Kandidaten machen wollten.
Damals kursierten in der Tat wenig schmeichelhafte Sprüche. Renners Freunde hielten Turners Kandidatur für eine Berliner Kopfgeburt und höhnten über das „uneheliche Kind von Merkel und Schavan“. Umso entsetzter waren seine Unterstützer, als Turner ihnen eröffnete, er wolle als parteiloser Kandidat nicht nur für CDU, FDP und Freie Wähler antreten, sondern auch für die Piraten.
Ist der Mann durchgeknallt? Überschätzt er sich? Geht das überhaupt? Fritz Kuhn, der Spitzenkandidat der Grünen, machte sich über ihn lustig. Selbst Stefan Kaufmann, der Vorsitzende der Stuttgarter CDU, der Turner gegen alle Widerstände durchgeboxt hatte, zweifelte vorübergehend an seinem Verstand.
Aber Turner zog das Ding mit bemerkenswerter Kälte durch. Er bewarb sich bei den Piraten, die ihn krachend durchfallen ließen. Und er hatte richtig kalkuliert: Der Radau, den er auslöste, ging durch alle Medien und machte ihn bundesweit bekannt.
Bislang wusste man nur in Stuttgart und Umgebung, dass ein ehemaliger Werbefuzzi, der mit Slogans wie „Wir können alles. Außer Hochdeutsch“ und einer legendären Kampagne für die FAZ („Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“) viel Geld verdient hat, nicht mehr nur Sprüche für andere klopfen, sondern selbst in die Politik gehen und Oberbürgermeister werden will. Jetzt weiß man das in ganz Deutschland. Unter PR-Gesichtspunkten (und davon versteht er eine Menge) war die Kampagne ein voller Erfolg.










