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Berliner Republik

Armutsbericht der BundesregierungEin Land rechnet sich arm

Von Dagmar Schulze Heuling31. Oktober 2012
picture alliance
betterlin,hand,geld
Armut bedeutet heute nicht mehr die Gefahr, das Überleben zu sichern
Schrift:

Der Armutsbericht der Bundesregierumg operiert mit Begriffen und Festlegungen, die kaum einen Raum für individuelle Freiheiten schaffen. Die Statistik verzerrt die Realität, zwischen arm und reich liegen nur etwa 2000 Euro. So wird aus Definitionen Politik.

Seite 1 von 2

Seit Wochen sorgt der Entwurf des 4. Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung für Aufregung. Viel wird diskutiert, aber über Kernprobleme dieses Berichts redet (fast) niemand. Dabei enthält er viele Unzulänglichkeiten, deren Summe nur einen Schluss zulässt: Der Bericht ist das Papier nicht wert, auf dem er gedruckt ist. Eine Auswahl von sieben Sünden des Armuts- und Reichtumsberichts:

Bildergalerie: 20 Gründe, warum sich Reichtum lohnt

1. Der relative Armutsbegriff

Schon mit der Definition von Armut bzw. Armutsrisiko begibt sich der Bericht auf einen Holzweg. Weil der klassische absolute Armutsbegriff (Mangel an überlebenswichtigen Gütern) zwar die physische Existenz, aber nicht die als wünschenswert betrachtete „Teilhabe“ berücksichtigt, hat es sich durchgesetzt, Armut relativ zu definieren. Doch statt festzulegen, welche Ressourcen das somit ebenfalls festzulegende Mindestmaß an Teilhabe üblicherweise ermöglichen, hat man angefangen, Armut an der Einkommensposition festzumachen. Nun gilt als arm bzw. armutsgefährdet, wer weniger als einen bestimmten Teil des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Dieser Armutsbegriff, der auch von der Bundesregierung verwendet wird, misst somit nicht mehr die Deckung eines Bedarfs, sondern ein Verteilungsmuster. Insofern ist es irreführend, von einer Armutsdefinition zu sprechen.

Die Verwendung dieses Verteilungsmaßes zur Bestimmung von Armut kann bizarre Konsequenzen haben. Wenn etwa die Mehrheit einer Bevölkerung hungert, dann wäre nach dem relativen Armutsbegriff trotzdem niemand arm. Ganz anders aber würde die Armutsstatistik den Millionär unter Milliardären beschreiben. Der fiele in die Gruppe der armen Schlucker!

Seinem erklärten Anspruch, den gesellschaftspolitischen Akteuren Orientierung zu bieten, kann der Bericht also allein auf Grund dieser unzureichenden theoretischen Grundlage nicht gerecht werden.

2. Begriffsnebel

Über Definitionen kann man trefflich streiten. Man sollte aber meinen, dass ein Armuts- und Reichtumsbericht zumindest klipp und klar beschreibt, was in diesem Bericht unter Armut verstanden wird und wie viele Arme es in Deutschland gibt. Doch Pustekuchen!

Auf rund 500 Seiten findet sich weder eine Definition noch eine konkrete Zahl zum Ausmaß der Armut in Deutschland. Lediglich eine „Armutsrisikoquote“ wird ausgewiesen. Dafür werden die unterschiedlichen Armutsrisikofaktoren derart ausführlich beschrieben, dass man sich beim Lesen unwillkürlich fragt, ob es überhaupt noch Ereignisse und Entscheidungen im Leben gibt, die nicht mit einem erhöhten Armutsrisiko einhergehen.

Diese Darstellungsweise stimmt mit dem Trend, immer größere Teile der Bevölkerung zur Klientel des Wohlfahrtsstaates zu machen, überein. Insofern ist es aus politischer Perspektive nachvollziehbar, dass Armutsrisikofaktoren und -quoten dramatisiert werden. Aber Erkenntnisse lassen sich so nicht gewinnen.

3. Obszöner Reichtumsbegriff

Vielleicht habe ich auch ein falsches Verständnis davon, was mit „Orientierung für gesellschaftspolitisch Handelnde“ gemeint ist. Wenn man das als „auf Linie bringen“ übersetzt, leisten die Autoren ganze Arbeit. Dazu trägt auch ihre sehr spezielle Vorstellung von Einkommensreichtum bei. Denn anders als beim Armutsrisiko, wo der Bericht einen sehr großzügigen Maßstab anlegt (Einkommen für eine allein stehende Person unter 1.000 Euro netto im Monat, Vermögen bleibt unbeachtet), ist die Einkommensschwelle für Reichtum mit rund 3.200 Euro eher knapp kalkuliert.

Keine Frage, das ist kein schlechtes Einkommen. Aber der viel beschworene „obszöne Reichtum“ scheint mir das nicht zu sein. Als obszön empfinde ich vielmehr willkürliche Festlegungen, die schon kleinste Abweichungen vom Mittelmaß als Anomalie brandmarken.

Auf der folgenden Seite: Sünden 4.-7.: Vermögensbegriffe geraten völlig durcheinander 

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Vielen Dank für die klaren Worte.

"Als obszön empfinde ich vielmehr willkürliche Festlegungen, die schon kleinste Abweichungen vom Mittelmaß als Anomalie brandmarken." schreibt die Autorin. Wie Recht sie doch hat. Der Missbrauch statistischer Durchschnittsdaten zur Verödung des gesunden Menschenverstandes ist weit fortgeschritten.

Deren Absurdität kommt in folgender Aneldote zum Ausdruck: Eine - wissenschaftliche - Untersuchung ergab, dass bei Bränden dort die größten Brandschäden von Versicherungen zu entschädigen waren, wo die meisten Feuerwehrleute im Einsatz waren. An der Richtigkeit der Zahlen kann man nicht rütteln. An der Schlussfolgerung schon. Die war nämlich: Schickt weniger Feuerwehrleute, wenns brennt.

  • Antworten
Helfried Schmidt01.11.2012 | 13:47 Uhr

Arm und reich

"...Viel wird diskutiert, aber über Kernprobleme dieses Berichts redet (fast) niemand..."

Und welche sind die Kernprobleme?
Dass es diesen Bericht überhaupt gibt?

Welchen monatlichen Betrag hält die Autorin denn für ein Gehalt eines "Armen"?

Vielleicht rechnet sie mal zusammen, was ein HARTZ IV Empfänger erhält, wenn man alle staatlichen Zuwendungen addiert,die ihm zustehen !

Eine kleine Anfrage beim Bundestag: Bruttolohn von 1.084 Euro ergibt netto ein Hartz-IV-Einkommen - d.h. inklusive aller Sachen, die einem Hartz IV Menschen zustehen. Und dieser Betrag ist doch vom Verfassungsgericht als absolut minimaler Satz bestimmt worden. Und das ist nicht arm??

Und nebulös und diffus ist dieser Satz absolut nicht!

Recherche sieht anders aus!

  • Antworten
friedrich schreyer01.11.2012 | 14:09 Uhr

Von der "individuellen Freiheit" arm zu sein...usw.

Statisken haben absolut betrachtet sowieso keinen Sinn - weshalb es auch vollkommen überfLüssig ist hier sämtliche Kriterien neu zu definieren. Statistiken werden vor allem interessant, wenn man vergleicht: Zum Beispiel die Zahlen von 1992 mit denen von heute (bei identischen Kriterien), oder die Zahlen Deutschlands mit denen vergleichbarer(!) Länder - und dazu gehören sind Lichtenstein oder Dubai definitiv nicht.
Kurz anstatt hier die Ergebnisse bis zur Karikatur zu verzerren, wäre es vielleicht sinnvoller vergeleichende Analysen zu erstellen. Das hätte auch irgendwie etwas mit Information bzw. Journalismus zu tun.
Dieser Artikel hier jedenfalls nicht.
Übrigens verhält sich der Raum der Handlungsfreiheit (in einem wirtschaftlich hochentwickelnden Land wie es Deutschland ja ist) direkt proportionell zum Reichtum. Für Leute, die auf der Straße und von der Hand in den Mund leben, sind selbst demokratiche Grundwerte praktisch nicht mehr relevant.

  • Antworten
athe01.11.2012 | 14:25 Uhr

Armut in Deutschland

Es würde Armut in Deutschland und anderswo nicht geben, wenn man flächendeckend das Bedingungslose Grundeinkommen einführt. Davon ist in dem Artikel keine Rede.
Mit dem BGE hätte jeder genug Geld zum zivilen Leben, ohne Angst vor dem Rauswurf durch geldgeile Vermieter.
Leider wird das BGE in den gleichgeschalteten Medien konsequent ausgeblendet.
Wer Armut sehen will, der muss in Hamburg mit der U2 in Richtung Mümmelmansberg fahren.
Tatsächlich sind die Armen eine billige Mannövriermasse für Industrie und Politik, denn damit macht man Druck auf den arbeitenden Rest.
Gruss
Tyll Ruhtenberg (sehr arm)

  • Antworten
Tyll Ruhtenberg02.11.2012 | 12:16 Uhr

Die vermeintlich Armen?

Die Definition von Armut sowohl absolut als auch relativ orientiert sich sich immer an einer Norm. Ob als Grundlage nun ein Warenkorb oder das Durchschnittseinkommen dient, ist unerheblich, weil beides nicht wertfrei begründbar und somit gesellschaftlicher Konsens ist.

In der Bundesrepublik gilt das Sozialstaatsprinzip. Das damit verbundene Recht auf Chancengleichheit kann man auch als egalitären Liberalismus brandmarken.

Die ungleiche Verteilung des Privatvermögens ist keine »steile These« sondern lässt sich anhand einer steilen Kurve sehr schön veranschaulichen. Danach besitzen 10% der vermögendsten Haushalte über die Hälfte des gesamten Nettovermögens. Diesem Posten die Rentenansprüche gegenüber zu stellen, ist mehr als abstrus. Immerhin erkennen Sie an, dass Ansprüche und Vermögen nicht dasselbe sind.

Zwischen arm und reich liegen Welten. Es liegen also nicht gerade mal 2250,– zwischen arm und reich sondern dazwischen gibt es den gut verdienenden Mittelstand.

Ihr Artikel hat mich im Ganzen enttäuscht. Der letzte Absatz allerdings in dem von Freiheit, Verantwortung des Einzelnen und gehorchen die Rede ist, hat mich erschüttert.

  • Antworten
musterfrau02.11.2012 | 18:59 Uhr

Armut ist offenbar politisch gewollt

Wie lange geht das Auseinanderdriften zwischen Armen und Reichen noch gut?
Wann beginnen die Mittellosen, die eigentlich nichts weiter zu verlieren haben, als "ihre Ketten", zu meutern?
Wir leben in einem angeblichen Sozialstaat (Artikel 20 Grundgesetz), dessen Maxime lautet: "Einer für alle, alle für einen".
Aber weit gefehlt.
Inzwischen hat unsere unsolidarische Gesellschaft ein Stadium erreicht, das zum Himmel schreit.
Wann endlich beschließen die überwiegend "von Armen" gewählten Politikerinnen und Politiker ein Steuer- und Abgabensystem, das den Grundsätzen sozialer Gerechtigkeit einigermaßen entspricht?
Warum sind nur "die Armen" in der Kranken- und Rentenversicherung pflichtversichert, während "die Reichen" sich aus allem heraushalten können?
Warum fordern unsere Gewerkschaften nicht endlich Tarifanhebungen in festen EURO-Beträgen, also monatlich 200 EURO mehr für alle Beschäftigten, damit die Schere zwischen den unteren und oberen Einkommen nicht noch weiter auseinanderklafft?
Warum verhilft unser Staat den unteren Einkommensbeziehern nicht endlich zur Schaffung von Wohneigentum durch eine sozial-gerechte Wohnungsbauförderung, anstatt Vermögende beim Mietwohnungsbau auch noch finanziell zu bevorzugen (steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten)?
Alle diese Fragen sollte unsere Bundesregierung in ihrem "Armutsbericht" thematisieren und nicht nur Antworten darauf geben, sondern politische Weichenstellungen vornehmen, die den unteren Einkommensbezieherinnen und -beziehern zu Gute kommen!

  • Antworten
Yvonne Walden03.11.2012 | 14:06 Uhr

Armut politisch gewollt?

Sie sehen die Sache zu einseitig ! Arm und arm können sich gewaltuig unterscheiden ! ungewollt und selbst verschuldet ! Zufall oder Faulheit! Alles Begriffe die hier Realität sind. Ich kenne hunderte
Fälle, die so oder so gelagert sind! Dass das Sozialschmarozertum überhand genommen hat, kann man nicht verleugnen - dass trotzdem mehr Steuergerechtigkeit kommen muss, ebenfalls nicht! Trotzdem muss es gelingen diesbezüglich die richtige Balance zu finden! Nicht liecht aber bei gutem Willen von seiten der Politk in die richtige Richtung zu bringen!

  • Antworten
Viertbauer07.11.2012 | 10:34 Uhr

was ich in dieser Debatte um die vermeintliche Armut vermisse

ist eine Aufzeichnung wer denn in D die Gelder verdient und dafuer Steuern zahlt um das Sozialsystem aufrecht zu erhalten. Ist es nicht schon so dass 50% die Steuern zahlen um die anderen 50% zu unterhalten?

  • Antworten
Lill-Karin Bryant03.11.2012 | 16:45 Uhr

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