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Berliner Republik

Deutsche BurschenschaftenEhre, Freiheit, Vaterland!

Von Sarah Maria Deckert10. Juli 2012
Schrift:

Sie vertreten konservative Werte, duellieren sich mit scharfen Waffen und pflegen ihre ganz eigene Tradition: deutsche Burschenschaften. Nach einem Eklat auf dem Jahrestag des Dachverbands in Eisenach droht nun die Spaltung zwischen liberalem und radikal-konservativem Lager. Eine Reportage aus Braunschweig

Seite 1 von 3

Am Rebenring, unweit der Oker, liegt das Haus mit der Nummer 36. Schwarz-rot-goldene Fahnen wehen an einem Mast vor der großbürgerlichen Villa, auf dem Dach und aus den Fenstern. Eine vor dem Haus beidseitig aufsteigende Freitreppe lenkt den Blick auf eine Stiftungstafel, darauf ein Schriftzug aus roten Lettern: „Germania“.

 „In Braunschweig erleben wir keine Anfeindungen.“, erklärt Markus Schuchardt. Er steht im Altherrenzimmer des Germanenhauses. Was einst als repräsentatives Prunkzimmer gedacht, ist in die Jahre gekommen. Die Wände sind fahl, ein schwarzer Abzug erinnert an den kalten Rauch, der nach lauten Kneipabenden hier schneidend im Raum gestanden haben mag. 400 kleine gerahmte Porträts „Alter Herren“ prangen in Reih und Glied an der holzvertäfelten Stirnseite des Raumes; angefangen bei den Gründungsvätern des Bundes von 1861, den Ahnen, reichen sie bis heute. Schuchardt tippt auf ein Bild in der obersten Reihe: „Das bin ich.“

[gallery:Ehre, Freiheit, Vaterland! – Das Leben in der Deutschen Burschenschaft]

Seit Beginn seiner Studienzeit gehört der Maschinenbauer der Burschenschaft an, sie ist die älteste am Ort. 23 Aktive zählt sie zurzeit und etwa 150 Alte Herren, in deren Kreis Schuchardt in wenigen Tagen aufgenommen werden soll. Er ist 26 Jahre jung. „In der medialen Diskussion müssen wir derzeit viel Kraft aufwenden, um den Eindruck zu widerlegen, wir wären alle ganz schlimm. Ja, wir vertreten konservative Positionen. Jemand, der sich auf die Straße stellt und brüllt ‚Deutschland, verrecke!‘, der wird das hier nicht mögen.“ Er lächelt bemüht, auf seiner Stirn stehen Schweißperlen.

Grund für Schuchardts angestrengte, weil nicht ganz freiwillige, Hausführung ist die Schadensbegrenzung, die Studentenverbindungen wie die Germania nach dem desaströsen Eklat auf dem Burschentag in Eisenach zu betreiben versucht. Die Deutschen Burschenschaften (DB) waren massiv unter Druck geraten, als auf dem Jahrestreffen im Juni ein Abwahlantrag gegen den Chefredakteur, Norbert Weidner, gescheitert war. Ende 2011 hatte er den NS-Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer in einem Pamphlet als Landesverräter bezeichnet, dessen von Hitler angeordnete Hinrichtung als „juristisch gerechtfertigt“. Der Wirtschaftsjurist gehört der Bonner Burschenschaft Raczeks an. Deren radikal-konservative Linie ist gemeinhin bekannt, zuletzt durch das Anliegen befüttert, die deutsche Abstammung als Aufnahmekriterium innerhalb der DB festzulegen. Selbst bei der mittlerweile verbotenen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei FAP und einer Hilfsorganisation für nationalistische Strafgefangene engagierte er sich.

Mehrere Vorstandsmitglieder traten in Eisenach zurück, darunter auch Pressereferent Michael Schmidt. Sie zeigten sich entsetzt, erschüttert und traurig zugleich, weil es nicht gelungen war, die Vormachtstellung der nationalistischen Verbandsbrüder im Dachverband zu brechen. Andere Teilnehmer reisten desillusioniert ab. Der abendliche Festakt der DB, denen derzeit etwa 100 studentische Verbindungen und 10.000 Mitglieder angehören, die Wanderung auf die altehrwürdige Wartburg samt Fahnen, Fackeln und Musik wurde zur Farce.

Zur Causa Weidner Stellung nehmen, sich von den kruden Aussagen distanzieren, können die Germanen in Braunschweig derweil nicht, sie befänden sich mitten in einem schwebenden Verfahren, beschwichtigt Schuchardt. Kritik am eigenen Verbandsbruder zu üben, sei außerdem alles andere als burschenschaftlich. Dass sie die Konfrontation mit den Raczeks fürchten, ist wohl auch, wenn nicht der eigentliche Grund für ihr Schweigen. Denn obwohl sich der Verband deutlich in zwei Lager spaltet, ein Zerfall damit drohend bevorsteht, teilen liberale als auch radikal-konservative Kräfte denselben Namen, der sie zuallererst der Burschenschaft und damit allen Verbandsbrüdern verpflichtet.

Seite 2: Zwischen Kampf und Ehrerbietung

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Wie beschämend...

...wenn sich Konservatismus - und dazu gehört auch Vaterlandsliebe, Patriotismus und geistige Unabhängigkeit - so verdruckst im Interview darstellt. Wer aufrecht stehen will, dem wird mit der moralischen Rute leise, mahnend der Rücken gebrochen, bis er nur noch kriechen kann. Ich schäme mich für solche Zustände.

  • Antworten
Tobias Hoffmann10.07.2012 | 15:30 Uhr

wirklich beschämend - ... die sogenannte Presse

Der Artikel ist leider sehr schlecht recherchiert. Augenscheinlioch ging es dem Verfasser nur um die Publikation seiner schon vorgefassten negativen Meinung und nicht um die objektive Berichterstattung.
Gräfer war mit seiner Befürchtung bzgl. der Kritik an der Presse wieder einmal im Recht!

  • Antworten
Reinhard Weber10.07.2012 | 18:47 Uhr

wirklich beschämend - ... die sogenannte Presse

Wirklich schlecht recherchiert sind eher Ihre Kenntnis journalistischer Genres. Mich würde viel mehr interessieren, was die Autorin mit "reglementierten Ritualen" meint. Was wären dann "nicht reglementierte Rituale"?

  • Antworten
Gotti21.07.2012 | 16:05 Uhr

Befangenheit - Unbefangenheit

Sehr geehrte Frau Deckert,

seien wir mal ehrlich: Das die Burschenschaften in Ihrer Gesamtheit dem konservativ-rechtem Lager zuzuordnen sind, ist kein Geheimnis. Der Eklat auf dem Burschenschaftstag in Eisenach war weder überraschend noch sonst irgendwie aufregend. Dennoch ist es falsch zu behaupten, es gäbe keine Gegner dieses Kurses innerhalb der DB - sicher betonen Sie in ihrem Artikel (zumindest auf der ersten Seite), dass es durchaus auch einen liberalen Flügel gibt, aber Sie sprechen in Ihrer Darstellung den "Germanen von Braunschweig" die liberalen Ansichten wieder ab. Sie vermuten gar, Schuchardt "[weiß] insgeheim, dass rechtextreme Funktionäre längst die Oberhand im Dachverband gewonnen haben, also werden sie geduldet". Sie kommen sogar zu der Vermutung, in der Hausgemeinschaft würden die "Leibfüchse" den Unrat der Älteren "wahrscheinlich noch mit einem Lächeln auf den Lippen aufwischen".
Was haben Sie sich dabei gedacht? War Ihnen die zweideutige Ausführung über das atavistische Mensurfechten nicht schlagend genug? Oder die Keule der historischen Verantwortung, die Sie ohne Erläuterung gegen das Tragen der Nationalfarben schwingen?
Sie erwecken den Eindruck, als würden auch die Liberalen unter den Burschenschaftern per se zu den Ewiggestrigen gehören - aber das glaub' ich Ihnen nicht. "Lippenbekenntnisse", kein entschlossenes Vorgehen gegen rechtsextreme Tendenzen - ich bin mir sicher: Es gibt Burschenschafter, die eine echte liberale Einstellung haben, und denen tun Sie mit diesem Artikel unrecht.

  • Antworten
Florian Haake10.07.2012 | 18:09 Uhr

Ich bin entsetzt, mit welcher

Ich bin entsetzt, mit welcher Unkenntnis solche Berichte verfasst werden.
Das Deutschlandlied hat nach wie vor 3 Strophen! Keine der Strophen ist verboten.
1991 wurde in einem Briefwechsel zwischen Bundespräsident und Bundeskanzler die dritte Strophe zur Nationalhymne Deutschlands erklärt.
Dieser Sachverhalt ist augenscheinlich auch der Presse nicht bekannt, oder wird zur Manipulation der Massen bewußt.
Eine bessere Recherche und vor allem ein besserer Bericht wären wünschenswert.
P.S. der Chefredakteur von CIERO war ebenfalls Verbindungsstudent

  • Antworten
Jörg Pankrath10.07.2012 | 19:06 Uhr

Seilschaften!

Ich möchte dieses eigentlich auf Seilschaften reduzieren, viel mehr war es doch schon lange nicht mehr!!!! Da wird versucht, eine Elite aus Verbindungen zu erzeugen, deren geistige Eignung doch zumeist fehlt! Also lasst sie fechten, saufen und um Pöstchen betteln, für das Leben sind die doch absolut uninteressant!

Ansonsten wie bei anderen Brüdern im Geiste, aufpassen und wehret den Anfängen!

  • Antworten
Konrad B.11.07.2012 | 11:18 Uhr

Als Gelegenheitsleser Ihrer

Als Gelegenheitsleser Ihrer Zeitschrift bin ich - übrigens auch Burschenschafter - abseits aller inhaltlichen Kritik, die mir hier aufzuführen zu langwierig und selbsbeweihräuchernd erscheint, erstaunt über die Diskrepanz zwischen Ihren unterschiedlichen Aussagen in der Online- und der Printausgabe. Um mit meiner subjektiven Sichtweise der Umstände trotzdem glaubwürdige Kritik zu äußern, sei mir lediglich der Hinweis gestattet, dass mir sowohl der journalistische Auftrag als auch die Intention einer so wechselhaften Aufarbeitung von Themen verborgen bleibt.

Mit freundlichen Grüßen -
L. Knopf

  • Antworten
L. Knopf11.07.2012 | 18:33 Uhr

Interessanterweise

Interessanterweise formulieren gewisse journalistische Kreise im Schatten der "historischen Verantwortung" immer besonders eifrig Postulate nationaler Identität. Toleranz und Pluralität hat in diesem Land nur sehr kanalisierte Erscheinungsformen. Die Ablehnung alles Abweichenden ist in sich nicht schlüssig; im Sinne der Selbstverneinungslogik der aufgeklärten post 68er-Generation aber sehr wohl - im besonderen gilt dieses für im Vergleich zu diesen "konservativeren" Kulturformen. Da scheint es nur folgerichtig jede mögliche Form eines Unterschiedes als "Lippenbekenntnis" abzutun. Im Zweifel eben nicht der Zweifel. Das die deutsches Burschenschaft ein Problem mit vereinzelten rechtsextremen Herren hat ist bekannt. Wenn am linken Ufer einmal genau so gründlich gekehrt werden würde, wie sich der journalistische "Aufstand der Anständigen" mit diesen Randerscheinungen auseinandersetzt, wäre in diesem Land im Sinne echter Gleichheitsbestrebungen schon ein großer Fortschritt zu beobachten.
Nach Lektüre des theaterwissenschaftlichen Lebenslaufes der Autorin aus "sexy" Berlin haben sich meine Fragen nach der Herkunft des politisierten Grundtenors dieses tendenziösen Meisterwerkes vollends geklärt.

  • Antworten
Theodor Körner11.07.2012 | 22:44 Uhr

Nein, ihr könnt uns nicht

Nein, ihr könnt uns nicht begreifen,
denen nie ein Burschenband
als ein immergrüner Reifen
um die junge Brust sich wand.
Die ihr auf dem Pfad der Tugend
durch das harte Dasein trabt
|: und darüber eurer Jugend
holde Lust verloren habt. :|

  • Antworten
Herr B.11.07.2012 | 23:00 Uhr

Diederich Heßling

lässt grüßen. Doch im Gegensatz zum Kaiserreich ist der Einfluss der Verbindungen auf die Studenten heute eher gering. Letztlich sind es Vereine, die ein lächerlich anmutendes Verhalten zur Schau tragen. Es wundert mich, dass der Cicero diesem Thema so viel Raum widmet.

  • Antworten
Katharina K.12.07.2012 | 03:58 Uhr

Mutterland, nicht Vaterland!

Logischerweise gelangen viele Burschenschaftler über ihre Verbindungen zu den "Alten Herren" in die Reihen der Unionsparteien CDU und CSU.
Die Burschenschaften bilden also ein gewisses Reservoir für die Fortführung und Festigung konservativer Politik, konservativer Gesinnung.
Deshalb ist Vorsicht angesagt bei Nachwuchspolitikern (Politikerinnen kommen bekanntlich nicht aus diesen "Burschenschaften"), die während ihrer Sutdienzeit aktive Burschenschaftler waren.
Ob die burschenschaftlichen Ideale mit einer weltoffenen Einstellung zu vereinbaren sind, dürfte eher zweifelhaft sein.
Der Beitrag von Sarah Maria Deckert erhellt die burschenschaftliche Szene und sollte insbesondere Studenten, die die Nähe zu solchen Vereinigungen suchen, zur Lektüre empfohlen werden.

  • Antworten
Yvonne Walden13.07.2012 | 17:48 Uhr

Vertane Chance

Wirklich schade: CICERO hat die Chance verpasst, sich aus der einfältigen pseudojournalistischen Medienmasse durch eine differenzierte Berichterstattung zum Thema Verbindungen insbes. Burschenschaften hevorzutun. Offenbar hat die Autorin für ihre vorgefertigte Meinung (NB: woher mag sie diese nur haben?) bei der Braunschweiger Burschenschaft Germania doch keine klaren Belege vorgefunden, und weil nicht sein kann, was nicht sein darf - dass eine Burschenschaft nicht rechtsextrem ist - verfällt sie leider auf Vermutungen und Unterstellungen ("das ist wohl der Grund, weshalb...", es ist "sichtlich" oder "es scheint" so und so zu sein). Überhaupt "scheint" in dem Bericht sehr viel, nur: Er leuchtet leider nicht.
So kommt in der Reportage auch ein recht profundes Un-Wissen der deutschen bzw. burschenschaftlichen Geschichte zum Vorschein; das anders-Sein des Verbindungslebens - ein Lebensbund: Wie rückständig und unmodern! - wird a priori als Kritik- oder Verurteilungswürdig postuliert und als Kronzeuge Tucholky aus der Versenkung geholt - ausgerechtnet einer der größten Polarisierer seiner Zeit (allerdings - nota bene - ein besserer Journalist als unsere Autorin). "Fremdartige" Rituale wie das Farben- oder Couleur-tragen oder Mensur-Fechten: Das erscheint uns aber sehr bedenklich! Hallo? kommt hier etwa der Geist der "Fremdenfeindlichkeit" in anderem Gewand?
Kurzum: Es gab schon schlechtere Beiträge zu dem Thema; doch guter Journalismus und gute Recherche sieht anders aus. Diese Chance hat Frau Deckert hier leider vertan.

  • Antworten
Christopher M.13.07.2012 | 18:33 Uhr

Qualität des Artikels

Die Qualität des Artikels ist so überzeugend, dass selbst indymedia ihn nun aufgegriffen hat - ohne etwas verändern zu müssen! Glückwunsch ...

Da kann Cicero online - nicht das höherwertige gedruckte Magazin - nun wirklich stolz auf sich sein!

Oder doch nicht?

Da alles andere bereits gesagt wurde, möchte ich aber etwas nochmals aus diesem Werk zitieren:

"Es seien die Medien, die die Deutschen Burschenschaften unaufhörlich in die rechte Ecke drängen würden, rechtfertigt sich Gräfer."

Offensichtlich ist an dieser Feststellung nicht so viel Falsches, wie Sie vielleicht gerne hätten. Ihr gezwungener investigativer Journalismus lässt abermals tief blicken in die deutsche Medienlandschaft.

Allen aufgeschlossenen Interessenten kann ich nur empfehlen, sich einfach mal den gedruckten Cicero zu diesem Artikel zur Hand zu nehmen.

  • Antworten
Heinz T.26.07.2012 | 19:13 Uhr

Kampagnenjournalismus

Die Autorin arbeitet mit Verdächtigungen, wo ihr die Aussagen nicht skandalisierbar sind und vermischt ihren Bericht wiederholt mit ihrer persönlichen Meinung. So geht kein seriöser Journalismus.
Ebenso fehlen zentralie Informationen, um die Burschenschaft einordnen zu können.
Wer sich mit der Geschichte der Burschenschaft beschäftigt, der merkt schnell, dass es mit den Extremismusvorwürfen nicht weit her. Vor rund 200 Jahren standen Burschenschafter - die basisdemokratisch aufgebaut sind - an der Wiege der deutschen Demokratiebewegung als sie im Vormärz von 1848 wegen ihrer demokratischen und nationalen Ideale verfolgt wurden. Viele bezahlten ihr Engagement mit dem Gefängnis. 1848 standen sie dann in Berlin, Wien und anderen Städten auf den Barrikaden, bevor viele von ihnen im ersten deutschen Parlament ihren Platz einnahmen. Ein prominentes Beispiel dafür ist dessen Präsident, Heinrich von Gagern. Die erste deutsche Verfassung wurde dann unter der wesentlichen Mitwirkungen von Burschenschaftern geschaffen. Die darin festgelegten Bürger- und Freiheitsrechte sind bis heute vorbildlich. Nicht umsonst geht die heutige deutsche Fahne auf die Burschenschaft zurück und auch unsere Nationalhymne wurde von einem Burschenschafter geschrieben.

  • Antworten
Buerger30.03.2013 | 18:30 Uhr

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