Dagmar Schmidt - Die Frau mit dem ersten Down-Baby im Bundestag

Dagmar Schmidt wurde im Mai Mutter. Ihr Sohn Carl kam mit einem Gendefekt zur Welt: dem Down-Syndrom. Die SPD-Politikerin, die nun im Parteivorstand ist, hat sich trotzdem ins Parlament wählen lassen. Sie will beide Aufgaben vereinen. Ein Porträt (aktualisiert)

Dagmar Schmidt mit ihrem Sohn Carl
Andrea Diefenbach

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Petra Sorge ist Verantwortliche Redakteurin Online bei Cicero. Ihre Themen sind Politik und Digitales, außerdem schreibt sie die Medienkolumne. Sie studierte Politikwissenschaft und Journalistik in Leipzig und Toulouse.

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Während die neuen Abgeordneten noch den Bundestag erkunden, während sie die ersten Tage in Berlin genießen, während sie diesen wichtigen Punkt ihrer Laufbahn so richtig auskosten, macht sich die Sozialdemokratin Dagmar Schmidt Sorgen.

Die Große Koalition hat ihre Arbeit aufgenommen. Doch viele der neuen Abgeordneten wohnen noch im Hotel, einige teilen sich das Büro übergangsweise noch mit einem Fraktionskollegen. Es sind Tage des Aufbruchs. Der Wahlkampf ist überstanden, die Anspannung der Koalitionsverhandlung löst sich, die Gewählten haben es geschafft: vier Jahre im Zentrum der deutschen Politik. Mindestens. Die Neulinge dürfen sich bei der Verwaltung den Bundestagsausweis abholen, der ihre neue Wichtigkeit beurkundet. Sie werden Bewerbungsmappen möglicher Mitarbeiter durchsehen, sich überlegen, in welchem Ausschuss sie wohl glänzen werden, und vielleicht der Heimatzeitung im Wahlkreis ein gut gelauntes Interview geben.

Dagmar Schmidt denkt noch an ihren Sohn. Sie telefoniert mit Ärzten, mit dem Vater des Kindes, mit ihrer Mutter. Ihr Sohn Carl Schmidt ist sieben Monate alt. Er hat einen schweren Herzfehler. Die linke Herzkammer ist zu klein, zur rechten hin klafft ein Loch. Zwischen den Vorhöfen und den Kammern hat er nur eine Herzklappe statt zwei. Sein Krankheitsbild ist typisch für die Trisomie 21, auch Down-Syndrom genannt. Das Chromosom 21 liegt dreimal vor. In Deutschland leben 50 000 Menschen mit diesem Gendefekt.

Natürlich zerreißen sich viele Eltern zwischen Orten und Aufgaben, auch andere Mütter und Väter von Trisomie-Kindern arbeiten hart und nicht unbedingt am Wohnort. Aber Dagmar Schmidt, 40 Jahre alt, Historikerin aus dem hessischen Lahn-Dill-Kreis, hat sich bewusst entschieden, sie hat diesen Weg für sich und ihren Sohn gewählt. Sie will ein Down-Kind großziehen – und die Politik des Landes mitgestalten. Dabei wird sie, so viel lässt sich schon vorhersagen, sich selbst, Familie, Freunde und vielleicht auch die Kollegen im Parlament an Grenzen bringen. Sie wird immer wieder einer Frage begegnen: Muss das sein?

Dienstagnachmittag, 4. Juni 2013. Dagmar Schmidt lässt die Eingangstür ihrer Dreiraumwohnung in Wetzlar-Dutenhofen offen stehen. Sie lehnt in der Küche, Jeans, Kapuzenshirt, die rotblonden Haare zum Pferdeschwanz gebunden. In der Rechten hält sie das Baby, in der Linken das Fläschchen. Schmidt setzt an, oben tropft die weiße Flüssigkeit heraus, der Kleine schluckt die Milch.

„Carl hat Schwierigkeiten beim Saugen“, sagt sie. „Ihn verlassen schnell die Kräfte.“ Weil Down-Babys manchmal unter einer Muskelschwäche leiden, gilt es, ein Trainingsprogramm einzuhalten: Zehn Minuten lang hat sie Carl die Brust gegeben, dann ein Fläschchen mit hartem Sauggummi. Jetzt bekommt er noch den weichen Sauger. Schmidt sagt, sie habe sich in kürzester Zeit so viel wie möglich über das Down-Syndrom angelesen. „Von all diesen Dingen hatte ich ja keine Ahnung.“

In der Regel bedeutet die Diagnose „Trisomie 21“ bei Neugeborenen, dass sie sich geistig verzögert entwickeln. Das heißt nicht, dass sie später kein gesundes, glückliches Leben führen können. In Berlin gibt es mehrere Schauspielergruppen. In Spanien schaffte ein Mann mit Down-Syndrom seinen Hochschulabschluss. Heute ist er Lehrer. Seine Geschichte wurde unter dem Titel „Yo, también“ verfilmt. Im Juli ging eine Spanierin mit Trisomie 21 in die Politik: Die 30 Jahre alte Verwaltungsangestellte wurde Stadträtin in Valladolid. Um so etwas zu schaffen, müssen die Betroffenen am besten viel frühe Zuwendung erfahren. Sie brauchen Pflege, Sonderförderung – vor allem also: Zeit.

Dagmar Schmidt aber dringt gerade in ein System ein, das fast keine Zeit lässt. Der Abgeordnetenberuf ist eng getaktet: in Sitzungswochen, Tagesordnungen, aktuelle Stunden, Redeminuten. Die Partei verlangt Präsenz an der Basis, die Fraktion erwartet Anwesenheit im Plenarsaal, die Bürger möchten Aufmerksamkeit für ihre Probleme. Berlin – Wahlkreis, Wahlkreis – Berlin. Immer wieder kommt es vor, dass der Bundestag in Berlin bis in die Nacht hinein tagt. Allein im Juni dauerten zwei Debatten bis kurz vor ein Uhr.
 

Eine unverheiratete Frau mit neugeborenem Down-Kind hat es im Deutschen Bundestag noch nicht gegeben. Dagmar Schmidt bringt eine neue Seite des Lebens in die Politik.

Sie ist seit der Kindheit ihren Weg gegangen. Sie kommt aus einer politischen Familie, die Eltern sind in der SPD, die Schwester engagiert sich bei den Piraten. Ihre Mutter erinnert sich noch, wie ihre Tochter Dagmar in Geografie ihre einzige Fünf erhielt. „Ausgerechnet in Mitarbeit“, sagt Annegret Schmidt, „das war schon ungewöhnlich.“ Ihr Mädchen war eine gute Schülerin, nahm Unterricht in Klavier und drei weiteren Instrumenten. Die Lehrerin behauptete zwar später, sie wolle doch lieber eine Vier geben. Dagmar beharrte jedoch auf der Fünf: „Da sieht nämlich nicht die Schülerin, sondern die Lehrerin doof aus.“

Mit 16 trat sie der SPD bei. Sie studierte Geschichte in Gießen, da kam ein großer Auftrag: Als Juso durfte sie nach Südafrika reisen und die Kommunalwahlen 1995 beobachten. In einem Stadion sah sie den ersten schwarzen Präsidenten, Nelson Mandela.

Sie hatte gerade eine Doktorarbeit über die SPD angefangen, als das Angebot kam, in Andrea Ypsilantis Abgeordnetenbüro zu arbeiten. Ypsilanti stieg auf, Schmidt wechselte erst in die hessische Parteigeschäftsstelle, dann in die Landtagsfraktion. Sie erlebte, wie ihre Chefin 2008 im Wahlkampf die SPD berauschte, wie sie Stimmen gewann und wie ihre rot-rot-grünen Pläne schließlich scheiterten. Ypsilanti gegen Koch, Links gegen Rechts, Zusammenhalt gegen Intrige – wer den Kampf um Hessen 2008 miterlebt hat, kennt den maximalen Härtegrad des politischen Geschäfts.

Auf Ypsilanti folgte Thorsten Schäfer-Gümbel, er wurde Chef der hessischen SPD und auch der Referentin Dagmar Schmidt. Sie kümmerte sich um die Themen Wirtschaft und Verkehr und arbeitete an sozialpolitischen Konzepten mit. Es lief gut.

Sonntag, 4. August 2013. Eine Mehrzweckhalle, draußen SPD-Fahnen. Der Ortsverein Krumbach feiert sein 90. Jubiläum. Dagmar Schmidt lenkt ihren Opel Astra auf den Parkplatz, Carl schlummert in der Babyschale auf dem Rücksitz, die Oma sitzt neben dem Enkel. Auf dem Parkplatz steht ein olivgrünes Cabriolet, ein Oldtimer Marke „Triumpf Herald“. „Ach, der Herr Körner ist auch da“, bemerkt Schmidt. Der Chef des Unterbezirks Gießen – sie kennt ihre Leute, sie geht auf jeden ein, so hat sie es geschafft. Sie steigt aus und packt Carl in den Kinderwagen, da kommt eine Partei­freundin. „Hallo Dagi.“ Sie mustert Carl: „Ach, wie süß, der Bub.“

Im Saal warten die Honoratioren der Partei. Die Luft ist stickig. Um Dagmar Schmidt versammelt sich ein Grüppchen. Sie sticht hervor, als einzige Frau unter den Funktionären. Ihre Mutter übernimmt Carl und dreht mit dem Kinderwagen ein paar Runden um die Halle. Die Kandidatin setzt sich ins Publikum, der Ortsbezirksvorsitzende tritt ans Pult.

Man kann sich fragen, ob es für eine Mutter und ihren Säugling nicht schönere Orte an einem Sonntag gibt als die Mehrzweckhalle von Krumbach. Muss das sein? Aber Schmidt sagt, es sei wichtig, den Ehrenamtlichen beizustehen. „Sie machen schließlich den Wahlkampf an der Basis – und das in ihrer Freizeit.“

Sie hat ihre Netzwerke im Kreisverband gepflegt. Sie hat auch neue Anhänger gewonnen, zum Beispiel Milchbauern: Sonst sind die in ihrer Gegend eher CDU-Klientel, aber Schmidt hat sich Zeit genommen und sich von ihnen die Mechanismen in der Landwirtschaft erklären lassen. 2009 kandidierte sie das erste Mal für den Bundestag und verlor. Da waren die Bauern die ersten, die anriefen und sie trösteten.

Seit 2009 hat sie sich mehr und mehr Ansehen der Parteioberen erarbeitet. Hessens Generalsekretär Michael Roth hält sie für „eine kluge Strategin“. Schäfer-Gümbel nennt sie eine seiner engsten Vertrauten. Dagmar Schmidt wisse, „dass ich da bin, wenn sie Unterstützung braucht“.

Als am 9. September 2012 die hessische SPD auf einem Parteitag in Hanau über die Landesliste abstimmte, wurde Schmidt auf Platz sechs gesetzt. 87 Prozent der Delegierten bestätigten den Listenplatz. Es war das Ticket nach Berlin, eine Garantie, sogar wenn sie den Wahlkreis nicht gewinnt. Die Riesenchance für Dagmar Schmidt. Da war sie im zweiten Monat schwanger. Den Genossen sagte sie erst mal nichts. Zu diesem Zeitpunkt wussten ja nicht mal ihre Freunde davon.

Schon für Parlamentarierinnen mit gesunden Kindern gilt: Politik und Familie lassen sich nur mühsam miteinander vereinbaren. Das ist auch das Ergebnis einer wissenschaftlichen Befragung durch die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung. Junge Mütter – im Alter von 40 und darunter – bilden laut der Studie im Bundestag die Minderheit in der Minderheit.

Judith Skudelny kann den Befund bestätigen. Die FDP-Abgeordnete aus dem schwäbischen Nürtingen machte 2009 Schlagzeilen, weil sie als erste Frau mit einem Baby im Arm im Plenarsaal auftauchte. Besonders anstrengend sei es, wenn zwei Sitzungswochen aufeinanderfolgten, sagt Skudelny. „Diese Terminpläne werden von Leuten erstellt, die selbst keine Familie haben.“

Wichtig ist der Rückhalt in der eigenen Partei. Dass sie mit diesem rechnen könne, bezweifelte vor zwei Jahren sogar SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles. Sie fürchtete, dass ihr jemand kurz nach der Geburt ihrer Tochter den Job wegnehmen könnte. Nahles sagte das öffentlich, Parteifreunde empörten sich.

Dagmar Schmidt aber ist sich sicher: „Da ändert sich gerade etwas.“ Muss das sein? – im Grunde dreht sie diese Frage um: Muss die Politik so sein, dass es nicht geht mit einem behinderten Kind?

Im November 2012 teilte sie den Parteifreunden mit, dass sie schwanger ist. Familienplanung dürfe keine Rücksicht auf Parteien oder den Wahlkampf nehmen, sagte Hessens Generalsekretär Roth. Schmidts Plan: mit Wickeltuch wahlkämpfen. In ihrer Wohnung hat sie viele Fotos aus Afrika. Auf einem – ein belebter Marktplatz unter Palmen – trägt eine Frau, barfuß, ein Baby auf dem Rücken.

In Krumbach ist der Ortsbezirksvorsitzende fertig. Dagmar Schmidt, Pumps und Faltenhose, geht nach vorn. Das Redepult reicht ihr fast bis an die Schultern. „Ganz schön hoch.“ Sie dreht das Mikro nach unten. Dann legt sie los: gegen die Altersarmut, für den Mindestlohn. „Erziehung und Pflege sind Schwerstarbeit und werden bescheiden bezahlt.“ Zu Ehren der SPD tritt noch der Gesangverein Frohsinn-Harmonie auf. Es gibt Fleischkäse mit Kartoffelsalat. Doch da ist Schmidt schon auf dem Weg raus.

Im November 2012, etwa ab der 13. Schwangerschaftswoche, hätte Dagmar Schmidt eine Fruchtwasseruntersuchung machen können, um Krankheiten am Embryo zu entdecken. Drei Monate zuvor war außerdem eine sanftere Vorsorgemethode auf den Markt gekommen: ein vorgeburtlicher Bluttest auf das Down-Syndrom. Ein Eingriff in den Mutterleib ist dafür nicht nötig. Schmidt entschied sich gegen beide Varianten. Eine Abtreibung wäre für sie ohnehin nicht infrage gekommen, sagt sie. „Hätte die Welt wirklich auf ihn verzichten wollen?“

Sie kostete die Schwangerschaft aus. Sie suchte sich ein Geburtshaus und eine Hebamme, die länger in Afrika gearbeitet hatte. Aber es gab Komplikationen. Am 10. Mai 2013 brachte sie ihren Jungen in der Klinik zur Welt.

Er war anders, das spürte sie gleich. Die Nackenfalte fiel ihr auf, die lieblichen mandelförmigen Augen, die außen spitz zulaufen. „Aber so süß. Und er hatte rote Haare, wie ich.“ Am Tag der Geburt hatte die Mutter ihn noch für sich. Am zweiten Tag übernahmen die Ärzte. Sie entdeckten den Herzfehler.

Schmidt wollte eigentlich zwei Monate nach der Geburt in den Wahlkampf starten. Für das letzte Juliwochenende war der Terminplan schon voll: Freitag – Rundgang bei den „Golden Oldies“, einem Sixties-Festival; Samstagmorgen – Haus-zu-Haus-Wahlkampf; abends – Weinfest; Sonntag: zwei SPD-Kinderfeste. Doch Carls Zustand verschlechterte sich. Schmidt sagte alles ab. Um 8 Uhr morgens lag ihr Sohn auf dem OP-Tisch. Die erste Herzoperation. Seitdem heißt es warten. Die linke Herzkammer muss wachsen, erst dann können die Ärzte den zweiten Eingriff vornehmen. Das kann Wochen dauern, vielleicht Monate. Vergrößert sich die linke Kammer nicht wie geplant, müsste Carl mit einer Herzkammer auskommen. Mindestens zwei OPs wären nötig – und er wäre sein Leben lang eingeschränkt.

Viele Eltern wollen kein behindertes Kind. Vergangenes Jahr haben 6000 Schwangere den neuen Bluttest auf Trisomie 21 in Anspruch genommen. Die Bundesvereinigung Lebenshilfe und der Arbeitskreis Down-Syndrom kritisieren, dass mit der Untersuchung eine „neue Qualität“ der Risikovorsorge erreicht sei. „Es scheint eine erschreckende Aussicht, ein Kind mit Down-Syndrom zu erwarten“, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme. Mehr als 90 Prozent der Mütter lassen ihr Kind abtreiben, wenn sie diese Diagnose bekommen.

Würde Schmidt das diesen Frauen vorwerfen? „Behinderte gehören in die Mitte unserer Gesellschaft“, sagt sie. Sie wünscht sich aber eine bessere Aufklärung über die Fördermöglichkeiten für Trisomie-21-Kinder. Trotzdem wolle sie keiner Frau etwas vorschreiben. „Ich bin eine Verfechterin des Rechts auf Abtreibung.“

In ihrer Küche ist sie mit dem Stillen fertig, sie tippt in ihr Smartphone: 70 Milliliter Milch. 300 bis 400 soll Carl täglich trinken, sonst muss er wieder in die Klinik. Sie ist zufrieden: „Für heute wird er seine Ration erreichen.“ Wie sie die „Pump-Fütter-Infrastruktur“ – so nennt sie das – aufrechterhalte, werde sie sehen müssen. Sie sagt häufig solche Sätze, wenn es um die Zukunft geht.

Dagmar Schmidt will dem Sohn einen Lebensmittelpunkt geben: den Wahlkreis. Bis Februar hat der Vater erst einmal Elternzeit genommen. „Aber ich werde Carl trotzdem mal mit ins Abgeordnetenbüro nehmen.“

Da müssen die Leute im Parlament dann durch.

 

 

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