Ihre Feinde heißen Oskar Lafontaine, Harald Wolfund Gregor Gysi. Alle drei sind Lucy Redler viel zu neoliberal. An einer 26-jährigen Volkswirtindroht der große Aufbruch der neuen „Linken“ zu scheitern. Vorerst wurde sie kaltgestellt.
Leo Trotzki wusste es schon 1938. „Das Haupthindernis für die Umwandlung der vorrevolutionären Lage in eine revolutionäre“, schrieb er vor 68 Jahren, „ist der opportunistische Charakter der proletarischen Führung.“ Lucy Redler weiß das auch, denn sie hat den Kampfgefährten Lenins genau studiert. Stolz nennt sich die 26jährige Volkswirtin eine Trotzkistin.
Nun ist es nicht so, dass die Ideen von Trotzki die Massen wieder ergriffen hätten. Aber in Berlin wird, Lucy sei Dank, selbst im Zeitalter von Pisa, Gesundheitsnotstand und Vergreisung seit ein paar Wochen wieder über den russischen Revolutionär geredet. Schließlich haben sich Dutzende verbliebene Trotzkisten vorgenommen, dem Spätwerk von Oskar Lafontaine und Gregor Gysi, der Vereinigung von PDS und WASG zu einer gesamtdeutschen Linkspartei, ihre ganz besondere Note zu geben. Und Lucy Redler haben sie sich dafür als Galionsfigur erkoren.
Eine spannende Geschichte ist das, an der sich derzeit die Hauptstadt ergötzt. Schöne Frau gegen die alten Männer, junge Idealistin gegen illusionslose Politprofis, Davida gegen Goliath. Und wie. Lucy Redler redet den Lautsprecher Lafontaine an die Wand, bringt den Dampfplauderer Gysi zum Schweigen. Vor allem kann sie vor der Kamera stotterfrei reden und bringt damit alles mit, was eine richtige Revolutionärin im Medienzeitalter bieten muss.
Dabei glaubt nicht einmal Lucy Redler, Arbeiter würden demnächst die Deutsche Bank stürmen und unter Volkskontrolle stellen. Bolivianische Verhältnisse sind noch weit. Leider, wird sie sich vielleicht sagen und dabei an Leo Trotzki denken. Der hatte zunächst 1917 geholfen, die russische Industrie zu verstaatlichen, sich später aber ins mexikanische Exil geflüchtet. Dort wurde er von einem Agenten Stalins erschlagen, mit einem Eispickel.
Nein, die Waffen in Berlin sind harmloser. Sie heißen Presseerklärung, Urabstimmung und Amtsenthebung. Erbittert gekämpft wird trotzdem. Denn nach tiefster Überzeugung von Lucy Redler gibt es sie wieder, die demonstrierenden Massen und vor allem die „verbürgerlichten Funktionäre, die den Kapitalisten zu viele Zugeständnisse machen“. Und sie wird nicht müde, die Opportunisten beim Namen zu nennen. Sie heißen Lafontaine und Gysi und vor allem Harald Wolf. Der war erstens auch mal Trotzkist, und er ist zweitens inzwischen Wirtschaftssenator. Erfolgreich ist der PDS-Politiker auch, von Unternehmern wird er ob seines Einsatzes für den Standort Berlin mittlerweile geschätzt. Genau deshalb jedoch gehört dieser in den Augen von Lucy Redler zu jenen Funktionären, vor denen Leo Trotzki schon vor 68 Jahren gewarnt hat, weil sie „sonntags Sozialismus predigen und von Montag bis Freitag Sozialabbau organisieren“.
Im Herbst soll es in der Hauptstadt zum Showdown kommen, Harald Wolf ist Spitzenkandidat der PDS im Abgeordnetenhauswahlkampf. Lucy Redler führt die Liste der WASG an. Alle Gespräche über die Fusion sind in dem Landesverband gescheitert. Nun ist Lucy Redler eigentlich eine Anhängerin eines breiten linken Bündnisses, nur eben nicht in Berlin. Denn dort saniert die PDS zusammen mit der SPD im rot-roten Senat mit vermeintlich neoliberalen Rezepten den überschuldeten Landeshaushalt. Polizisten und Krankenschwestern müssen auf einen Teil ihres Lohnes verzichten, Langzeitarbeitslose werden zu Ein-Euro-Jobs verpflichtet. Was den Betroffenen nicht gefällt und Lucy Redler deshalb auch nicht. Also hat sie eine ganz besondere Dialektik ersonnen. PDS und WASG sollen zwar bundesweit zu einer schlagkräftigen Linkspartei fusionieren, aber in Berlin miteinander konkurrieren. Für Lucy Redler ist das kein Irrsinn, sondern „politischer Pluralismus in einer linken Sammlungsbewegung“. Diese Haltung bezahlte sie Mitte Mai mit ihrer Absetzung als Landesvorstandsmitglied. Doch ihr Kampf geht weiter…
Nur der Wähler wendet sich mit Grausen ab. Das Projekt gesamtdeutsche Linkspartei, mit dem Lafontaine und Gysi bei der Bundestagswahl 2009 die SPD herausfordern wollen, droht zu scheitern. Lucy Redler ist das egal. Sie setzt lieber andere Akzente. „Der neoliberale Mainstream bricht auf, Sozialismus und Antikapitalismus werden wieder salonfähig“, jubelt sie und lässt sich ihren historischen Optimismus nicht durch Niederlagen trüben. Dabei war der letzte Generalstreik, zu dem sie aufgerufen hatte, mangels Beteiligung ausgefallen. Aber daran sind, das wusste schon Leo Trotzki, andere schuld.
Christoph Seils ist freier Journalist. Er lebt in Berlin









