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 > Die Parteien und der Nebenverdienst-Populismus

Berliner Republik

Causa SteinbrückDie Parteien und der Nebenverdienst-Populismus

Von Christoph Seils8. Oktober 2012
picture alliance
Steinbrück, Lobby, Nebeneinkünfte
Steinbrück sei Dank: Plötzlich fordern alle Parteien mehr Transparenz
Schrift:
Seite 2 von 2

Dabei kann niemand den Bundestagsabgeordneten vorwerfen, dass sie einen Beruf haben, dass sie neben ihrem Mandat anderen Tätigkeiten nachgehen und niemand kann es ihnen verwehren. Zwar muss laut Abgeordnetengesetz das Mandat „im Mittelpunkt der Tätigkeit eines Bundestagsabgeordneten“ stehen, dafür bekommt er seine Diäten, aber „Tätigkeiten beruflicher oder anderer Art“ sind neben dem Mandat zulässig. Abgeordnete sind eben keine staatlichen Amtsträger, denen eine Nebentätigkeit verboten ist, sondern sie sind Vertreter des ganzen Volkes. Dies hat auch das Bundesverfassungsgericht in einem Urteil bestätigt. Aber die Karlsruher Richter haben auch festgestellt, das Volk habe Anspruch darauf zu wissen, „von wem – und in welcher Größenordnung – seine Vertreterinnen und Vertreter Geld oder geldwerte Leistungen entgegennehmen.“

Natürlich dürfen die Wähler wissen wollen, wie die Bundestagsabgeordneten ihr Geld verdienen, praktikablere Veröffentlichungsregeln als die geltenden sind dringend notwendig. Doch niemand kann von Politikern absolute Transparenz verlangen, etwa die Veröffentlichung von Verträgen, Steuererklärungen oder privaten Terminkalendern. Schließlich ließe dies tiefe Einblicke in die individuelle Lebensführung zu, selbst Ehepartner wären davon betroffen. Politiker haben zudem nicht nur das Recht auf ein Privatleben, sondern auch auf freie Berufsausübung. Und neben den berechtigten Interessen der Wähler gibt es deshalb auch für Abgeordnete schützenswerte Grundrechte, etwa das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Hinzu kommt, Rechtsanwälte, die neben dem Mandat weiter ihre Kanzlei führen, wird niemand zwingen können, ihre Mandanten preiszugeben. Für Selbstständige oder Freiberufler könnte es den Konkurs bedeuten, wenn sie ihre Auftragsbücher oder Verträge offenlegen müssten.

Die Forderung nach einem gläsernen Abgeordneten ist totalitär und undemokratisch. Sie schlösse zudem bestimmte Berufsgruppen von der aktiven politischen Betätigung und der Übernahme von Mandaten aus. Der Bundestag würde endgültig zu einem Parlament der Beamten, Lehrer und Berufspolitiker.

Im Übrigen wird der Lobbyismus auch nicht dort zur Gefahr, wo Ex-Minister Vorträge halten, meist vor einem großen Publikum und anschließend häufig für jedermann nachlesbar. Interessanter wäre es da schon, wenn man wüsste, in welchen klandestinen Zirkeln sich aktive Politiker und Interessenvertreter in der Hauptstadt begegnen, wo finanzstarke Interessengruppen direkt in Ministerien hineinwirken oder gar an Gesetzestexten mitschreiben. Der Bundestag könnte zum Beispiel ein Lobbyregister einführen und Lobbyisten dazu verpflichtet werden, ihre Einnahmen, ihre Kunden und die Themen, zu denen sie arbeiten, offenzulegen.

Doch genauso wenig wie die Nebentätigkeit von Bundestagsabgeordneten lässt sich der Lobbyismus verbieten. An ihm ist im Übrigen auch gar nichts ehrenrühriges. Interessenverbände und die organisierte Einflussnahme auf politische Entscheidungen gehören vielmehr zur politischen Willensbildung, sie sind in einem demokratischen Gemeinwesen eine Selbstverständlichkeit. Dass daraus ein Spannungsverhältnis entsteht, muss die Demokratie aushalten. Wer stattdessen die Debatte über die Nebeneinkünfte des Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück so hysterisch, populistisch und verlogen führt, wie Union und FDP in den letzten Tagen, muss sich nicht wundern, wenn die Politik- und Politikerverdrossenheit weiter zunimmt.

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Undemokratisch?

Der Autor vergleicht totalitäre Regime wie Nord Korea mit dem berechtigten Interesse des Bürgers zu wissen, wem der von ihm bezahlte und gewählte Abgeordnete denn jetzt eigentlich verpflichtet ist. Das allein ist schon zynisch und ein Schlag ins Gesicht jedes Demokraten. Dieser Vergleich zeugt von der Unbedarftheit des Autors und seines offensichtlichen Unvermögens, grundlegende Begriffe des politischen Lebens zu verstehen und entsprechend ihrer Bedeutung zu verwenden. Jedenfalls nehme ich das an, denn die Alternative wäre schlimmer.

Ein Abgeordneter ist, entgegen dem Selbstständigen, eine Person des öffentlichen Lebens. Wissen zu wollen wem der Abgeordnete verpflichtet ist, ist demnach alles andere als totalitär, im Gegenteil: es zeugt vom Interesse der Bürger an der Demokratie, der "Herrschaft der Vielen". Das Volk ist schließlich nicht der Abgeordnete; der Abgeordnete wurde, wie der Name sagt, abgeordnet das Volk zu vertreten. Kommt er diesem Auftrag nicht nach oder hat man berechtigte Zweifel daran, so müssen Konsequenzen gezogen werden. Leute wie Peer Steinbrück sind nicht unersetzlich, im Gegenteil.

Wenn ein Abgeordneter lieber Vorträge halten möchte, dann kann er dies gerne tun: in Deutschland gibt es die freie Berufswahl.
Insofern ist dieser Beitrag an Zynismus kaum zu überbieten; der Autor sollte sich dringendst in die von ihm favorisierte Ein-Parteien-Diktatur Chinas absetzen - da muss er keine Angst haben, dass ein Bürger auf die Idee kommt, nach "Neben"einkünften zu fragen und Transparenz bei den Einkünften der herrschenden Elite einzufordern.

  • Antworten
flow08.10.2012 | 12:20 Uhr

Peer Steinbrück und seine einnahmen

ich verspüre keinen neid, ich gönne es ihm von herzen.
jetzt ist seine zeit und die sollte er so gut es geht nutzen, notfalls auch finanziell.
solidarische grüße an genosse Peer
Dipl. Kff. Elisabeth Dorothea Lutz

  • Antworten
Dipl. Kff. Elisabeth Dorothea Lutz08.10.2012 | 14:00 Uhr

Wenn Steuerzahler verlangen dass Bundestags Abgeordnete

und andere Politiker ihre bezahlen Nebenjobs erklaeren dann ist das kein Populismus. Wenn ich irgendwo arbeite kann ich auch nicht einfach noch einen anderen Job annehmen obwohl ich mein Gehalt nicht vom Steuerzahler erhalte.Dazu kommt noch dass Politiker schnell zu Lobbyisten fuer gewisse Interessengruppen werden und damit die Gefahr entsteht dass sie die Interessen der Steuerzahler vernachlaessigen.
Steinbrueck oder wer auch immer hat die Verantwortung sein Einkommen zu erklaeren wenn er Probleme verhindern will, weigert er sich dann ist er kein Kandidat fuer ein oeffentliches Amt und schon garnicht fuer das Kanzleramt.
Wer nicht denkt dass Nebenjobs fuer Poltiker ein Problem sind muss nur an den Bastakanzler Schroeder denken,der am Ende seiner Dienstzeit einige sehr suspekte Massnahmen durchwinkte die ihm wahrscheinlich zu seinen lukrativen Jobs bei GAZPROM etc., verhalfen...

  • Antworten
Lill-Karin Bryant08.10.2012 | 15:28 Uhr

Wes Geistes Kind Herr Steinbrück ist

Steinbrück ist ein guter Redner und im Einzelfall wohlmöglich sogar sein Geld wert. Wer aber sieht, wie Schröder seit 2005 sein Herrschaftswissen bei Gasprom zu Geld macht, kann ahnen, dass Steinbrück ähnlich gestrickt ist. Das hat nicht gar zu viel mit Hysterie und Verlogenheit zu tun. Mehr hat es mit erfahrungsgesät-tigtem Politiker- und Parteienverdruss zu tun. Bemerkenwert ist, dass Schwarz und Gelb "Transparenz" fordern. Das ist ein Zeichen der Schwäche. Denn Transparenz ist kein Regierungs- sondern ein Oppositionsprogramm. Du kannst nicht Diener vieler Herren sein. Entweder dienst Du dem Staatsvolk und dem Gemeinwohl, oder der Finanz-oligarchie. Steinbrück hat sich entschieden, der Finanzoligarchie zu dienen, und deshalb wird er weder bei Mitgliedern der SPD noch bei ihren Unterstützern genügenden Anklang finden. Wie Adenauer vorgewor- fen wurde, Kanzler der Amerikaner zu sein, so wird Steinbrück als Kanzlerkandidat der Besitzenden wahrgenommen. So kriegt er an der Basis keine Schnitte. Sollen CDU und FDP verschweigen, wes Geistes Kind er ist? Letztendlich handeln sie nicht anders. Langjährig haben sie eine Antikorruptionsgesetzgebung verhindert. Wenn sich nur alle lange genug wechselseitig darauf hinweisen, wie schlecht sie sind, dann ist das doch wahrheitstechnisch erste Sahne. Mehr Aufklärung geht doch gar nicht. Das als verlogen zu bezeichnen, wirkt wie eine Aufforderung zur Lüge. Die Abgeordneten sind sich einig in ihrem Interesse, im täglichen Kampf gegen das Staatsvolk ihren Gruppen-egoismus bestmöglich durchzusetzen. War braucht es mehr zu Ver- wirklichung von Recht und Gesetz, Demokratie und Republik? Die Böcke machen sich selbst zu Gärtnern und sagen es uns auch noch. Tu mal einer was dagegen.

  • Antworten
ein_Liberaler09.10.2012 | 04:35 Uhr

... woher nehmen die nur die Zeit?

Neben dem offenkundigen "wes Brot ich ess, des Lied ich sing" - Herr Riester mit seiner Versicherungswirtschaft- und Bankensubvention genannten gleichnanmigen Rente ist da ein unrühmlicher Vertreter, fragt sich der interessierte Bürger, woher die Herren die Zeit nehmen, Vorträge und Bücher zu schreiben. Oder werden da auf einmal auch der wissenschaftliche Dienst des Bundestages eingesetzt oder die übrige Infrastruktur, die einem Bundestagsabgeordneten zur Verfügung gestellt wird. Glaubt jemand, dass die Herren ihre Vorträge oder Bücher selbst tippen? Liegt es da nicht nahe, dass die nette vom Steuerzahler finanzierte Sekretärin das schreibt?

  • Antworten
Mitleser09.10.2012 | 09:42 Uhr

Endlich einmal eine vernünftige Stimme

Zu selten sind heutzutage in Deutschland Stimmen, die die Vernunft, auf Englisch den "common sense", repräsentieren. Die öffentliche Diskussion in Deutschland verliert immer öfter das Mass der Mitte und Ausgewogenheit. Immer mehr verbreitet sich Hysterie ("Wutbürger") und das zwanghafte Bemühen, anderen eigene neue Ideologien aufzuzwingen, anstatt jeden nach seiner Façon selig werden zu lassen, eine Weisheit, die dem alten Preussen Prosperität gebracht hat. Besonders wenn man wie ich lange im Ausland gelebt hat erschüttert einen ständig dieser "teutsche" Rigorismus, der sich so stark vom Rest der Welt unterscheidet, vom protestantischen Skandinavien und den USA vielleicht abgesehen. Im Rest der Welt schüttelt man dazu nur mit dem Kopf.
Insofern ist dieser Artikel sehr wohltuend, ausgewogen und richtig, auch in der Wahl des Titels, und sowie darin wie er die Heuchler entlarvt, die eine weitergehende Regelung verhindert haben und nun plötzlich "Haltet den Dieb" schreien. Ausserdem hat man in Deutschland mit dem Neid offenbar immer noch oder schon wieder ein leichtes Spiel. Wir wissen, wohin das unter den Nazis geführt hat. Zu recht verweist der Autor darauf, dass der gesamten politischen Kultur Schaden zugefügt wird und dies kann dann leicht von Extremisten ausgenutzt werden.
Erschütternd deshalb einige der Kommentare.

  • Antworten
Vernunftbegabt09.10.2012 | 14:45 Uhr

totalitär und undemokratisch? Nein, wahrhaftig!

Das Problem mit der Offenlegung ist nämlich, dass dann offensichtlich wird wie sehr sich die Spitzenpolitiker vom Bürger entfernt haben. Bei der FDP ist das zu erwarten, dass dürfte deren Wähler nicht stören. Bei den linken Parteien ist das aber anders. Ein Spitzenkandidat, der bei den Banken ein und aus geht - nicht zu vergessen wie er 2008 die Banken raushaute und den Bürger dafür zahlen ließ - hat ein Problem als Vertreter der "Kleinen Leute" sich verkaufen zu können. Ganz besonders kritisch ist das für die Politiker, die als Lobbyisten im Bundestag arbeiten - im Plenum, nicht davor. Ich hoffe, Steinbrück macht es wahr und setzt härtere Vorgaben für alle im Bundestag durch.

  • Antworten
Robert09.10.2012 | 15:01 Uhr

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