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 > Die Parteien und der Nebenverdienst-Populismus

Berliner Republik

Causa SteinbrückDie Parteien und der Nebenverdienst-Populismus

Von Christoph Seils8. Oktober 2012
picture alliance
Steinbrück, Lobby, Nebeneinkünfte
Steinbrück sei Dank: Plötzlich fordern alle Parteien mehr Transparenz
Schrift:

Die Angriffe von Union und FDP gegen SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück wegen dessen Nebeneinkünften sind hysterisch, populistisch, und verlogen. Die Forderung nach einem gläsernen Abgeordneten ist totalitär

Seite 1 von 2

Der Abgeordnete sprach von komplizierten Fragen, von einer schwierigen Abwägung und von angemessenen Regelungen. Er verwies auf das „Spannungsfeld“ zwischen Ausübung des Mandats, der Unabhängigkeit des Abgeordneten und der Berufsfreiheit. Er betonte die Verantwortung aller Bundestagsabgeordneten gegenüber dem Parlament und dem Parlamentarismus. Dazu klagte er über eine „hysterische, von Parteitaktik geprägte Debatte“. Den von den Regierungsparteien SPD und Grünen vorgelegten Gesetzentwurf zur Offenlegung der Nebeneinkünfte von Bundestagsabgeordneten lehnte der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, Norbert Röttgen, im Namen der schwarz-gelben Opposition ab.

Sieben Jahre ist das her. Seit einer Woche wird in der Republik nun wieder einmal über die Nebeneinkünfte von Bundestagsabgeordneten diskutiert. Wieder wird die Debatte von parteitaktischen Argumenten geprägt, wieder geht es hysterisch zu. Wieder fordern Politiker aller Parteien „volle Transparenz“ bei den Nebeneinkünften, doch auch diesmal darf bezweifelt werden, dass es dazu kommt. Stattdessen setzen vor allem Union und FDP auf billigen Nebenverdienstpopulismus und schaden damit um des kurzfristigen politischen Vorteils willen der politischen Kultur.

[gallery:20 Gründe, warum Peer Steinbrück Kanzler werden muss]

Seit einer Woche stehen die Nebeneinkünfte des frisch gekürten SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück im Mittelpunkt der öffentlichen Aufregung. Der ehemalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, soviel scheint klar, hat sich seine Beliebtheit, sein Image und seine Fachwissen nach seinem Ausscheiden aus dem Ministeramt versilbern lassen. So machen es viele Ex-Minsiter und auch Ex-Kanzler. Dafür gebe es einen Markt, stellt Peer Steinbrück selbstbewusst fest.

Rund 80 Vorträge hat Steinbrück seit 2009 gehalten, zudem zwei Bücher geschrieben und damit recht ordentlich verdient. Neu ist dies nicht, dies alles war auch schon auf der Internetseite des Bundestages nachzulesen, fein säuberlich waren dort Steinbrücks Honorare nach den Regeln des Parlaments aufgelistet und den vorgegebenen Stufen 1.000 bis 3.500 Euro, bis 7.000 Euro und über 7.000 Euro zugeordnet. Dass diese Stufen-Regelung wenig praktikabel ist und vor allem höhere Einkünfte nicht erfasst, kann man dem SPD-Kanzlerkandidaten kaum vorwerfen.

Doch ausgerechnet diejenigen, die vor sieben Jahren die Bremser bei der Neuregelung der Nebeneinkünfte waren, die dafür sorgten, dass es nicht einmal wirksame Sanktionen wegen Verstößen gegen die Veröffentlichungspflichten gibt und die verhinderten, dass Abgeordnetenbestechung nach den Vorgaben einer UN-Konvention unter Strafe gestellt wird, haben sich zur Attacke entschlossen. Der CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt nennt Steinbrück einen „Liebling der Spekulanten“ und ein „Produkt der Finanzmarktindustrie“. Patrick Döring, sein Amtskollege von der FDP, ätzt, bei Steinbrück würden „offenbar immer wieder alle Sicherungen durchbrennen, wenn es um den eigenen Vorteil geht“.

Weil der Kanzlerkandidat der SPD eine politische Angriffsfläche bietet, ist anders als vor sieben Jahren plötzlich auch die CDU dafür „mehr Transparenz zu Höhe und Herkunft von Nebeneinkünften von Abgeordneten zu schaffen", so ihr Parlamentarische Geschäftsführer, Michael Grosse-Brömer. Statt drei soll es zukünftig sechs Stufen für die Kategorisierung von Nebeneinkünften geben, die höchste soll dabei im sechsstelligen Bereich liegen. Die Grünen fordern sogar zehn Stufen. Schon in der kommenden Woche könnte das Thema Nebeneinkünfte auf der Tagesordnung des Bundestages stehen.

Die Hektik ist dem beginnenden Wahlkampf geschuldet. Solange Steinbrück nur Ex-Minister und einfacher SPD-Abgeordneter war, haben dessen Nebeneinkünfte in der Öffentlichkeit und bei der politischen Konkurrenz kaum jemanden interessiert. Dass ehemalige Spitzenpolitiker ihren guten Namen im politischen Vorruhestand zu Geld machen, gehört quasi zu den ungeschriebenen Gesetzen der Politik. Die Ex-Kanzler Schmidt, Kohl und Schröder haben es so gehalten, auch der ehemalige Arbeitsminister Walter Riester (SPD), der grüne Außenminister Joschka Fischer und der Ex-Forschungsminsiter Riesenhuber (CDU). Die Übergänge zwischen neuer beruflicher Aufgabe, Lobbyismus und Dankeschön-Aufträgen sind dabei fließend.

Doch nun ist Steinbrück aus dem politischen Vorruhestand zurückgekehrt, er ist wieder ein sozialdemokratischer Hoffnungsträger und plötzlich muss er sich rechtfertigen. Die öffentliche Aufregung ist groß.

Seite 2: Die Forderung nach einem gläsernen Abgeordneten ist totalitär und undemokratisch

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Undemokratisch?

Der Autor vergleicht totalitäre Regime wie Nord Korea mit dem berechtigten Interesse des Bürgers zu wissen, wem der von ihm bezahlte und gewählte Abgeordnete denn jetzt eigentlich verpflichtet ist. Das allein ist schon zynisch und ein Schlag ins Gesicht jedes Demokraten. Dieser Vergleich zeugt von der Unbedarftheit des Autors und seines offensichtlichen Unvermögens, grundlegende Begriffe des politischen Lebens zu verstehen und entsprechend ihrer Bedeutung zu verwenden. Jedenfalls nehme ich das an, denn die Alternative wäre schlimmer.

Ein Abgeordneter ist, entgegen dem Selbstständigen, eine Person des öffentlichen Lebens. Wissen zu wollen wem der Abgeordnete verpflichtet ist, ist demnach alles andere als totalitär, im Gegenteil: es zeugt vom Interesse der Bürger an der Demokratie, der "Herrschaft der Vielen". Das Volk ist schließlich nicht der Abgeordnete; der Abgeordnete wurde, wie der Name sagt, abgeordnet das Volk zu vertreten. Kommt er diesem Auftrag nicht nach oder hat man berechtigte Zweifel daran, so müssen Konsequenzen gezogen werden. Leute wie Peer Steinbrück sind nicht unersetzlich, im Gegenteil.

Wenn ein Abgeordneter lieber Vorträge halten möchte, dann kann er dies gerne tun: in Deutschland gibt es die freie Berufswahl.
Insofern ist dieser Beitrag an Zynismus kaum zu überbieten; der Autor sollte sich dringendst in die von ihm favorisierte Ein-Parteien-Diktatur Chinas absetzen - da muss er keine Angst haben, dass ein Bürger auf die Idee kommt, nach "Neben"einkünften zu fragen und Transparenz bei den Einkünften der herrschenden Elite einzufordern.

  • Antworten
flow08.10.2012 | 12:20 Uhr

Peer Steinbrück und seine einnahmen

ich verspüre keinen neid, ich gönne es ihm von herzen.
jetzt ist seine zeit und die sollte er so gut es geht nutzen, notfalls auch finanziell.
solidarische grüße an genosse Peer
Dipl. Kff. Elisabeth Dorothea Lutz

  • Antworten
Dipl. Kff. Elisabeth Dorothea Lutz08.10.2012 | 14:00 Uhr

Wenn Steuerzahler verlangen dass Bundestags Abgeordnete

und andere Politiker ihre bezahlen Nebenjobs erklaeren dann ist das kein Populismus. Wenn ich irgendwo arbeite kann ich auch nicht einfach noch einen anderen Job annehmen obwohl ich mein Gehalt nicht vom Steuerzahler erhalte.Dazu kommt noch dass Politiker schnell zu Lobbyisten fuer gewisse Interessengruppen werden und damit die Gefahr entsteht dass sie die Interessen der Steuerzahler vernachlaessigen.
Steinbrueck oder wer auch immer hat die Verantwortung sein Einkommen zu erklaeren wenn er Probleme verhindern will, weigert er sich dann ist er kein Kandidat fuer ein oeffentliches Amt und schon garnicht fuer das Kanzleramt.
Wer nicht denkt dass Nebenjobs fuer Poltiker ein Problem sind muss nur an den Bastakanzler Schroeder denken,der am Ende seiner Dienstzeit einige sehr suspekte Massnahmen durchwinkte die ihm wahrscheinlich zu seinen lukrativen Jobs bei GAZPROM etc., verhalfen...

  • Antworten
Lill-Karin Bryant08.10.2012 | 15:28 Uhr

Wes Geistes Kind Herr Steinbrück ist

Steinbrück ist ein guter Redner und im Einzelfall wohlmöglich sogar sein Geld wert. Wer aber sieht, wie Schröder seit 2005 sein Herrschaftswissen bei Gasprom zu Geld macht, kann ahnen, dass Steinbrück ähnlich gestrickt ist. Das hat nicht gar zu viel mit Hysterie und Verlogenheit zu tun. Mehr hat es mit erfahrungsgesät-tigtem Politiker- und Parteienverdruss zu tun. Bemerkenwert ist, dass Schwarz und Gelb "Transparenz" fordern. Das ist ein Zeichen der Schwäche. Denn Transparenz ist kein Regierungs- sondern ein Oppositionsprogramm. Du kannst nicht Diener vieler Herren sein. Entweder dienst Du dem Staatsvolk und dem Gemeinwohl, oder der Finanz-oligarchie. Steinbrück hat sich entschieden, der Finanzoligarchie zu dienen, und deshalb wird er weder bei Mitgliedern der SPD noch bei ihren Unterstützern genügenden Anklang finden. Wie Adenauer vorgewor- fen wurde, Kanzler der Amerikaner zu sein, so wird Steinbrück als Kanzlerkandidat der Besitzenden wahrgenommen. So kriegt er an der Basis keine Schnitte. Sollen CDU und FDP verschweigen, wes Geistes Kind er ist? Letztendlich handeln sie nicht anders. Langjährig haben sie eine Antikorruptionsgesetzgebung verhindert. Wenn sich nur alle lange genug wechselseitig darauf hinweisen, wie schlecht sie sind, dann ist das doch wahrheitstechnisch erste Sahne. Mehr Aufklärung geht doch gar nicht. Das als verlogen zu bezeichnen, wirkt wie eine Aufforderung zur Lüge. Die Abgeordneten sind sich einig in ihrem Interesse, im täglichen Kampf gegen das Staatsvolk ihren Gruppen-egoismus bestmöglich durchzusetzen. War braucht es mehr zu Ver- wirklichung von Recht und Gesetz, Demokratie und Republik? Die Böcke machen sich selbst zu Gärtnern und sagen es uns auch noch. Tu mal einer was dagegen.

  • Antworten
ein_Liberaler09.10.2012 | 04:35 Uhr

... woher nehmen die nur die Zeit?

Neben dem offenkundigen "wes Brot ich ess, des Lied ich sing" - Herr Riester mit seiner Versicherungswirtschaft- und Bankensubvention genannten gleichnanmigen Rente ist da ein unrühmlicher Vertreter, fragt sich der interessierte Bürger, woher die Herren die Zeit nehmen, Vorträge und Bücher zu schreiben. Oder werden da auf einmal auch der wissenschaftliche Dienst des Bundestages eingesetzt oder die übrige Infrastruktur, die einem Bundestagsabgeordneten zur Verfügung gestellt wird. Glaubt jemand, dass die Herren ihre Vorträge oder Bücher selbst tippen? Liegt es da nicht nahe, dass die nette vom Steuerzahler finanzierte Sekretärin das schreibt?

  • Antworten
Mitleser09.10.2012 | 09:42 Uhr

Endlich einmal eine vernünftige Stimme

Zu selten sind heutzutage in Deutschland Stimmen, die die Vernunft, auf Englisch den "common sense", repräsentieren. Die öffentliche Diskussion in Deutschland verliert immer öfter das Mass der Mitte und Ausgewogenheit. Immer mehr verbreitet sich Hysterie ("Wutbürger") und das zwanghafte Bemühen, anderen eigene neue Ideologien aufzuzwingen, anstatt jeden nach seiner Façon selig werden zu lassen, eine Weisheit, die dem alten Preussen Prosperität gebracht hat. Besonders wenn man wie ich lange im Ausland gelebt hat erschüttert einen ständig dieser "teutsche" Rigorismus, der sich so stark vom Rest der Welt unterscheidet, vom protestantischen Skandinavien und den USA vielleicht abgesehen. Im Rest der Welt schüttelt man dazu nur mit dem Kopf.
Insofern ist dieser Artikel sehr wohltuend, ausgewogen und richtig, auch in der Wahl des Titels, und sowie darin wie er die Heuchler entlarvt, die eine weitergehende Regelung verhindert haben und nun plötzlich "Haltet den Dieb" schreien. Ausserdem hat man in Deutschland mit dem Neid offenbar immer noch oder schon wieder ein leichtes Spiel. Wir wissen, wohin das unter den Nazis geführt hat. Zu recht verweist der Autor darauf, dass der gesamten politischen Kultur Schaden zugefügt wird und dies kann dann leicht von Extremisten ausgenutzt werden.
Erschütternd deshalb einige der Kommentare.

  • Antworten
Vernunftbegabt09.10.2012 | 14:45 Uhr

totalitär und undemokratisch? Nein, wahrhaftig!

Das Problem mit der Offenlegung ist nämlich, dass dann offensichtlich wird wie sehr sich die Spitzenpolitiker vom Bürger entfernt haben. Bei der FDP ist das zu erwarten, dass dürfte deren Wähler nicht stören. Bei den linken Parteien ist das aber anders. Ein Spitzenkandidat, der bei den Banken ein und aus geht - nicht zu vergessen wie er 2008 die Banken raushaute und den Bürger dafür zahlen ließ - hat ein Problem als Vertreter der "Kleinen Leute" sich verkaufen zu können. Ganz besonders kritisch ist das für die Politiker, die als Lobbyisten im Bundestag arbeiten - im Plenum, nicht davor. Ich hoffe, Steinbrück macht es wahr und setzt härtere Vorgaben für alle im Bundestag durch.

  • Antworten
Robert09.10.2012 | 15:01 Uhr

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