Das Murren in der Union über den Führungsstil der Kanzlerin ist groß – und doch war der Ausraster Josef Schlarmanns eine absolute Ausnahme. Warum? Eine effiziente Maulkorb-Tradition, der sich die gesamte Journaille beugt, ermöglicht es Politikern, ihre Aussagen ziel- und treffsicher in die Medienwelt zu streuen
Offene Frontalangriffe sind selten in der Politik. Wie nun der Vorsitzende der CDU/CSU-Mittelstandsvereinigung, Josef Schlarmann, die eigene Vorsitzende Angela Merkel angeht, entspricht nicht dem Stil der Zunft. Dieser Vorstoß ist eine Regelabweichung: Das, was andere seit Jahren hinter vorgehaltener Hand sagen, wird nun öffentlich. Schlarmanns Worte bringen inhaltlich nichts Neues über die vermeintliche Methode Merkel. Aber sie offenbaren, was andere auch sagen, allerdings unkenntlich gemacht mit der Formel „Unter 3“. So sagt sich leicht, was Schlarmann nun „Unter 1“ verkündete.
Schlarmann wirft der Kanzlerin vor, die Alternativlosigkeit zum Machtkonzept erhoben zu haben: Grundsatzdebatten würge sie ab, potentielle Nachfolger kämen unter ihr nicht hoch. Er sprach sogar von einem „System Merkel“. Schnell wird gesagt im Adenauer-Haus, da rechne jemand ab und kühle sein Mütchen.
Schlarmann kann sich diese Freiheit nur nehmen, weil er nichts zu verlieren hat. Merkel ist grundsätzlich genervt von ihm, in der Partei gilt er als Randfigur und potentieller Störenfried. Seine periodisch anflutende Kritik macht ihn in gewisser Weise unangreifbar für Merkel-Verteidiger. Denn auch die wissen: Seine Aussagen, die nun schwarz auf weiß in der „Leipziger Volkszeitung“ stehen, sind keine Einzelmeinung in der CDU. Ihm würden andere aber erst namentlich beispringen, wenn Merkel ihm seine Kritik verbiete oder auch nur sie sich verbitte.
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Seit jeher wird in der Oberschicht der Partei über die Vorsitzende gelästert, wie über Chefs und Chefinnen gemeinhin gern geklagt wird. Sie könne nicht führen, warfen ihr von Anbeginn ihrer Vorsitzenden-Zeit jene vor, die selbst auf Merkels Platz drängten: Roland Koch, Christian Wulff, Peter Müller und wie sie alle hießen, die längst nicht mehr Mächtigen der Union. Sie selbst – oder ihre Statthalter – sagten, Merkel habe keine Grundsätze außer dem Machterhalt; und sie misstraue jedem.
Diese Vorwürfe haben sich wie die einzige Wahrheit im Journalismus verankert, weil sie stets unter einem ganz besonderen Siegel der Verschwiegenheit geraunt wurden, das es im politischen Journalismus gibt wie in keiner anderen Branche. So konnte das bloße Gerücht wie eine Tatsache wirken und üble Nachrede zuweilen ehrlich. Eine Debatte, wie sie Schlarmann ja fordert, findet so nicht statt.
In Deutschland gibt es für das Verschwiegenheitssiegel eigens eine Bezeichnung, die quasi amtlich ist: „unter 3“. Politiker versiegeln damit in nahezu jedem ihrer Gespräche mit Journalisten einiges von dem, was sie eben gesagt haben. Sie brauchen bloß „unter 3“ zu sagen, und ihr Zuhörer versteht die volle Übersetzung dieses Codes: Vertraulich! Dieses „Unter 3-Siegel“ nutzten all die Konkurrenten Merkels wie auch deren Mitstreiter je häufiger, umso mächtiger die Vorsitzende zu werden schien.











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