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Berliner Republik

Brandt, Kohl & CoDie großen deutschen Kanzlermythen

Von Christoph Seils1. Oktober 2012
picture alliance
Kohl,Kanzler,Briefmarke
Kommt nun auch per Post: Helmut Kohl, als Briefmarke
Schrift:

Wenn Kanzler zur Legende werden sollen, nehmen es die Parteien mit der historischen Wahrheit nicht so genau. So steuern auch die Kohl-Festspiele gerade auf einen Höhepunkt zu. Der Mythos entfernt sich dabei immer weiter von der Realität, wie schon einmal: bei Willy Brandt

Seite 1 von 2

Vor 30 Jahren wurde Helmut Kohl zum Bundeskanzler gewählt. Am 1. Oktober 1982 stützten CDU, CSU und FDP den sozialdemokratischen Amtsinhaber Helmut Schmidt mit einem konstruktiven Misstrauensvotum und begründeten eine schwarz-gelbe Ära. 16 Jahre, länger als jeder andere Kanzler, hat Kohl das Land regiert. In vier Amtszeiten hat der Christdemokrat aus persönlicher Überzeugung die europäische Integration vorangetrieben. Nach dem Fall der Mauer hat er früher als alle anderen Mitstreiter den historischen Moment erkannt und gegen sämtliche Widerstände in den eigenen Reihen und bei den vier Alliierten auf eine schnelle Wiedervereinigung gedrängt. Doch an Kohl scheiden sich die Geister nach wie vor.

Konrad Adenauer oder Willy Brandt wurden nach ihren Regierungsjahren zum Mythos. Helmut Schmidt wird trotz seiner 93 Jahre nicht müde, an seiner eigenen Legende mitzustricken. Die ganze Nation liegt ihm und seinen nicht immer mehr ganz klaren Gedanken zu Füßen. Die SPD fragt ihn mittlerweile gerne um Rat. Der elf Jahre jüngere Helmut Kohl hingegen sitzt in seinem Rollstuhl in Oggersheim und muss zusehen, wie sein politisches Erbe die Deutschen immer noch polarisiert.

Das soll sich jetzt ändern. Die Kohl-Festspiele steuern auf ihren Höhepunkt zu. Abbitten, Festakte, Sonderbriefmarken: Eifrig sind die Christdemokraten darum bemüht, den Altkanzler wieder aufs historische Podest zu heben. Selbstbewusst feiern sie ihren Kohl als großen Staatsmann, als Europäer und Kanzler der Einheit. Vergessen sind die schwarzen Kassen, vergessen der niedergelegte Ehrenvorsitz, vergessen die verpassten politischen Reformen, die Fehler beim Aufbau Ost und bei der Einführung des Euros.

Selbst Angela Merkel, die Helmut Kohl einst mit einem Gastkommentar in der FAZ vom Sockel gestoßen hatte, würdigte in diesen Tagen mit salbungsvollen Worten seine Verdienste in der Innen- und der Außenpolitik. Angesichts der sich zuspitzenden Eurokrise braucht Merkel die Unterstützung der alten Europäer in der CDU mehr denn je. Schließlich stößt ihr Eurorettungskurs in den eigenen Reihen auf immer mehr Skepsis.

Acht Bundeskanzler haben das Land seit 1949 regiert. Um fast alle ranken sich Mythen und Legenden. Die Schattenseiten vieler ehemaliger Bundeskanzler scheinen dabei heute fast vergessen.

Zweifelsohne begründete Adenauer die Kanzlerdemokratie und die politische Vorherrschaft der CDU in der alten Bundesrepublik, unbestritten sind seine Verdienste für den Wiederaufbau des kriegszerstörten Landes und dessen politische, ökonomische und militärische Eingliederung in den Westen. Aber Adenauer beförderte eben auch die die kollektive Amnesie der Deutschen bezüglich der nationalsozialistischen Verbrechen und er vertiefte mit seinem Primat der Westintegration die deutsche Spaltung.

Gleichzeitig war Adenauer ein autokratischer Parteiführer, der noch vom Kaiserreich und der Weimarer Republik geprägt worden war. Erst zögerte er lange, sich der CDU anzuschließen, dann sicherte er sich mit allerlei Tricks die Kanzlerschaft und auch die Vormachtstellung in der CDU. Dabei interessierte Adenauer die Partei in Wirklichkeit wenig. Von demokratischer Willensbildung und innerparteilicher Demokratie hielt er nichts. In 15 Jahren als CDU-Vorsitzender hat er nur ein einziges Mal die Bonner Parteizentrale besucht.

Seite 2: Willy Brandt, der Medienkanzler

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Was schon was heissen will

Vielleicht wird Helmut Kohl in manchen Bereichen unterschätzt. Aber auf einem Gebiet macht ihm jedenfalls keiner so leicht den Rang streitig. Oder welcher Kanzler könnte es schon mit ihm aufnehmen, wenn es darum geht, in jeder erdenklichen Situation seine Humorlosigkeit zu bewahren.

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Jonardo Tenner01.10.2012 | 18:06 Uhr

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