Geltungssucht liegt ihr fern, Uneitelkeit ist ihre Waffe – Angela Merkel. Sie ist ungemein schnell im Kopf und kaum aus der Reserve zu locken. Warum uns Angela Merkel, trotz Koalitionschaos und Eurokrise, noch lange regieren wird
Bitte nicht. Nicht auch noch Kirchenglocken. Es ist Punkt 19 Uhr, als sich Angela Merkel einen Weg durch die Menschen bahnt, aber es ist nicht nur das Schlagen zur vollen Stunde.
Im Turm der rot aufragenden Backsteinkirche von St. Johannes Baptist läuten die Glocken, als hinge Don Camillo unten am Seil. Dazu das volle, warme Abendlicht einer Sonne, die im richtigen Augenblick eine Wolkenlücke für ihre Strahlen gefunden hat. Beifall, reckende Köpfe, erhobene Handys und blitzende Kleinkameras markieren Merkels Weg Richtung Bühne.
Was sich hier abspielt auf dem Marktplatz von Neheim, über dem ein Parfumduft aus Bratwurst, Bier und Zigarettenschwaden liegt, ist vordergründig eine Wahlkampfveranstaltung der CDU im Hochsauerland. Aber es ist vor allem die Leistungsschau einer Kanzlerin in ihrem siebten Jahr.
Auf der Bühne angekommen, winkt sie ihr Patschhändchenwinken, das ein wenig an jenes huldvolle der Queen von England erinnert. Merkel zieht dabei den Kopf noch etwas tiefer zwischen die Schultern, die in einem sandfarbenen Jackett stecken. Sie sieht fast ein bisschen verlegen aus.
Aber freudig auch. So ein warmer, respektvoller Empfang tut gut, immer noch, auch nach all den Jahren. Eine andächtige Stimmung legt sich über den Platz. Selbst die Störer hinten mit ihrem Protest am Holzstiel stehen still und artig.
Es gibt ein seltsames Paradox in Deutschland. Ein Geheimnis, ein Rätsel. Das Rätsel heißt Angela Merkel. Sie ist das Geheimnis. Keine Regierung hat, soweit man sich erinnern kann, ein derart desolates Bild abgegeben wie das schwarz-gelbe Bündnis der Kanzlerin. Inhaltlich wie stilistisch.
Aktuell zanken die Koalitionäre über das Betreuungsgeld, die FDP irrlichtert so herum, dass sie als liberale Partei etatistisch die Pendlerpauschale erhöhen will. Das Rederecht der Abgeordneten soll erst eingeschränkt werden, dann doch so bleiben wie es ist. Bei der Schlecker-Rettung hatte die Koalition keinen gemeinsamen Plan, und bei der Vorratsdatenspeicherung auch nicht. Kein Kurs ist erkennbar, kein historisches Werk.
Stattdessen nur Gewerkel, Gemerkel. Und eine Politik voller Widersprüche. Widersprüche, die auch auf die Chefin selbst zurückgehen. Atomenergie – erst voll rein, dann voll raus, Mindestlohn – erst voll dagegen, jetzt unter dem Tarnnamen Lohnuntergrenze voll dafür. Dazu zwei gescheiterte Bundespräsidenten auf dem Kerbholz, in der aktuellen Koalition anderthalb Vizekanzler verschlissen, und inzwischen zwei Koalitionspartner runterregiert. Eine stramme Leistung für eine Kanzlerin in ihrem siebten Amtsjahr.
Normalerweise müsste das reichen für das absehbare Ende einer Kanzlerschaft. Die Deutschen vergeben im Schnitt zwei Legislaturen an einen Kanzler. Dann steht ihnen der Sinn nach etwas Neuem. Das war bei Kohl so, der nur wegen der Wiedervereinigung 16 Jahre, also zweimal zwei Legislaturen, bekommen hat. Das war bei Schröder so, der freiwillig auf sieben Jahre verkürzte. Das gilt im Prinzip auch für Merkel.











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