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 > Die fragwürdige Promotion des Götz Aly

Berliner Republik

DoktorarbeitenDie fragwürdige Promotion des Götz Aly

Von Gunnar Hinck20. Oktober 2012
picture alliance
Götz Aly,Historiker,Doktorarbeit,meine kleine Guttenbergs
Götz Alys Promotion sei „kein Ruhmesblatt“ gewesen, sagt dessen Doktorvater heute
Schrift:
Seite 3 von 3

Der inzwischen emeritierte Politikprofessor Wolf-Dieter Narr war Zweitgutachter der Arbeit. Besucht man ihn in seinem Büro und spricht ihn auf die Dissertation an, sagt er schmunzelnd: „Wenn ich meine wissenschaftlichen Standards richtig angelegt hätte, hätte ich die Arbeit nicht annehmen dürfen.“ Dass Aly das meiste geschrieben habe, sei klar gewesen, weil er derjenige gewesen sei, der gut schreiben konnte. Er habe nicht überprüft, wer welche Passagen geschrieben hat. Das Sachbuch kannte er nicht: „Ich habe nicht spioniert.“

Der Erstgutachter war Reinhart Wolff. Er sagt, die Arbeit sei „kein Ruhmesblatt“ gewesen. Sie sei auch von Udo Knapp geschrieben worden, beteuert er. Indes fügt er an, dass man „eng miteinander verbunden“ gewesen sei. Das kann man wohl sagen: Wolff und Knapp saßen zusammen im SDS-Vorstand und führten den SDS am Ende gar gemeinsam an der Spitze an. Wenig später wurde Wolff leitendes Mitglied der Kadergruppe PL/PI, der sich Knapp ebenfalls anschloss. Aly wiederum hatte bei Wolff ein „Aufnahmegespräch“, scheiterte aber.

Das Sachbuch und die Doktorarbeit waren von Beginn an in erster Linie ein Projekt Alys. Dies lässt sich auch aus dessen Lebenslauf herleiten. 1976 wurde er wegen eines Disziplinarverfahrens aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Er hatte seinem Arbeitgeber eine Geldstrafe verschwiegen: 1971 hatte er mit anderen Apo-Aktivisten ein Seminar an der FU gesprengt, das Ganze endete in einer Schlägerei. Für den schriftstellerisch begabten Aly lag es nahe, nach seinem Rauswurf über seine Zeit in Spandau ein Buch zu schreiben. Udo Knapp, der noch im Jugendamt arbeitete, könnte als solidarischer „Genosse“ und Freund bereits für das Sachbuch anonym ein paar Passagen beigesteuert haben, die von seiner Arbeit handeln. Aly, womöglich beflügelt durch den Erfolg des Buches, reichte die Arbeit, leicht erweitert, als Dissertation ein – zusammen mit seinem Freund Knapp, der inzwischen ebenfalls den Dienst in Spandau quittiert hatte oder kurz davor stand. Damit die ungleiche Arbeitsverteilung nicht auffiel, erfanden sie die Teilung in der Mitte.

Udo Knapp will heute nicht auf die Merkwürdigkeiten der Arbeit eingehen. Knapp, der sich sinnigerweise gern mit einem zackigen „Dr. Knapp!“ vorstellt, sagt auf Nachfrage nur, dass er selbstverständlich am Sachbuch mitgearbeitet habe. Eine Nennung als Autor sei ihm nicht so wichtig gewesen. Auf die Doktorarbeit habe er aber mehr Wert gelegt: „Ich wollte promovieren.“

Götz Aly wurden mehrfach Fragen zu seiner Promotion vorgelegt, per Mail und per Brief, als er erklärt hatte, dass er klassische Post bevorzuge. Der Publizist antwortete bis Redaktionsschluss von Cicero jedoch nicht.

Götz Aly ist heute ein scharfer Kritiker von Achtundsechzig. Sein Weg ist nicht untypisch für seine Generation: das Bürgerkind, das mit der Herkunft brach, sich der Revolution verschrieb, um heute umso vehementer für vermeintlich bürgerliche Werte wie Individualismus, Freiheit und Eigenverantwortung zu streiten. Ironischerweise verdankt Aly seine akademischen Meriten genau jenen laxen wissenschaftlichen Standards im Gefolge von Achtundsechzig.

In seiner Doktorarbeit findet sich das, was er heute am sogenannten roten Jahrzehnt kritisiert: die ideologische Färbung akademischer Arbeiten; anbiedernder, vermeintlich proletarischer Ton („wir wurden als komische Kumpels anerkannt, blieben aber die Amtsärsche“); die Ich-Bezogenheit (der Leser darf erfahren, dass Aly und Knapp gern mit den jugendlichen Schützlingen „einen durchgezogen haben“); eine methodische Wurstigkeit („Wenn man die Beschreibung unserer Arbeit in einen sozialwissenschaftlich-methodischen Rahmen stellt, dann entstehen einige Schwierigkeiten. Vielleicht könnte man am ehesten von einer sehr ‚teilnehmenden Beobachtung sprechen‘“); Respektlosigkeit gegenüber Regeln (denn die stellt ja der Staat, den man zerschlagen wollte); schließlich akademische Kumpanei.

Heute hält Aly Studenten Täuschung vor, eine Methode, die er früher selbst praktizierte oder in seinem akademischen Wirkungskreis tolerierte. Aber mittlerweile befinden sich Studenten vom ersten Semester an im Konkurrenzkampf. Wer sich im Gestrüpp aus Pflicht- und Wahlmodulen und Credit Points verliert oder mit dem Tempo nicht mithalten kann, ist draußen. Die Studenten der Generation Aly und Knapp hatten speziell in Westberlin alle Freiräume. Trotzdem – oder gerade deswegen – nahmen viele die wissenschaftlichen Standards nicht recht ernst. Als Hochschullehrer tritt Götz Aly als akademischer Tugendwächter auf. Seine Doktorarbeit könnte dem Nachwuchs dienen – als ­Anschauungs­material.

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Dr. was? wozu?

Es fehlt nur noch dass der Titel vererbt wird.
Könnte man nicht einfach diesen Blödsinn weglassen?
Oder ist es Ersatz für irgendwelche Minderwertigkeitskomplexe?
Und warum nur im Deutschsprachigen Raum?

  • Antworten
Tartarin20.10.2012 | 19:50 Uhr

gutgemeinter Ratschlag

Man kann auch Bunte lesen, wenn man von Cicero überfordert ist.

  • Antworten
Otto Meyer22.10.2012 | 21:09 Uhr

Nicht untypisch

Das schlechte Gewissen lässt die größten Sünder immer wieder zu den heftigsten Eiferern mutieren.

  • Antworten
gth20.10.2012 | 21:05 Uhr

Qualität

Ganz ähnlich wie bei Guttenberg ist die völlige Substanzfreiheit der Arbeit viel bemerkenswerter als das dubiose Zustandekommen.

  • Antworten
FFranz21.10.2012 | 13:42 Uhr

@FFranz

Das genau ist des Pudels Kern!

  • Antworten
Jonardo Tenner25.10.2012 | 20:02 Uhr

Interessante Person, dieser Aly

Keine Ahnung ob es das schlechte Gewissen ist, welches Aly bewegt. Ich glaube eher nicht. Wenn man verstehen will, welche Feinde Aly hat, sollte man sein Essay bei Perlentaucher lesen, da fasst er seine Erfahrungen einer Lesereise zusammen und rechnet schonungslos mit den Alt-68ern ab. Etwas ausführlicher habe ich es auf Glitzerwasser kommentiert.

  • Antworten
Quentin Quencher21.10.2012 | 14:59 Uhr

Ein Gutachter sagt,

die Arbeit stelle kein Ruhmesblatt dar. Dass muss sie auch nicht; aber sie sollte gewissen Standards genügen - was aber der Zweitgutachter auch in Zweifel zieht.

Zwei Verfasser, eine Gossensprache und ein anscheinend rein beschreibender (an der Uni müsste man sagen deskriptiver) Ansatz wecken doch Zweifel am ordnungsgemäßen Verfahren.

  • Antworten
Katharina K.22.10.2012 | 09:43 Uhr

unvollständiges Bild

Aha, das Imperium der "großen Profiteure und ihrer kleinen Hintersassen" schlägt jetzt also zurück. Erstens ist daran zu erinnern, dass Götz Aly nach Erscheinen seiner Dissertation eine Reihe von wissenschaftlichen Monographien vorgelegt hat, die jeweils als Qualifikationsschrift hätten eingereicht werden können. Er hat sich ja auch 1994 erfolgreich habilitiert. Seine Publikationen sind zwar umstritten und lösen Kontriversen aus, sind von ihrer rein wissenschaftlichen Qualität her aber über jeden Zweifel erhaben.

Zweitens fand ich die Kolumne über die kleinen Guttenbergs sehr erfrischend. Sicherlich schwang da bei Aly auch viel persönliche Verbitterung mit, zumal seine Almer Mater, der er einst den Dr. Titel verdankte, ihm ja später die Professur verweigert hat. So sehr er also damals von jenem System profitiert haben mag, dass er heute anklagt, so sehr hatte er später unter eben diesen System zu leiden, weil es eben nach ideologischen Standards bzw. denen der politischen Kumpanei verfährt und nicht nach qualitativen Kriterien. Will heissen: Die Promotion hätte die FU Aly seinerzeit aus guten Gründen verweigern können, nicht aber später die Professur. Dass es genau umgekehrt gekommen ist, zeigt, dass Aly mit seiner Analyse über die kleinen Guttenbergs bzw. über die "großen Profiteure" und ihre "Hintersassen" an unseren heutigen Universitäten druchaus richtig lag.

  • Antworten
W.22.10.2012 | 12:45 Uhr

Neue Entwicklung

Das wäre doch einmal ein interessanter Ansatz, Doktorarbeiten auch von Leuten links der Mitte in den Blick zu nehmen. Vorsicht, Cicero-Journalisten! Im Vorwahlkampfmodus können solche Ideen ganz schnell zum Karierehindernis werden. Also immer fein im Guttenberg-Modus bleiben.

Wer schon einmal eine größere Menge von Doktorarbeiten besonders der späten 60er- und 70er- Jahren aus den sog. geisteswissenschaftlichen Fächern gelesen hat, fragt sich so häufig, wie man mit solchen ideologischen Machwerken bar jeden wissenschaftlichen Gedankens überhaupt promoviert werden konnte. Viele von diesen Leuten haben Karriere gemacht. Das sind weit gravirendere Vorkommnisse als reine Textübernahmen. Interessiert niemanden. Die Plagiatsbefunde sagen ja überhaupt nichts über den sachlichen Gehalt und die Leistgung in einer Promotion aus. Die Abschreiberei ist unschön und sollte stärker unterbunden werden. Aber: In welcher Promotion steht denn wirklich etwas neues? 20-30% in der neueren Geschichte, höchstens. Abhängig vom Fachgebiet und den Kenntnissen des Prüfers. Das ist auch nicht der grundlegende Befähigungsnachweis bei einer Dissertation. Man sollte die Noten entsprechend herabsetzen, statt unter dem Druck öffentlicher Tribunale willkürlich Doktortitel zu entziehen. Die Universitäten machen sich damit komplett lächerlich. Journalisren können sich nicht lächerlich machen, weil man bei ihnen prinzipiell von einer gewissen Ahningslosigkeit gekoppelt mit Neid und Verfolgungseifer ausgehen muß. Ausnahmen sind eher selten, im Online-Journalismus so gut wie nicht vorhanden.

  • Antworten
Otto Hildebrandt22.10.2012 | 22:49 Uhr

Plagiator & Hochstapler

Wieviel Neues enthält eine typische Promotionsarbeit und was darf man von diesen "Geisteswissenschaften" erwarten ?
Wen diese Frage genügend beantwortet ist sollte dich die Frage was von "diesen Geisteswissenschaftlern" zu erwarten ist selbst beantworten.
Persönlich glaube ich wir benötigen in der Gesellschaft das schlechte und Mittelmaß und ihre Protagonisten exponiert dargestellt - denn die Zahl der Komplexe würde einfach zu hoch werden wenn zu häufig dargelegt wird was möglich ist. Möglicherweise einer der gründe wesswegen Aly und Co. so häufig in den Medien prässent ist - Gute Leute hätten nicht einmmal die Zeit in dieser Frequenz aufzutreten - sie schicken Ihre zweit und drittklassigen Kasperl.

  • Antworten
Grottenberg 25.10.2012 | 16:01 Uhr

Professor ?

@W., was ist denn ein "Professur"? Weder gibt es so etwas, noch kann man das "verweigern".

Wenn ich es richtig sehe, hat ihm die FU keine Stelle als *apl* verschafft ... ein "Schicksal", das er mit Tausenden von Habilitierten teilt. Dafür dürfte es- neben seiner sehr spät eingereichten Habilitationsschrift - Gründe geben.

Es dürfte allerdings auch Gründe dafür geben, warum nun ausgerechnet Aly ab Mitte der 90iger, im Spätherbst seiner beruflichen Laufbahn, so eine schöne publizistische und mediale Karriere machen durfte. Das als "unter dem System leiden" zu bezeichnen, ist schon ziemlich amüsant.

  • Antworten
derherold25.10.2012 | 22:29 Uhr

Götz Aly

Was auch immer da vor mehreren Jahrzehnten in Berlin im Zusammenhang mit der Promotion gelaufen ist, interessiert mich überhaupt nicht angesichts der in den letzten Jahren erschienenen Publikationen von Götz Aly. Ich empfehle z.B. sein letztes Buch "WARUM DIE DEUTSCHEN? WARUM DIE JUDEN?" jedem zur Lektüre, insbesondere jedem (Geschichts-)Lehrer, aber auch jedem Politiker, der zu wissen glaubt, wo die Quellen für den Judenhasse lagen und liegen und sich in seinem schwarz-weißen Weltbild wohl fühlt. Journalistisch-flotte Schreibe, o.k. aber das ist aufklärender Journalismus vom Feinsten!

  • Antworten
R. Knelegu27.12.2012 | 20:27 Uhr

Interessante Story, aber

Interessante Story, aber vermutlich einer von Tausenden. - Mal abgesehen davon basiert mir die Story zu wenig auf dargelegten Fakten. Zumindest exemplarische Textstellen oder ein Link zu solchen wären sinnvoll, um sich ein Bild zu machen.

  • Antworten
Swantje04.02.2013 | 18:59 Uhr

Wie bitte?

Hallo Swantje,

die zitierten Textstellen und die plausible Umfeld"story" belegen doch zumindest den Taverdacht, daß hier eine politische Seilschaft von Möchtegerndotores zum Zuge kam.

Mehr als das Gelieferte kannst du von dem Artikel/Autor eines politischen Meinungsmagazines nicht fordern - nicht wirklich.

Zumal offenbar nicht einmal G.A. selbst eine Unterlassung des im Artikel explizit geäußerten Täuschungsvorwurfes verlangt hat.

Na dann!

  • Antworten
eku-pilz22.03.2013 | 01:48 Uhr

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