Der inzwischen emeritierte Politikprofessor Wolf-Dieter Narr war Zweitgutachter der Arbeit. Besucht man ihn in seinem Büro und spricht ihn auf die Dissertation an, sagt er schmunzelnd: „Wenn ich meine wissenschaftlichen Standards richtig angelegt hätte, hätte ich die Arbeit nicht annehmen dürfen.“ Dass Aly das meiste geschrieben habe, sei klar gewesen, weil er derjenige gewesen sei, der gut schreiben konnte. Er habe nicht überprüft, wer welche Passagen geschrieben hat. Das Sachbuch kannte er nicht: „Ich habe nicht spioniert.“
Der Erstgutachter war Reinhart Wolff. Er sagt, die Arbeit sei „kein Ruhmesblatt“ gewesen. Sie sei auch von Udo Knapp geschrieben worden, beteuert er. Indes fügt er an, dass man „eng miteinander verbunden“ gewesen sei. Das kann man wohl sagen: Wolff und Knapp saßen zusammen im SDS-Vorstand und führten den SDS am Ende gar gemeinsam an der Spitze an. Wenig später wurde Wolff leitendes Mitglied der Kadergruppe PL/PI, der sich Knapp ebenfalls anschloss. Aly wiederum hatte bei Wolff ein „Aufnahmegespräch“, scheiterte aber.
Das Sachbuch und die Doktorarbeit waren von Beginn an in erster Linie ein Projekt Alys. Dies lässt sich auch aus dessen Lebenslauf herleiten. 1976 wurde er wegen eines Disziplinarverfahrens aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Er hatte seinem Arbeitgeber eine Geldstrafe verschwiegen: 1971 hatte er mit anderen Apo-Aktivisten ein Seminar an der FU gesprengt, das Ganze endete in einer Schlägerei. Für den schriftstellerisch begabten Aly lag es nahe, nach seinem Rauswurf über seine Zeit in Spandau ein Buch zu schreiben. Udo Knapp, der noch im Jugendamt arbeitete, könnte als solidarischer „Genosse“ und Freund bereits für das Sachbuch anonym ein paar Passagen beigesteuert haben, die von seiner Arbeit handeln. Aly, womöglich beflügelt durch den Erfolg des Buches, reichte die Arbeit, leicht erweitert, als Dissertation ein – zusammen mit seinem Freund Knapp, der inzwischen ebenfalls den Dienst in Spandau quittiert hatte oder kurz davor stand. Damit die ungleiche Arbeitsverteilung nicht auffiel, erfanden sie die Teilung in der Mitte.
Udo Knapp will heute nicht auf die Merkwürdigkeiten der Arbeit eingehen. Knapp, der sich sinnigerweise gern mit einem zackigen „Dr. Knapp!“ vorstellt, sagt auf Nachfrage nur, dass er selbstverständlich am Sachbuch mitgearbeitet habe. Eine Nennung als Autor sei ihm nicht so wichtig gewesen. Auf die Doktorarbeit habe er aber mehr Wert gelegt: „Ich wollte promovieren.“
Götz Aly wurden mehrfach Fragen zu seiner Promotion vorgelegt, per Mail und per Brief, als er erklärt hatte, dass er klassische Post bevorzuge. Der Publizist antwortete bis Redaktionsschluss von Cicero jedoch nicht.
Götz Aly ist heute ein scharfer Kritiker von Achtundsechzig. Sein Weg ist nicht untypisch für seine Generation: das Bürgerkind, das mit der Herkunft brach, sich der Revolution verschrieb, um heute umso vehementer für vermeintlich bürgerliche Werte wie Individualismus, Freiheit und Eigenverantwortung zu streiten. Ironischerweise verdankt Aly seine akademischen Meriten genau jenen laxen wissenschaftlichen Standards im Gefolge von Achtundsechzig.
In seiner Doktorarbeit findet sich das, was er heute am sogenannten roten Jahrzehnt kritisiert: die ideologische Färbung akademischer Arbeiten; anbiedernder, vermeintlich proletarischer Ton („wir wurden als komische Kumpels anerkannt, blieben aber die Amtsärsche“); die Ich-Bezogenheit (der Leser darf erfahren, dass Aly und Knapp gern mit den jugendlichen Schützlingen „einen durchgezogen haben“); eine methodische Wurstigkeit („Wenn man die Beschreibung unserer Arbeit in einen sozialwissenschaftlich-methodischen Rahmen stellt, dann entstehen einige Schwierigkeiten. Vielleicht könnte man am ehesten von einer sehr ‚teilnehmenden Beobachtung sprechen‘“); Respektlosigkeit gegenüber Regeln (denn die stellt ja der Staat, den man zerschlagen wollte); schließlich akademische Kumpanei.
Heute hält Aly Studenten Täuschung vor, eine Methode, die er früher selbst praktizierte oder in seinem akademischen Wirkungskreis tolerierte. Aber mittlerweile befinden sich Studenten vom ersten Semester an im Konkurrenzkampf. Wer sich im Gestrüpp aus Pflicht- und Wahlmodulen und Credit Points verliert oder mit dem Tempo nicht mithalten kann, ist draußen. Die Studenten der Generation Aly und Knapp hatten speziell in Westberlin alle Freiräume. Trotzdem – oder gerade deswegen – nahmen viele die wissenschaftlichen Standards nicht recht ernst. Als Hochschullehrer tritt Götz Aly als akademischer Tugendwächter auf. Seine Doktorarbeit könnte dem Nachwuchs dienen – als Anschauungsmaterial.











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