Vera Lengsfeld ist 17, als ihr durch Zufall der Dienstausweis ihres Vaters in die Hände fällt. Ein Schock, den sie mit niemandem zu teilen wagt, schon gar nicht mit den Eltern. „Meine Schwester und ich wurden so erzogen, dass wir keine Fragen stellen und mit dem zufrieden sein sollten, was man uns sagte“, erzählt die heute 60-Jährige.
Solange die Kinder klein sind, funktioniert das in den meisten Familien noch gut. Mit Beginn der Pubertät aber bekommt das System oft die ersten Risse: Die Jugendlichen fangen an, Fragen zu stellen, verlieben sich, hören Musik aus dem Westen, schwänzen die Mai-Demonstration oder weigern sich, am Wehrkundeunterricht teilzunehmen. Viele Väter reagieren darauf mit Verboten und Strafen, viele auch mit Gewalt. Denn wenn sich Sohn oder Tochter nicht staatskonform verhalten, zieht das auch ihre eigene politische Loyalität in Zweifel. Der Feind, das kann eben auch der eigene Sohn sein.
Es braucht nicht viel, um als Stasi-Offizier vor der Entscheidung zwischen Kind und Karriere zu stehen. Viele entscheiden sich gegen ihre Kinder, verraten sie in vorauseilendem Gehorsam oft sogar noch bevor sie dienstlich Schwierigkeiten bekommen. Zeugnisse dieser Art finden sich in den Akten zu Hunderten; welche Dramen innerhalb der Familien dahinter stehen, lässt sich nur erahnen: „Aus einem Gespräch meiner Ehefrau mit meiner Tochter Ulrike wurde Folgendes bekannt“, beginnt zum Beispiel ein Oberst sein Schreiben an die nächsthöhere Dienststelle, um dann ausführlich den „Personenkreis“ zu schildern, mit dem Ulrike Umgang hat, darunter auch „Musiker“, die ein „illegales Jazzfest“ veranstaltet hätten.
In einem anderen Dokument versichert ein Hauptmann, sein Sohn sei „jetzt endgültig gewillt, ... sein zum Teil labiles Verhalten in allen Fragen grundlegend zu ändern. Ihm wurde ... bewusst, dass er seinen Bekanntenkreis, oben genannt, abbauen und lösen wird.“ Und ein Generalmajor meldet diensteifrig die illegale Ausreise seiner Tochter Grit: „Wir beide – auch meine Frau – verurteilen diesen Schritt des Verrats an unserem Staat.“ Die „Konsequenzen“ dieser Angelegenheit müsse er seiner Frau jedoch „schonend klarmachen, da es für uns nur eine endgültige Trennung oder für mich eine Entlassung aus dem MfS geben kann“.
Als Vera Lengsfeld sich in den Sohn des jugoslawischen Handelsattachés verliebt, ahnt sie nicht, dass diese Beziehung eigentlich für sie verboten ist. Eines Abends wird das junge Paar von der Volkspolizei aufgegriffen: Vera hat ihren Ausweis vergessen und muss mit aufs Revier. Nachdem dort auch die Identität ihres Vaters festgestellt wurde, bestehen die Beamten darauf, sie nach Hause zu bringen.
Es ist schon spät, Franz Lengsfeld öffnet die Tür im Schlafanzug. „Genosse Major“, sagt einer der Polizisten, „Ihre Tochter wurde mit einem kapitalistischen Element aufgegriffen.“ Diesmal würde man noch ein Auge zudrücken, wenn so etwas aber noch einmal vorkäme, hätte das Konsequenzen für ihn. Den Ausdruck im Gesicht ihres Vaters werde sie nie vergessen, sagt Vera Lengsfeld über vierzig Jahre danach: „Es war nackte Angst.“ Major Lengsfeld sagt nichts und stellt keine Fragen. Als die Polizisten gegangen sind, dreht er sich zu Vera um und schlägt zu. Hart und mit dem Zorn des erlittenen Schreckens. Bis sie das Bewusstsein verliert.
Die Prügel verzeiht sie ihm schon damals, so eindrücklich ist ihr die Angst des sonst so selbstbewussten Mannes. Politisch aber vertieft sich der Graben zwischen Vater und Tochter immer weiter und wird schließlich unüberwindlich, als Vera in die Friedensbewegung geht und eine der bekanntesten Bürgerrechtlerinnen der DDR wird.
Einige Jahre später aber kommen Franz Lengsfeld selber Zweifel am System – nicht zuletzt durch die Art, wie der Staat, an den er sein Leben lang geglaubt hat, mit seiner „kriminellen“ Tochter umgeht. „Ich habe große Hochachtung davor, dass er noch deutlich vor dem Mauerfall den Mut hatte, sich zu distanzieren und über die eigene Verantwortung nachzudenken“, sagt Vera Lengsfeld. „Im Sommer 1989 haben wir uns versöhnt.“ Über die Schwierigkeiten, die er ihretwegen hatte, seine Strafpensionierung, den Rauswurf aus der Wohnung in Lichtenberg, verliert er kein Wort. Vera erfährt von alledem erst viel später – aus ihrer eigenen Stasi-Akte.
Eine Versöhnung wie diese ist selten. In vielen Familien setzt sich das Schweigen auch nach dem Mauerfall fort, und die inzwischen erwachsenen Kinder bleiben mit ihren Fragen allein. Dabei ist es meist gar nicht die Stasi-Tätigkeit selbst, mit der sie hadern. Viel schmerzlicher ist, dass die Eltern ihnen ein wirkliches Gespräch verweigern. Viele bis heute.
Die öffentliche Debatte über die Stasi macht es den Töchtern und Söhnen der ehemaligen Hauptamtlichen zusätzlich schwer, sich zu ihrer Familie zu bekennen – vor allem dann, wenn sie zu DDR-Zeiten nicht mit ihr oder dem System in Konflikt geraten sind und auch heute noch loyal zu Vater und Mutter stehen. Das Brandmal Stasi tragen eben auch jene, die sich gar nicht selbst für diese Arbeit entschieden haben. Sippenhaft. Auch 23 Jahre nach dem Fall der Mauer.
Die Kinder von damals sind längst erwachsen, viele haben selber schon Kinder und Enkel. Das MfS ist seit über zwanzig Jahren Geschichte. Die Folgen seiner Eingriffe in die innersten familiären Beziehungen aber wirken bis heute nach.
* Bis auf Vera Lengsfeld wurden alle Namen geändert.
Ruth Hoffmann: „Stasi-Kinder. Aufwachsen im Überwachungsstaat“, erschienen bei Propyläen. 320 Seiten, 19,99 EUR.
Die TV-Dokumentation der Autorin und des Filmemacher Thomas Grimm „Stasikinder. Mein Vater war beim MfS“ ist auf DVD erschienen und kann unter www.zeitzeugen-tv.com bestellt werden.











2 Kommentare