Jump to Navigation
Startseite

Magazin im Mai: Nichts klappt, alle lieben sie: Das Geheimnis der verschlunzten Hauptstadt

Babel Berlin
  • Magazin
  • Mediathek
  • Literaturen
  • Service
  • Newsletter
  • Shop
  • Abo
  • Berliner Republik
  • Weltbühne
  • Kapital
  • Stil
  • Salon
  • Bücher
  • Themen der Zeit
  • Kolumnen
  • Blogs
  • Ressorts
  • Dossiers
  • Karikaturen
  • Suche

Suchformular


Mein Cicero


Sie sind hier: Startseite > Magazin
 > Die Folgen der DDR-Diktatur sind bis heute spürbar

Berliner Republik

Stasi-KinderDie Folgen der DDR-Diktatur sind bis heute spürbar

Von Ruth Hoffmann12. Mai 2012
picture alliance
DDR, Stasi-Kinder, SED, MFS, Lengsfeld
Die Folgen des SED-Regimes wirken bis heute nach
Schrift:
Seite 3 von 3

Vera Lengsfeld ist 17, als ihr durch Zufall der Dienstausweis ihres Vaters in die Hände fällt. Ein Schock, den sie mit niemandem zu teilen wagt, schon gar nicht mit den Eltern. „Meine Schwester und ich wurden so erzogen, dass wir keine Fragen stellen und mit dem zufrieden sein sollten, was man uns sagte“, erzählt die heute 60-Jährige.

Solange die Kinder klein sind, funktioniert das in den meisten Familien noch gut. Mit Beginn der Pubertät aber bekommt das System oft die ersten Risse: Die Jugendlichen fangen an, Fragen zu stellen, verlieben sich, hören Musik aus dem Westen, schwänzen die Mai-Demonstration oder weigern sich, am Wehrkundeunterricht teilzunehmen. Viele Väter reagieren darauf mit Verboten und Strafen, viele auch mit Gewalt. Denn wenn sich Sohn oder Tochter nicht staatskonform verhalten, zieht das auch ihre eigene politische Loyalität in Zweifel. Der Feind, das kann eben auch der eigene Sohn sein.

Es braucht nicht viel, um als Stasi-Offizier vor der Entscheidung zwischen Kind und Karriere zu stehen. Viele entscheiden sich gegen ihre Kinder, verraten sie in vorauseilendem Gehorsam oft sogar noch bevor sie dienstlich Schwierigkeiten bekommen. Zeugnisse dieser Art finden sich in den Akten zu Hunderten; welche Dramen innerhalb der Familien dahinter stehen, lässt sich nur erahnen: „Aus einem Gespräch meiner Ehefrau mit meiner Tochter Ulrike wurde Folgendes bekannt“, beginnt zum Beispiel ein Oberst sein Schreiben an die nächsthöhere Dienststelle, um dann ausführlich den „Personenkreis“ zu schildern, mit dem Ulrike Umgang hat, darunter auch „Musiker“, die ein „illegales Jazzfest“ veranstaltet hätten.

In einem anderen Dokument versichert ein Hauptmann, sein Sohn sei „jetzt endgültig gewillt, ... sein zum Teil labiles Verhalten in allen Fragen grundlegend zu ändern. Ihm wurde ... bewusst, dass er seinen Bekanntenkreis, oben genannt, abbauen und lösen wird.“ Und ein Generalmajor meldet diensteifrig die illegale Ausreise seiner Tochter Grit: „Wir beide – auch meine Frau – verurteilen diesen Schritt des Verrats an unserem Staat.“ Die „Konsequenzen“ dieser Angelegenheit müsse er seiner Frau jedoch „schonend klarmachen, da es für uns nur eine endgültige Trennung oder für mich eine Entlassung aus dem MfS geben kann“.

Als Vera Lengsfeld sich in den Sohn des jugoslawischen Handelsattachés verliebt, ahnt sie nicht, dass diese Beziehung eigentlich für sie verboten ist. Eines Abends wird das junge Paar von der Volkspolizei aufgegriffen: Vera hat ihren Ausweis vergessen und muss mit aufs Revier. Nachdem dort auch die Identität ihres Vaters festgestellt wurde, bestehen die Beamten darauf, sie nach Hause zu bringen.

Es ist schon spät, Franz Lengsfeld öffnet die Tür im Schlafanzug. „Genosse Major“, sagt einer der Polizisten, „Ihre Tochter wurde mit einem kapitalistischen Element aufgegriffen.“ Diesmal würde man noch ein Auge zudrücken, wenn so etwas aber noch einmal vorkäme, hätte das Konsequenzen für ihn. Den Ausdruck im Gesicht ihres Vaters werde sie nie vergessen, sagt Vera Lengsfeld über vierzig Jahre danach: „Es war nackte Angst.“ Major Lengsfeld sagt nichts und stellt keine Fragen. Als die Polizisten gegangen sind, dreht er sich zu Vera um und schlägt zu. Hart und mit dem Zorn des erlittenen Schreckens. Bis sie das Bewusstsein verliert.

Die Prügel verzeiht sie ihm schon damals, so eindrücklich ist ihr die Angst des sonst so selbstbewussten Mannes. Politisch aber vertieft sich der Graben zwischen Vater und Tochter immer weiter und wird schließlich unüberwindlich, als Vera in die Friedensbewegung geht und eine der bekanntesten Bürgerrechtlerinnen der DDR wird.

Einige Jahre später aber kommen Franz Lengsfeld selber Zweifel am System – nicht zuletzt durch die Art, wie der Staat, an den er sein Leben lang geglaubt hat, mit seiner „kriminellen“ Tochter umgeht. „Ich habe große Hochachtung davor, dass er noch deutlich vor dem Mauerfall den Mut hatte, sich zu distanzieren und über die eigene Verantwortung nachzudenken“, sagt Vera Lengsfeld. „Im Sommer 1989 haben wir uns versöhnt.“ Über die Schwierigkeiten, die er ihretwegen hatte, seine Strafpensionierung, den Rauswurf aus der Wohnung in Lichtenberg, verliert er kein Wort. Vera erfährt von alledem erst viel später – aus ihrer eigenen Stasi-Akte.

Eine Versöhnung wie diese ist selten. In vielen Familien setzt sich das Schweigen auch nach dem Mauerfall fort, und die inzwischen erwachsenen Kinder bleiben mit ihren Fragen allein. Dabei ist es meist gar nicht die Stasi-Tätigkeit selbst, mit der sie hadern. Viel schmerzlicher ist, dass die Eltern ihnen ein wirkliches Gespräch verweigern. Viele bis heute.

Die öffentliche Debatte über die Stasi macht es den Töchtern und Söhnen der ehemaligen Hauptamtlichen zusätzlich schwer, sich zu ihrer Familie zu bekennen – vor allem dann, wenn sie zu DDR-Zeiten nicht mit ihr oder dem System in Konflikt geraten sind und auch heute noch loyal zu Vater und Mutter stehen. Das Brandmal Stasi tragen eben auch jene, die sich gar nicht selbst für diese Arbeit entschieden haben. Sippenhaft. Auch 23 Jahre nach dem Fall der Mauer.

Die Kinder von damals sind längst erwachsen, viele haben selber schon Kinder und Enkel. Das MfS ist seit über zwanzig Jahren Geschichte. Die Folgen seiner Eingriffe in die innersten familiären Beziehungen aber wirken bis heute nach.

 

* Bis auf Vera Lengsfeld wurden alle Namen geändert.

 

Ruth Hoffmann: „Stasi-Kinder. Aufwachsen im Überwachungsstaat“, erschienen bei Propyläen. 320 Seiten, 19,99 EUR.

Die TV-Dokumentation der Autorin und des Filmemacher Thomas Grimm „Stasikinder. Mein Vater war beim MfS“ ist auf DVD erschienen und kann unter www.zeitzeugen-tv.com bestellt werden.

  • « vorherige Seite
  • 1
  • 2
  • 3
Twitter
drucken
merken
in mein Dossier
versenden

zum Ressort
Zu diesem Artikel gibt es
2 Kommentare
Diese Artikel könnten
Sie auch interessieren:

Mein Barbie-Moment
Femen-Frauen aufgepasst!
von
18.05.2013
Angela Merkel
Mutti kratzt die Reformkommunistin nicht
von
14.05.2013
Polit-Astrologie
Die Not der Merkel-Versteher
von
14.05.2013
Krimis fürs Frühjahr
Mord ist die Fortsetzung der Politik ...
von
02.05.2013
Sommer 1989
In Zeiten des Umbruchs
von
22.04.2013

Twitter
zum Ressort
Diese Artikeln könnten Sie auch interessieren:

Mein Barbie-Moment
Femen-Frauen aufgepasst!
von
18.05.2013
Angela Merkel
Mutti kratzt die Reformkommunistin nicht
von
14.05.2013
Polit-Astrologie
Die Not der Merkel-Versteher
von
14.05.2013
Krimis fürs Frühjahr
Mord ist die Fortsetzung der Politik ...
von
02.05.2013
Sommer 1989
In Zeiten des Umbruchs
von
22.04.2013

 
Zu Dossier hinzufügen:
  • Europa
  • Kommentare
  • Detuschland
  • Jochen Thies, Was Hitler wirklich wollte
  • Goetz
  • Goetz
  • afrika
  • afrika
  • Syrien
  • Euro krise
  • familienpolitik
  • familienpolitik
  • familienpolitik
  • familienpolitik
  • familienpolitik
  • filosofia
  • Offenen Demokratie
  • LINKE
  • Vorbereitung_Wahlen
  • Cicero
  • Politik
  • Politik
  • Wirtschaft
  • Grüne
  • Wahlen in D
  • Atomenergie
  • Terror
  • Lesenswert
  • Serina
  • _Wj
  • Papstreise 2011 Deutschland
  • Kapitalismus
  • Kapitalismus
  • Piraten
  • Grüne
  • Grüne
  • Grüne
  • Leben
  • haha
  • Migration
  • Generation 2.0
  • Kunst
  • Kunst aA
  • Kunst
  • EURO
  • Russland
  • Steuerpolitik
  • Internet-Kultur
  • Wulf
  • Wulf
  • Parteien
  • Parteien
  • Parteien
  • Finanzkrise und Staatsschulden
  • Gesellschaftspolitik
  • Gesellschaftspolitik
  • Gesellschaftspolitik
  • kindle
  • kindle
  • Rechtsradikalismus
  • USA
  • Religion und Tradition
  • Architektur & Bauen
  • Architektur & Bauen
  • Architektur & Bauen
  • Architektur & Bauen
  • Parteien
  • Kirche
  • Grass
  • Linke
  • Linke
  • Linke
  • Linke
  • Netz
  • Politik, Gesellschaft ...
  • Politik, Gesellschaft ...
  • Politik, Gesellschaft ...
  • politik
  • Tourismus
  • Moral
  • Urheberrecht
  • favs
  • Digitalisierung
  • A Nachlesen
  • A Nachlesen
  • internet
  • Film
  • Literatur
  • Literatur
  • NH
  • Polemik
  • Praktische Philosophie
  • diethart
  • Steinbrück
  • Bildung & Schule
  • Bildung & Schule
  • Bildung & Schule
  • Mark Twain
  • Mark Twain
  • Mark Twain
  • MILANKO
  • Entwicklungspolitik
  • Gunter Hofmann
  • dudelfunk
  • pit
  • Material-SK
  • Steuern
  • Antisemitismus
  • Intellektuelle
  • Türkei
  • Jan von Alen
  • Autoren
  • Autoren
  • Autoren
  • Doppelte Staatsbürgerschaft
  • Test
  • Hyperkorrekte
  • Stasi
  • Fernsehen Qualität
  • Kretschmer
  • Kretschmann
  • Politik
  • Pressegleichschaltung
  • NSU
  • gender
  • gender
Neues Dossier anlegen:

Stasi

Stasi und kein Ende! Die Stasi war die mieseste Erfindung der DDR, um die Meinungsfreiheit zu unterbinden. Es war selbst in der Wissenschaft nicht erlaubt, nach Untersuchungen auch nur den geringsten Verdacht auf Probleme in der DDR zu äußeren. Aber auch im privaten Bereich war man nicht sicher. Wir bekamen einmal ein neues Telefon geliefert, was wir nicht bestellt hatten. Es hatte eine neue Telefonnummer und die Frage nach dem "Warum?" wurde nicht beantwortet. Wir hegten eine schlimmen Verdacht, es war mit einer "Wanze" bestückt, die ich endlich nach der Wende entferenen konnte.

  • Antworten
Otmar Schütze13.05.2012 | 09:23 Uhr

Toller Artikel, dilettantisches Titelbild

Liebes Cicero-Team,

der Artikel ist extrem interessant und sehr aufschlussreich. Diese weitverzweigten, familienzerüttenden Machenschaften des MfS machen es ewig Gestrigen und anderen DDR-Nostalgikern und Ex-Stasi-Leuten (meist fallen diese Kategorien zusammen) noch schwerer den Unrechtsstaat schön zu reden.
Leider hat ihre Bildagentur (Picture Alliance) eine dilettantisch gemachte Datei geliefert, die eine belgische Flagge mit DDR-Wappen zeigt. Ist das noch keinem aufgefallen? Die Farbreihenfolge ist schlicht falsch. Peinlich...

  • Antworten
Arno Trültzsch15.05.2012 | 14:04 Uhr

Ihr Kommentar zu diesem Artikel

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
Bildergalerie

Erste Figuren, letzte Ideen – die Karikaturen der Woche

zur Bildergalerie
Anzeige

Marie Amrhein

Sonntagskolumne: Mein Sozialstaat

Angie, gib' die Wohnung frei

Deutschland ächzt unter akutem Wohnungsnotstand

In Deutschland herrscht akuter Wohnungsmangel. So zumindest wirkt es für die Menschen in den Ballungsräumen der Republik. Und dabei geht es nicht nur um den schönen Altbau mit Balkon im Prenzlauer Berg, Mitte oder Kreuzkölln


DAS NEUESTE AUS DEN BLOGS VON CICERO ONLINE

Bild des Benutzers Christian Jakubetz - unhipster
Ruhe bitte, wir arbeiten gerade!

Netzgemeinde? Digitaler Graben, gesellschaftliche Kluft? Unfug - tatsächlich handelt es sich…

zum Blogeintrag

Frage des Tages

Klone der Schöpfung
In Kooperation mit dem Tagesspiegel
zur Frage

Thema der Woche

150 Jahre SPD: Vom Fürstenfeind zur Kaviarlinken
zum Dossier
Sollte die Bundeswehr Drohnen kaufen?
Das Cicero-Meinungsbild

Das Verteidigungsministerium will unbemannte Flugkörper kaufen. Ist das ethisch zu vertreten?

Umfrage
Die Türkei muss in die EU, fordert Gerhard Schröder im Cicero. Hat er Recht?
Ja, ein Beitritt ist dringend nötig, um die Region zu stabilisieren
15%
Nein, die EU wäre heillos überfordert
85%
Gesamtstimmen: 729
zur Umfrage
Medizin, Gesundheitssystem, krank
Dossier

Wie krank ist unser Gesundheitssystem?

zum Dossier

Dossier

Nordkorea zündelt

zum Dossier

Mittelstand,Mittelschickt,Bürgertum,Internetstore AG
Dossier

Mythos Mittelstand

zum Dossier

Anzeige
Anzeige

Video

„Deutschland wird nicht mehr zu den G8 gehören“

Video
alle Videos
Anzeige

Jetzt den Newsletter von Cicero Online abonnieren

Liebe Leserinnen und Leser. Gerne informieren wir Sie regelmäßig über das aktuelle Angebot von Cicero Online. Bitte tragen Sie ihre E-Mail-Adresse ein und wir schicken ihnen montags bis freitags unseren täglichen Newsletter.

E-Mail*
Anrede
Vorname
Nachname

Anzeige

Weitere Angebote des Ringier Verlags: Monopol – Magazin für Kunst und Leben | Geschenkidee.de – Der Shop für ausgefallene Geschenkideen
© Cicero 2013
  • Impressum
  • Nutzungsbedingungen
  • AGB
  • Stellenangebote

Weitere Angebote des Ringier Verlags: Monopol – Magazin für Kunst und Leben | Geschenkidee.de – Der Shop für ausgefallene Geschenkideen
© Cicero 2013
 
RESSORTS
Startseite
Berliner Republik
Weltbühne
Kapital
Stil
Salon
Bücher
Karikaturen
Bildergalerien
Videos
Blogs
Dossiers
Newsletter
 
  • Datenschutz
  • Impressum
  • Redaktion
© Cicero Online 2013zum Seitenanfang