Die falsche Solidarität - Was ist aus der antiklerikalen Tradition der Linken geworden?

Kolumne: Zwischen den Zeilen. Nach dem Attentat auf die linke Satirezeitung Charlie Hebdo tun sich Linke in ganz Europa schwer, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die Linke muss ihre Einstellung zum politischen Islam ändern und zu ihren säkularen Wurzeln zurückkehren

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Timo Stein lebt und schreibt in Berlin. Er war von 2011 bis 2016 Redakteur bei Cicero.

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Irgendwo hatte ich gelesen, dass Religion wie ein Penis sei: Du hast ihn, darfst ihn anfassen und ja, du darfst auch stolz auf ihn sein. Aber bitte hol’ ihn nicht ständig in der Öffentlichkeit raus. Mindestens genauso schlimm aber wie der Wettlauf um die richtige und einzige Wahrheit ist die Haltung vieler Linker und Mittelinkssozialisierter, die bei der Beurteilung des Weltgeschehens eine entscheidende Variabel schlichtweg aus ihrer Gleichung streichen: nämlich die Wurst, den Penis. Die Religion.

Islamistisch motivierten Attentaten werden dann gängige Ursachen wie Armut und fehlende Bildung zugrunde gelegt, die Morde werden als Reaktion Unterdrückter auf einen unterdrückenden Westen marginalisiert. Das eigentliche Gift des Islamismus, die dahinterstehende Ideologie, der totale Herrschaftsanspruch und Antisemitismus, das reaktionäre Frauenbild werden ausgeblendet und verharmlost.

Dabei hätten unmittelbar nach dem Attentat auf die Satirezeitschrift Linke genügend Grund und Anlass, sich zu positionieren und sich ohne Wenn und Aber mit Charlie Hebdo zu solidarisieren. Denn mit dem Anschlag auf ein linkes Blatt hat die extremistische Ideologie des politischen Islams endgültig die Linke erreicht.

Viel zu oft aber folgten schmallippige Verurteilungen des Terrors. Oft allgemein gehalten und zugleich um eine große historische Einordnung bemüht. Lieber wurde ein geschichtlicher Bogen gespannt, erklärt, warum der Westen daran nicht unschuldig sei. Die häufigsten Schlagworte: Bush, Obama, Nato, Nethanjahu, Israel. Schließlich die Warnungen vor einem Zuviel an Sicherheit, das jetzt die Freiheit bedrohen könnte. Richtig. Doch viele Linke und Linksliberale haben den zweiten vor dem ersten Schritt gemacht. Das hat einen Grund: Die Linke hat die Gefahr des politischen Islam, aus Angst davor, mit den falschen Wölfen zu heulen, zu lange ignoriert.

Es folgte: Die historische Ausholbewegung zur falschen Zeit und an den falschen Stellen. Dann, wenn eigentlich Schweigen und Solidarität mit den unmittelbaren Opfern angebracht wäre. Und dort, wo es mehr Grautöne braucht, als dem Westen einen unterdrückten Rest gegenüber zu stellen. Denn: Den Westen gibt es genauso wenig wie den Islam.

Auch: Den Westen immer an den Anfang der Kausalitätskette von Ursache und Wirkung zu stellen, degradiert den dazu gedachten Nichtwesten (in diesem Fall die muslimische Welt) zum permanenten Opfer. Es müsste doch im Sinne einer emanzipatorischen Linken sein, solch eine Opferrhetorik zu durchbrechen.

Überhaupt: Bei der Partei in Deutschland, die für sich beansprucht für Linke im Allgemeinen zu sprechen - was anmaßend genug ist -, findet sich nicht einmal eine offizielle Presseerklärung zu den Anschlägen vom 7 Januar.  

Auch Gregor Gysi griff bei seiner Rede im Bundestag nach kurzer Beileidsbekundung sehr schnell zum großen Pinsel, verfiel zügig in alte Muster traditioneller Welterklärungsmodelle. Und landete nach kurzer Verurteilung bei Nato, USA und ökonomischen Interessen.

Was ist eigentlich aus der antiklerikalen Tradition der Linken geworden?

Linke hatten zu lange Angst vor Missverständnissen: Gerade weil die Grenze zwischen Rassismus und Religionskritik derzeit so oft überschritten wird. Daher ist umso wichtiger, zu zeigen, dass es ein Unterschied ist, ob man eine Person kritisiert oder deren religiöse oder ideologische Vorstellungen. Hier Rassismus zu unterstellen hieße, diese Vorstellungen seien angeborene und unveränderbare Merkmale.

Wenn die Linke aber weiterhin so selten trennt zwischen Islam und Muslim, dann begeht sie eben jenen Fehler der rechten Pegidaisten und deren Sympathisanten, die diese Unterscheidung gerade nicht treffen, wenn sie bestimmte Eigenschaften bei DEN Muslimen verorten und ein Kollektiv kreieren, um die Eingegrenzten dann in Sippenhaftung zu nehmen.

Es wäre eigentlich Aufgabe der Linken, diese Differenzierung oft und laut zu wiederholen und die unterschiedlichen Motivationen hinter den unterschiedlichen Absendern von Islamkritik immer wieder auseinanderzuhalten. Stattdessen folgt viel zu oft die einfache und bequeme und undifferenzierte Solidarität mit den Falschen. Wenn Linke aber so selten in der Lage sind, zwischen Rassismus und Kritik an fundamentalistischer Religionsauslegung zu unterscheiden, fallen sie damit den vielen Muslimen in den Rücken, die den religiösen Fanatismus aufs Schärfste verurteilen. Gerade die dürfen in ihrem Kampf gegen religiöse Identitätspolitiken nicht länger allein gelassen werden.

Wie wäre es einmal mit einem Schulterschluss mit den säkularen, demokratischen Kräften in Iran, in den Palästinensergebieten, mit einer klaren Distanz zu Islamisten und anderen Despoten, statt Hamas oder den iranischen Präsidenten Ḥasan Rūḥānī  ewiges Verständnis entgegenzubringen.

In den USA wird darüber gerade breit debattiert. Auch in der Französischen Linken ändert sich was: Nein, die Gesellschaft sei nicht schuld daran, dass junge Franzosen mit Einwanderungshintergrund ihre islamistischen Gewaltphantasien auslebten, mahnte der frühere Redaktionsleiter von Charlie Hebdo Philippe Val. Er forderte eine neue Aufrichtigkeit.

Mit einer solchen könnte an einer entscheidenden Stelle begonnen werden. Beim viel zitierten Satz: Das habe nichts mit dem Islam zu tun. Streichen wir diesen Satz. Und machen es uns schwerer. Gerade dieses Eingeständnis, dass es eben doch einen Zusammenhang zwischen Religion und Gewalt gibt, kann eine Befreiung für viele Muslime sein. Denn er behinhaltet gleichzeitig, dass natürlich auch die Kreuzzüge und das Christentum in Zusammenhang gehören. Und zeigt auf, dass sich Religionen davon freimachen können. Wenn sie – auf säkularem Druck hin – ihre politischen Ansprüche ablegen. Und zuhause bleiben. Im Privaten.

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