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Berliner Republik

Merkel und GauckDie Demokratie-Lehrlinge

Von Frank A. Meyer16. April 2012
picture alliance
Joachim Gauck, Angela Merkel, Demokratie, Frank A Meyer, Occupy Bewegung
Gauck, Merkel und die marktkonforme Demokratie. Ein kritischer Blick ist vonnöten.
Schrift:

Merkel und Gauck zeigen ein irritierendes Verständnis vom bürgerlichen Staat. Ist es denkbar, dass die leidvollen Erfahrungen in der DDR Merkel und Gauck zu einem unscharfen Staatsbild verführt haben? Ein Kommentar

Seite 1 von 2

Wenn eine Aussage zu einer zweiten Aussage gehört, muss man beide zitieren. Hier zunächst die erste Aussage von Angela Merkel: „Eins ist klar: Gauck wird’s nicht.“ Und nun die zweite: „Ein wahrer Demokratielehrer“ sei Joachim Gauck.
Gestern pfui, heute hui – so lassen sich diese zwei Sätze interpretieren. Auf den ersten Blick. Auf den zweiten sieht’s anders aus: Mag die Kanzlerin auch nichts für die Person Gauck übrig haben, wie es ihr Widerwille gegen seine Wahl zum Bundespräsidenten deutlich macht – mit dem Ideologen Gauck herrscht Übereinstimmung.

„Mit dem Ideologen“? Bei dieser Wortwahl klappert die Schere im Kopf, zuckt der Finger schon über die Löschtaste. Mit Kritik am endlich gefundenen großen Geist von Schloss Bellevue macht man sich rasch der „lèse-majesté“ verdächtig.
Joachim Gaucks Freiheitspathos lässt keine Zweifel zu – wie ja Freiheitspathos in Deutschland ganz grundsätzlich über jeden Zweifel erhaben ist, lebten und litten die Deutschen doch allzu lang unter verschiedensten Formen von Unfreiheit – Joachim Gauck rund 50 Jahre seines Lebens. Wer will, wer darf da mäkeln?

Dennoch sei die hochheikle Frage erlaubt: Ist Leben in Unfreiheit und Leiden an der Unterdrückung schon hinreichender Befähigungsnachweis zum „Demokratielehrer“?

Freilich, ein Pastor, der in der DDR gegen Unfreiheit predigte und aufbegehrte, versteht viel von Unfreiheit – auch wenn er seine Opposition in der relativ geschützten Werkstatt der Kirche betrieb. Auf jeden Fall versteht Joachim Gauck mehr von Unfreiheit als ein westdeutscher Bundesbürger nach 60 Jahren im Freiraum des Grundgesetzes. Und natürlich versteht er noch viel mehr als ein von jahrhundertelanger Freiheitstradition behüteter Schweizer Journalist.
Was Unfreiheit betrifft, ist Joachim Gauck fürwahr ein wichtiger Lehrer; in seinem neuen Amt dürfte er sogar einer der wichtigsten werden.

Aber lernt man in der Diktatur auch die Freiheit kennen? Man lernt sie lieben. Von ganzem Herzen. Und doch: Erfahren, sinnlich erfahren lässt sich die Freiheit nur in der Freiheit.
Also verfügen viele westdeutsche Bundesbürger und auch freiheitsbehütete Schweizer Journalisten – je nach Alter – über längere Erfahrung mit der Freiheit als ehemalige DDR-Bürger.

Man darf sogar getrost behaupten: Die westdeutsche Bürgerschaft ist eine freiheitsbewährte Bürgerschaft. Sie hat Freiheit gelernt im Auf und Ab politisch bewegter Zeiten, in denen immer wieder die Frage nach der Freiheit auf der Tagesordnung stand: Adenauers Restauration und Westintegration, die Wiederbewaffnung ebenso wie die Spiegel-Affäre, Willy Brandts Ostpolitik, die Revolte der 68er, heute die Machtanmaßung der Märkte – und in den 60 Jahren Demokratie immer und immer wieder die Auseinandersetzung mit Deutschlands dunkler Vergangenheit.

Die Auseinandersetzung mit der Freiheit in der Freiheit war nichts Pathetisches, sondern Aufbruch, Orientierung, auch mal Verirrung freier Bürger, also demokratischer Alltag, also einfach nur Demokratie-Arbeit im Weinberg der Freiheit.

Benötigt der Weinberg dringend einen höchsten „Demokratielehrer“? Was steckt hinter dem Begriff, mit dem Merkel den Mann in aller Eile salbte, den sie nur Stunden zuvor auf gar keinen Fall zum Bundespräsidenten gewählt sehen wollte?

Was meint die Kanzlerin überhaupt mit Demokratie? Kürzlich war sie selber hilfreich bei der Klärung dieser Frage, als sie ihren Wunsch nach einer „marktkonformen Demokratie“ zum Ausdruck brachte.

Eine knappere Formel für ein monumentales Missverständnis ist kaum vorstellbar: Die Demokratie soll sich nach den Märkten richten – die gerade dabei sind, die Demokratie nachhaltig zu beschädigen.

Angela Merkels Formel war kein Versprecher. Schon am 18. Januar 2005 lobte sie in der Financial Times Friedrich August von Hayek (1899 bis 1992), den wohl größten Propheten mächtiger Märkte: Er habe „die geistigen Grundlagen der freiheitlichen Gesellschaft im Kampf gegen staatlichen Interventionismus und Diktatur herausgearbeitet“.

Wie aber hält es von Hayek, der offensichtlich zu Merkels Freiheits- und Demokratielehrern zählt, mit der Demokratie? Sie ist für den neoliberalen Meisterdenker „ein durch das Erpressungs- und Korruptionssystem der Politik hervorgebrachtes System“ – nichts als ein „Wortfetisch“.

Angela Merkels „marktkonforme Demokratie“ – Allmacht der Märkte?

Für von Hayek ist deshalb auch das demokratische Prinzip „one man, one vote“ ein Ärgernis: „Es kann vernünftigerweise argumentiert werden, dass den Idealen der Demokratie besser gedient wäre, wenn alle Staatsangestellten oder alle Empfänger von öffentlichen Unterstützungen vom Wahlrecht ausgeschlossen wären.“

Kein Wahlrecht für Beamte, Hartz-IV-Bedürftige und Rentner: Wer hat, der soll auch das Sagen haben – von Hayeks Demokratie-Utopie.

Die Bundeskanzlerin pries in ihrer Eloge auf den Demokratieverächter auch dessen Aktualität: „In der Globalisierungsdebatte sind seine Ideen hochaktuell.“

Leider: Der global entfesselte Finanzkapitalismus drängt die demokratisch legitimierte Staatsmacht seit der ersten Finanzkrise 2008 immer weiter in die Defensive. Die Kanzlerin hetzt von Gipfel zu Gipfel, um das Feuer zu löschen, das Brandstifter im Geiste von Hayeks entfacht haben.

Warum Gaucks Urteil über die Occupy-Bewegung falsch ist

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Die Demokratie-Lehrlinge

Sie haben sicher Recht mit ihren Ausführungen und damit, dass Merkel und Gauck nicht über die Erfahrung jener verfügen, die schon ihr ganzes Leben in Freiheit und Demokratie verbrachten. Allerdings wissen Merkel und Gauck ganz genau, was Unfreiheit und Diktatur bedeuten, weil sie beides persönlich erlebten. Das Erfahren der Abwesenheit von Freiheit und Demokratie macht das Vorhandensein von Freiheit und Demokratie umso wertvoller, sollte es zumindestens. Diese Erfahrungen zu vermitteln und mit jenen der "Altbundesbürger" zu verbinden, darin sollte man eine große Chance erkennen können. Ich denke, da gibt es für beide Seiten genügend Wissenswertes zu erfahren. So können Beide voneinander lernen und so kann Gauck auch Kraft Amtes (inkl. vorangegangener Ämter) ein herausragender Vermittler demokratischer Werte sein. Die Bezeichnung "Demokratielerer" halte ich allerdings für etwas zu pathetisch, denn Demokratie lernt man im Umgang miteinander und nicht im Frontalunterricht. Demokratie heißt schließlich nicht, dem anderen vorzuschreiben, was er denken und wie er handeln soll. Das z.B. scheint vielen heutzutage nicht mehr bewusst, einem Gauck jedoch schon.

  • Antworten
Dirk Bley17.04.2012 | 18:26 Uhr

Dass Merkel

antidemokratisch ist, ist keine neue Erkenntnis. Ihr ans diktatorische grenzende autoritäres Verhalten in allen wichtigen Entscheidungen etwa zur Eurokrisenkette sei nur eines von vielen Beispielen.

Und Gauck, je nu. Ein gegenüber jedem Regime geschmeidiger Pfarrer, dem die Legende des Widerstandskämpfers angebastelt wurde. Ich halte ihn für einen Roßtäsucher, halte daher nichts von ihm, hielt ich nie, aber wen interessiert das schon.

  • Antworten
VerySeriousSam17.04.2012 | 22:33 Uhr

Märkte sind fundamental opportunistisch...

...denn sie bestehen aus den interessegeleiteten Entscheidungen vieler wirtschaftlich handelnder Akteure. Für so etwas wurde vor ein paar Jahren der Begriff "Schwarmintelligenz" geprägt. Demokratien folgen ähnlichen Gesetzen. Nur dass die Gewichte ungleich verteilt sind. In der Demokratie hat jede Wählerstimme gleiches Gewicht. In der Wirtschaft sind die Möglichkeiten asymmetrisch verteilt. Dennoch sind die meisten Wähler gleichzeitig auch Wirtschaftssubjekte. Insofern ist es kein "monumentales Missverständnis", eine Politik zu verlangen, die so agiert, dass sie mit der Funktionsweise wirtschaftlicher Märkte harmoniert.

Menschen, die das Elend eines markt- und privatkapitalfeindlichen Systems von innen kennengelernt haben, sind besonders sensibel, wenn die Geisteswissenschaften studiert habenden Reicheleutekinder, die nichts anderes kennen, den Kapitalismus, dem sie wirtschaftlichen Wohlstand und materielle Freiheit verdanken, als Gegenspieler der Demokratie verächtlich machen. Jede Demokratie, die solide wirtschaftet, ist vor dem Misstrauen der Märkte sicher. Jede Demokratie, die über ihre Verhältnisse lebt, setzt diejenigen Marktteilnehmer in Angst und Schrecken, die ihr Geld dorthin verliehen haben. Das, was von Seiten der Staaten wie Erpressung durch die Märkte aussieht, ist von Seiten des Anlegers oft die pure Verzweiflung angesichts von Verlustängsten. Die besondere Pointe: als Vorsorger für das eigene Alter ist die große Mehrheit der Menschen zugleich Anleger UND als künftige Rentenempfänger Versorgungsempfänger öffentlicher Wohltaten. Daher kann wirklich nur eine Marktkonforme Demokratie funktionieren - auch wenn das dem einen oder anderen Demokratietheoretiker ehrenrührig klingen mag.

  • Antworten
Karl Schade17.04.2012 | 22:54 Uhr

Ja - es ist so richtig!

Es fehlt halt die "allgemeine Grundausbildung" in Demokratie, d.h. die in vielen Jahren in einer Demokratie erworbenen Selbstverständlichkeiten, deren Fehlen man oftens (leider) feststellen muss.

Nichtsdestotrotz bin ich mit beiden mehr oder weniger zufrieden!

  • Antworten
Konrad B.18.04.2012 | 10:11 Uhr

Zauberlehrling oder ein Wahnsinniger ?

Mensch Meyer,
manchmal ging mir Ihre napoleonische Art auf den Wecker, dieses Vorurteil lasse ich sofort fallen.
Bei Herrn BP Gauck sagt mir mehr als nur mein Bauchgefühl, der geht auch für falsche Ideen rücksichtslos durch die Decke.
(Vereinigte Staaten von Europa, will der einen Staatsstreich von oben organisieren – oder?).
Frau Dr. Merkel ist klug – Hauptsache sie bleibt standhaft. ( siehe: Küchenpsychologie in der Newsweek)
Bis neulich
Ihr Uwe E. Mertens

  • Antworten
Uwe E. Mertens18.04.2012 | 17:39 Uhr

Nun, ich bin auch in DDR

Nun, ich bin auch in DDR aufgewachsen, und habe dennoch viel Verständnis von Demokratie, vor Allem aber von Humanität. Ich bin weder ein Befürworter noch Verächter verschiedener Religionen, und vorrangig glaube ich, dass jeder Mensch intelligent ist, auf irgendeine Art und Weise.
Frau Merkel empfinde ich als eiskalte Kalkulatorin mit demselben vordemokratischen Demokratieverständnis, welches ich bereits bei Herrn Kohl vermutete. Herr Gauck kann ich leider sehr schwer einschätzen, aber auf jeden Fall hat er ein Amt inne, bei dem er nicht viel Entscheidungsgewalt hat, und dennoch ist auch er ein großer Befürworter der vereinigten Staaten von Europa, und diese sind in meinen Augen eine Diktatur aus Brüssel.

  • Antworten
Nanuu7321.07.2012 | 19:03 Uhr

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