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 > Die Analog-Parteien und der Populismus der Piraten

Berliner Republik

Stammtisch InternetDie Analog-Parteien und der Populismus der Piraten

Von Frank A. Meyer11. Mai 2012
picture alliance
Parteien, Piraten, Deutschland, Politik
Das Netz scheint harmlos - bis es sich entlädt
Schrift:

Die Anhänger der Piratenpartei erklären, die neue Truppe aus Enttäuschung über andere Parteien zu wählen. Doch in der Demokratie geht es genau darum: Um die Verhinderung der Selbsttäuschung des Bürgers. Korrupt, faul, abgehoben? Von wegen! Wir sollten den Parteien dankbar sein

Seite 1 von 2

Welche Freude, welcher Stolz! Der Bundespräsident ist erkoren. „Überparteilich“. Von den Parteien explizit gelobt dafür, dass er nicht einer der ihren sei, ihnen entrückt vielmehr, deshalb von exquisiter Qualität – einer wie keiner, weil keiner von uns!

Welcher Sieg, welcher Triumph! Die Parteien der ersten funktionierenden deutschen Demokratie verpassen sich einen Vormund.

Ach ja, die deutschen Parteien! Geschmäht seit Jahren, durch Medien und Bürger gleichermaßen: Sie seien sich zu ähnlich, sie könnten sich nicht einigen, sie täten sowieso, was sie wollen, was in den Wählerumfragen Prozente bringt, sie schmissen sich an den Bürger heran, sie seien zu weit vom Bürger entfernt, sie hörten nur auf die Wirtschaft, sie hörten nicht auf die Wirtschaft – was immer sie auch tun, ist falsch, faul und fatal.

[gallery:Von SMS-Merkel bis Flashmob-Horst – Politik trifft Moderne]

Parteienschelte, Parteienverdrossenheit, Parteiendämmerung.

Mit der Bundespräsidentenwahl erhoben die Parteien ihre Zweifel an der eigenen Rolle zur Staatsräson: durch Distanzierung von sich selbst. Und schufen damit ein gefühltes Machtvakuum – wunderbar verlockend für Machtanmaßung aller Art.

Jens Weidmann, eben noch Zögling und Zudiener der Kanzlerin, jetzt Präsident der Deutschen Bundesbank, ergriff die Gelegenheit beim Schopf und kritisierte sogleich die Haushaltspläne der Bundesregierung: „Hier wurde die Chance verpasst, positive Überraschungen zum zügigeren Defizitabbau zu nutzen.“ So redet ein Schulmeister: „Merkel – mangelhaft, setzen!“

Neben „Demokratielehrer“ Gauck nun auch noch „Haushaltslehrer“ Weidmann.

Die Richter in Karlsruhe komplettieren die Reihe der überparteilichen Aufpasser. Akribisch zerpflücken die Verfassungspauker ein Vorhaben der Regierung nach dem anderen, man möchte meinen: akribischer denn je. Mit dem großartigen Gestus der Unparteiischen verkünden sie ihre Richtersprüche über der Parteien tollpatschiges Tun.

Die Hüter des Grundgesetzes blicken von oben herab auf das geschäftige Gewusel des politischen Alltags. In ihren roten Roben und Baretten bilden sie die letzte Instanz der Republik, ihr Präsident Andreas Voßkuhle wird gegenwärtig gern als „mächtigster Mann im Staat“ apostrophiert.

Was hingegen vermögen da noch die Parteien? Zwar sind sie zuständig für die Kür ihrer Lehrmeister und Kritiker im Olymp von Schloss Bellevue, Bundesbank und Verfassungsgericht. Doch wahrgenommen werden sie als Verwalter der politischen Niederung, pausenlos um Gesetze und Verordnungen bemüht, die den Bürgern das Leben noch mühsamer machen.

Kein gordischer Knoten, der von den Parteien kühn durchschlagen würde. Auch das Aufdröseln gelingt ihnen kaum. Helden haben sie keine vorzuweisen. Jeglicher Glamour fehlt. Nur hartnäckige Handwerker sind da zu besichtigen, die sich beflissen abrackern. Wessen Bürgers Herz mag freudig höher schlagen ob solcher Trübsal?

Lesen Sie auf der nächsten Seite über politische Gruppenbildung und parteiloses Gehetze im Netz   

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Hervorragend geschrieben! Ich habe schon lange keinen so pointierten Artikel mehr gelesen.

  • Antworten
Tobias Kroemer11.05.2012 | 13:06 Uhr

Gut gebrüllt, Löwe! Aber auch richtig?

Alle Achtung! Dass einmal ein Schweizer Journalist die deutsche Parteienlandschaft derart energisch in Schutz nehmen würde, hätte ich nicht erwartet.

Die Machbarkeitsargumentation wiegt sehr schwer. Auch in einer Liquid Democracy würde sich nur das Mögliche politisch umsetzen lassen. Wer das Unmögliche versucht, scheitert wie das Sowjetreich oder die Eurozone.

Warum allerdings ein Schweizer uns Deutschen die direkte Demokratie nicht gönnt, verstehe ich nicht. Nur weil die Piraten, die sich ihre Umsetzung auf die Fahnen geschrieben haben, teilweise politisch unreif sind? Waren das die ersten Sozialdemokraten im 19. Jahrhundert und die ersten Grünen um 1980 nicht auch? Reife kommt mit Erfahrung. Und die muss man erst mal sammeln, auch mit der Liquid Democracy. Zunächst innerhalb der Piratenpartei und irgendwann, wenn die Mehrheit das will, auch im Staat.

  • Antworten
Karl Schade11.05.2012 | 13:11 Uhr

Eingenartiger Bezug zur Piratenpartei

a) Google, Facebook, Yahoo etc. halten viele Softwarepatente. Die Reform solcher Patente würde diese Firmen massiv schädigen.

b) Die Piratenpartei setzt sich für Datenschutz ein - nicht für das Gegenteil.

c) Die Piratenpartei hat absolut gar nichts mit der Hetzjagd im Emden zu tun.

Lernen Sie bitte Faktenrecherche.

  • Antworten
Ralf11.05.2012 | 16:37 Uhr

Falschaussagen über Falschaussagen

Ein Beispiel:

"Wie neulich in Emden, wo ein 17-jähriger Berufsschüler durchs Facebook gehetzt wurde, weil er angeblich ein Kind missbraucht und getötet hatte. Vor dem Untersuchungsgefängnis forderten die Nerds: „Holt ihn raus, er gehört an die Wand und erschossen.“ Der Junge war unschuldig."

Das waren nicht die Nerds, das war der Bildzeitungspöbel.

  • Antworten
Christian Möllering11.05.2012 | 17:00 Uhr

Die Analog-Parteien und der Populismus der Piraten

Glückwunsch zu diesem realistischen Beitrag. Natürlich können die Piraten das Politik-Geschäft noch irgendwann erlernen. Aber Einrichtung und Bau von Kitas, Schulen, Straßen, Wohn- und Industriegebieten können nicht auf diese Evolution warten. Das muss hier, heute und jetzt beschlossen und umgesetzt werden!

  • Antworten
Gerd Nothhaft12.05.2012 | 01:07 Uhr

Piraten

Die Piraten in Zusammenhang mit den Facebook-Deppen von Emden in Zusammenhang zu bringen ist schon ziemlich infam (Stil Weltwoche).

  • Antworten
Johannes Diestelmann13.05.2012 | 10:12 Uhr

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