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Berliner Republik

PiratenparteiDie Alt-Parteien verstehen die Piraten nicht

Von Manfred Güllner12. April 2012
picture alliance
Piratenpartei, Konrad-Adenauer-Stiftung, Manfred Güllner
Schrift:

Die Reaktionen der etablierten Parteien auf das Phänomen „Piratenpartei“ zeugen nicht selten von Unverständnis und Ahnungslosigkeit. Oft schätzen Vertreter der „Alt-Parteien“ die Ursache des Erfolgs der Piraten falsch ein. Denn: Mit „ein bisschen mehr Internet“ ist es nicht getan

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Die Piraten sind in zwei Landtagen – Berlin und Saarland – vertreten und haben alle Chancen, auch bei den bevorstehenden Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen die 5-Prozent-Hürde zu überwinden. Und auch bundesweit sind die Piraten im Aufwind: Im jüngsten Stern-RTL-Wahltrend liegen sie mit 13 Prozent weit vor der Linkspartei und sogar vor den Grünen, die nach ihrem Höhenflug im letzten Jahr wieder auf ihr Stimmen-Niveau bei der Bundestagswahl 2009 geschrumpft sind.

Doch wie reagieren die anderen Parteien auf die Piraten, die sich – nach den Grünen Anfang der 1980er Jahre und der Linkspartei nach der Wiedervereinigung – als weitere Partei neben Union, SPD und FDP (wenn sie denn wieder aus ihrem gegenwärtigen Stimmungstief herausfindet) im Parteienspektrum zu etablieren scheinen?

Bildergalerie: Die Piratenpartei. Ein Landgang auf Bewährung
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Wie so oft schätzen viele Vertreter der „Alt-Parteien“ die Ursache des Erfolgs der Piraten falsch ein. So werden die Piraten (wie z.B. vom grünen Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann) als eine Gruppe „Internet-Affiner“ abgetan. Doch wäre das so, bräuchten die etablierten Parteien nur einige Internet-Kurse zu absolvieren, um durch besseren Gebrauch des Netzes den Piraten wieder ihre Wähler und Sympathisanten abzujagen. In Wirklichkeit aber sind die vielen, die derzeit mit den Piraten sympathisieren, keinesfalls nur „Internet-Verrückte“. Die Affinität zum Netz ist z.B. bei den meist den oberen Bildungsschichten entstammenden Anhängern der Grünen genauso hoch wie bei den Piraten. Nur mit einer intensiveren Nutzung der Möglichkeiten des Internets im politischen Alltag werden also die „Alt-Parteien“ kein Vertrauen bei den Wählern zurückgewinnen können.

Ein besonders krasses Beispiel einer Fehleinschätzung des Erfolgs der Piratenpartei lieferte jüngst der „Think-Tank“ der CDU, die Konrad-Adenauer-Stiftung. In ihrem aktuellen „Parteienmonitor“ („Politik aus Notwehr – Die Piratenpartei im Aufwind. Zur aktuellen Lage der Partei: Personen, Positionen, Perspektiven“) werden die großen Sympathien vieler Bürger für die Piraten in erster Linie darauf zurückgeführt, dass es den Piraten gelänge „mit ihren Gesichtern zu punkten“. Seitenlang werden dann die vier Personen in allen möglichen Facetten beschrieben, die nach Meinung der Konrad-Adenauer-Stiftung das „Erscheinungsbild“ der Piraten „dominieren“ (Martin Delius, Gerwald Claus-Brunner, Marina Weisband, Christopher Lauer). Da ist vom „Pirat der leisen Töne“, vom „Fundamentalpiraten“, vom „guten Aussehen“ oder gar von einem „Joschka Fischer der Piraten“ (wörtlich: „innen nicht Minister, dafür noch ziemlich grün hinter den Ohren“) die Rede.

Doch große Zweifel sind angebracht, ob diese behauptete Dominanz von Personen überhaupt zutrifft oder auch nur annähernd den Zulauf zu den Piraten erklären kann; denn die Piraten werden derzeit ja nicht deshalb gewählt oder präferiert, weil ihre Repräsentanten bekannt sind. Die Sympathien der Piraten beruhen in erster Linie darauf, dass sich bei vielen Bürgern in den letzten Jahren so viel Unmut über die Art und Weise aufgestaut hat, wie viele politische Akteure Politik machen, dass sie sich vor allem von den beiden „großen“ Parteien CDU und SPD abwenden, in immer größerer Zahl nicht mehr zu Wahlen gehen und sich jetzt einer neuen politischen Gruppierung, den Piraten, zuwenden.

Seite zwei: Piratenpartei und die krasse Fehleinschätzungen des Zeitgeistes

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Die repräsentative Demokratie untergräbt ihre Grundlagen...

...wenn die Abgeordneten sich von dem Mandat ihrer Wähler lösen. Sie denken, ihre Stammwähler hätten sie sicher und bedienen dann die Interessen derjenigen, die sie neu gewinnen wollen. Oder sie gönnen sich eine weltpolitische Mission, für die sie niemand gewählt hat. Was herauskommt, ist dann das Gegenteil des Wahlprogramms: liberale Ordnungspolitik (Agenda 2010, Rente mit 67) bei den Sozialdemokraten, internationale Kriegführung bei rot-grün, grüne Politik (Atomausstieg, Abschaffung der Wehrpflicht) bei der CDU und Ersatz von Ordnungspolitik und Demokratie durch Geldentwertung und Bürokratie in der Eurozone bei der schwarz-gelben Koalition.

Wen oder was soll ich künftig wählen, wenn meine Repräsentanten seit 15 Jahren immer häufiger das Gegenteil von dem tun, wofür sie meine Stimme bekommen haben? Dann wähle ich doch lieber die Piraten und setze darauf, dass eine Liquid Democracy besser geeignet sein könnte, meinen politischen Willen in Entscheidungen einfließen zu lassen.

Wenn die Repräsentanten in der repräsentativen Demokratie immer weniger von dem tun, wofür sie von denjenigen, die sie repräsentieren sollen, beauftragt wurden, gibt es drei Alternativen:

1. die Errichtung einer meritokratischen Technokratie fernöstlicher Prägung,

2. die Errichtung einer direkten Demokratie Schweizer Prägung mit Hilfe zeitgemäßer technischer Möglichkeiten (Liquid Democracy),

3. die Rückbesinnung der Altparteien auf programmatischen Kern und Wählerauftrag.

Mir scheint, die Bundeskanzlerin hat das erkannt und strebt eine Kombination von 1.(für wichtige Fragen wie die mit der Eurozone zusammenhängenden) mit 2. (für unwichtige, aber öffentlichkeitswirksame Fragen wie Stuttgart21, vielleicht auch bald die Legalisierung von Cannabis) an. Wenn sie damit durchkommt - und ihre Beliebtheitswerte sprechen dafür - wird Deutschland eine meritokratische Technokratie mit demokratischer Folklore. Wem diese Perspektive nicht gefällt, für den zeigen derzeit die Piraten einen möglichen Weg aus der Misere auf. Sie müssen nur aufpassen, dass sie sich nicht irgendwann in die Sackgasse der demokratischen Folklore manövrieren. Vielleicht entfalten sie ihre Hauptwirkung auch indirekt, indem sie die Altparteien zur Rückbesinnung auf ihre Stärken bringen (3.). Es bleibt jedenfalls spannend, wie sich unser politisches System nach dem absehbaren Zusammenbruch der derzeit auf den Höhepunkt zutreibenden Staatsschulden-Schneeballsysteme (Eurorettung und Umlagenrente als größte) neu sortieren wird.

  • Antworten
Karl Schade12.04.2012 | 13:03 Uhr

Rückbesinnung?

Rückbesinnung ist DAS Stichwort. Denn eines ist ganz bestimmt bei den gewählten Vertretern verloren gegangen: das Verantwortungsbewusstsein für die Gemeinschaft, die sie mehrheitlich gewählt hat, und die sie bezahlt. Politiker, Gewerkschafter und Medienvertreter fühlen sich doch heute bereits eher ihrer Utopie eines europäischen Einheitsstaates verpflichtet als den Interessen ihrer Wähler. Da diese zwei Ziele zwangsläufig konkurrieren müssen, dürfte im Grunde kein Parlamentarier gleichzeitig Mitglied der europäischen Gliederung seiner Partei sein. Richtungweisende Entscheidungen, wie z.B. die Verlagerung von Souveränität müssten ausdrücklich, und zwar unter Nennung von Gründen und Folgen dem Souverän zur Entscheidung vorgelegt werden.

  • Antworten
Peter Goetz12.04.2012 | 16:56 Uhr

Das wird nicht pssieren

Wer das höhnische Statement der Regierung zur Klageandrohung gegen den ESM/ESC und die anderen 40 nächsten "Rettungsschirme" hört, wer das permanente Vorenthalten einfachster Verfassungsgrundsätze gegenüber dem zu 48% direkt gewählten Parlament sieht, der weiß: Von der Rück-besinnung bleibt nur das Rück. Rücksichtslos und völlig skruppelos arbeiten , im Grundgesetz unbekannte, "Fraktions-Apparatschicks" daran dem "Parlament" auch noch die letzten Reste verfassungsmäßiger Rechte weg zu nehmen. Der Fraktionsnötigungszwang wird , ohne Debatte im Parlament, einzelnen Parlamentariern jeden abweichenden Redebeitrag zu verbieten. Ein "Fraktionsermächtigungsgesetz".

  • Antworten
Blind Eye13.04.2012 | 12:28 Uhr

"Kein Meinungsforscher macht

"Kein Meinungsforscher macht so viele Schlagzeilen wie der Mann von Forsa. Seine Ergebnisse sind für Journalisten immer ein Geschenk, weil sie aufregender, spektakulärer sind als die Umfragen anderer Institute, weil sie fast immer Sensationen verheißen." schrieb gestern Michael Spreng auf www.sprengsatz.de. Herr Güllner schreibt offenbar hier vor allem in eigener Sache.

  • Antworten
J. Biemann13.04.2012 | 12:24 Uhr

GÜLLNER:"...Die Sympathien

GÜLLNER:"...Die Sympathien der Piraten beruhen in erster Linie darauf, dass sich bei vielen Bürgern in den letzten Jahren so viel Unmut über die Art und Weise aufgestaut hat, wie viele politische Akteure Politik machen......Doch dass dieser Unmut der Grund für die großen Sympathien der Piraten ist, leugnet die Konrad-Adenauer-Stiftung:...."

Es geht also nur um die "Art und Weise", wie Politik gemacht wird, nicht um Inhalte.

Wie Politk durch die Piraten gemacht wird, kann man ja jetzt sehr deutlich am Beispiel der NAZI-Vergleiche feststellen.

Also: Philipp Jenninger - ehemals Bundestagspräsident - hätte nach seiner unsäglichen Rede nicht zurücktreten sollen, sondern einfach sagen sollen, dass es ihm leid tut und er an diesem Tag schlecht drauf gewesen sei! Auf keinen Fall zurücktreten - völliger Quatsch!

Diese Art und Weise muss bekämpft werden - überall und 24h am Tag!

  • Antworten
dr.friedrich schreyer24.04.2012 | 09:48 Uhr

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