Suchte man für eine Talkshow den idealen Kontrapunkt zu Claudia Roth, es wäre Olaf Scholz. Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagfraktion zählt zu den wenigen Sozialdemokraten, die für Führungsaufgaben in der Zukunft infrage kommen
"Der schwitzt nicht“, hat ein Fernsehmoderator einmal über Olaf Scholz gesagt. Das trifft. Der Mann aus Hamburg-Altona verströmt kühle Höflichkeit, Distanz, Kontrolle. Er antwortet stets geschliffen, unangreifbar – wie der Scholzomat eben. Es verwundert nicht, dass der heute 48-Jährige sich nach der Schule für die Juristerei entschied. Nicht nur, dass er schon als Klassen- und Schulsprecher gern als Anwalt für die Interessen anderer kämpfte. Das klar Strukturierte, das Rationale entspricht seinem Wesen eher als alles Exaltierte oder die große Emotion. Suchte man für eine Talkshow den idealen Kontrapunkt zu Claudia Roth, es wäre Olaf Scholz.
Als der von seiner Erscheinung her eher unauffällige Politiker unlängst als potenzieller Nachfolger für Justizministerin Brigitte Zypries gehandelt wurde, überraschte das nicht. Auch wenn diese Personalie schnell wieder dementiert wurde: Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagfraktion zählt zu den wenigen Sozialdemokraten, die für Führungsaufgaben in der Zukunft infrage kommen. Dass er unter Gerhard Schröder als Generalsekretär der Partei nicht reüssierte, ist abgehakt. Zum einen, weil wohl jeder an der Aufgabe gescheitert wäre, einer Partei, die mit dem Reformprogramm ihres Kanzlers haderte, Wahlniederlage nach Wahlniederlage zu erklären und gleichzeitig noch beliebt zu sein. Zum anderen, weil die Partei begriffen hat, dass sie in Scholz nicht den Schießhund, den Polarisierer finden kann, den dieses Amt braucht. Sie schätzt ihn mittlerweile für seine Ordnung im Kopf, für sein Managementtalent.
Dieses hat er als Organisator der Fraktionsarbeit seit Beginn der Großen Koalition unter Beweis gestellt. Peter Struck überlässt ihm viel von der schwierigen Überzeugungsarbeit zur Bildung ansehnlicher Mehrheiten. Keine einfache Aufgabe in Zeiten wachsender Verunsicherung in einer Fraktion, die sich immer häufiger fragt, ob sie diese Regierung überhaupt noch wollen soll. In einer Partei, die rätselt, auf wen sie in Zukunft zählen kann? Wer wird neben Kurt Beck stehen, den man als Kanzlerkandidat als gesetzt ansieht? Franz Müntefering und Peter Struck haben die Hochzeiten ihrer politischen Laufbahn hinter sich. Frank Walter Steinmeier büßte durch den Fall Kurnaz sein Hoffnungsträger-Image zumindest vorläufig ein. Aus den Ländern drängt sich ebenfalls niemand auf. Mag Klaus Wowereit auch noch so viele Ambitionen haben, seine Arbeit prädestiniert nicht für Höheres. Also richten sich die Hoffnungen auf Männer wie Siegmar Gabriel, den Umweltminister. Er könnte für den Job des Fraktionschefs in Frage kommen. Oder eben Olaf Scholz, der Sohn aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Natürlich traut man ihm auch ein Ministeramt zu. Er beherrscht nun einmal das Polit-Geschäft. Das Taktieren, Strippenziehen und Organisieren von Mehrheiten hat er bereits in den achtziger Jahren als stellvertretender Bundesvorsitzender der Jusos gelernt.
Der Weg zur SPD war für ihn selbstverständlich. Er habe schon immer für mehr Gerechtigkeit in dieser Gesellschaft arbeiten wollen, übt er sich ein wenig in Pathos. Eine andere Partei kam dafür nicht infrage, war er nach der Lektüre aller Grundsatzprogramme sicher. Im Übrigen waren da der Willy-Brandt-Mythos und der Respekt vor der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt.
Bei seiner Arbeit im Bundestag pflegt Scholz, der gern wandert, die hanseatisch charmante Art. Doch auch wenn er unaufgeregt agiert, verfolgt er hartnäckig seine Ziele. Dafür kämpft er – mal schlitzohrig, mal mit harten Bandagen, im Notfall auch mit dem einen oder anderen nicht ganz so feinen Trick. Die Union weiß, dass sich mit ihm das Koalitionsboot gut steuern lässt, solange die Richtung aus SPD-Sicht stimmt. Andernfalls zeigt er sich als der harte Brocken, an dem sich CDU und CSU zu Oppositionszeiten bereits die Zähne ausbissen. Als Obmann im Visa-Untersuchungsausschuss trug Scholz mit Überraschungsangriffen und Vorschlägen zu ungewöhnlichen Verfahrensabläufen maßgeblich dazu bei, den damaligen Außenminister Joschka Fischer aus der Schusslinie zu bugsieren.
Politisch einzuordnen ist er nur schwer. Positiv werten lässt sich das mit der These, dass die Aufteilung in Flügel ohnehin zur Vergangenheit der Parteipolitik gehöre. Es kann aber auch als Ausdruck eines rein reaktiven Politikstils verstanden werden. Scholz gehört zu den Machern im Parlament. Gibt es ein Problem, suchen sie eine Lösung. Polit-Pragmatismus eben statt Vision. Seiner Arbeit allerdings geht er mit einem ausgeprägten Respekt vor seinen Wählern nach. Der in der Hauptstadt häufig verbreiteten Meinung vom eher desinteressierten Publikum „draußen im Lande“ kann Scholz nichts abgewinnen. Er ist überzeugt, dass er seinen Wahlkreis zweimal direkt gewonnen hat, weil er kontinuierlich vor Ort die Auseinandersetzung sucht. Das verschaffte Bodenhaftung und Sicherheit. Hinzu kommt eine berufliche Unabhängigkeit. Wenn er wollte, er könnte morgen wieder an seinem Schreibtisch in seiner Hamburger Kanzlei sitzen – wie schon mehr als zehn Jahre lang, bevor er 1998 erstmals in den Bundestag einzog.
Doch eben weil er zu den Talenten zählt, wird er weiter in der Politik mitmischen. Allerdings in Berlin. Dass er nicht als Spitzenmann der Hamburger SPD gegen Ole von Beust antritt, liegt auch daran, dass seine Frau Britta Ernst, die er seit mehr als zwanzig Jahren kennt, in der Hansestadt SPD-Politik macht. Und in einem ist sich Scholz sicher: Ein Politiker-Ehepaar auf einer politischen Ebene hätte in Deutschland keine Chance.










