Das Gutachten zur Doktorarbeit von Annette Schavan wurde an die Medien weitergegeben und die Heinrich-Heine-Universität von einem Medienansturm erfasst. Über den Versuch, ein verfahrenes Prozedere professionell zu Ende zu bringen
Ein Freizeichen, dann springt direkt der Anrufbeantworter an. Das Büro von Professor Stefan Rohrbacher sei derzeit nicht besetzt, bekommt man zu hören. Seit Montagmorgen ist das so. Alle Welt möchte diesen Professor für Jüdische Studien sprechen, der in seiner Funktion als Gutachter die Doktorarbeit der Wissenschaftsministerin Annette Schavan untersucht hat und zum Schluss kam: Es liegt eine vorsätzliche Täuschungsabsicht vor.
In der Pressestelle: Zunächst keine Stellungnahme. Die Universität Düsseldorf ist vollkommen überfordert. Nicht das Gutachten selbst hat zu diesem medialen Ansturm auf die Hochschule geführt, sondern die Tatsache, dass es lange vor Erscheinen an die Medien weiter gegeben wurde.
Am Sonntag erscheint es zunächst in einem Artikel des Spiegel, am Montagmorgen in der Süddeutschen Zeitung. Die Ministerin ist erzürnt – vor allem über das Verfahren. Bevor die Wissenschaftsministerin zu den Anschuldigungen Stellung beziehen konnte, bevor der zuständige Promotionsausschuss zu einem Urteil kommen konnte, bevor man sich auf die Folgen einstellen konnte, ist bekannt geworden, dass sich Rohrbacher sehr deutlich für ein Aberkennen ihres Doktortitels stark gemacht hat.
Annette Schavan will sich wehren. Am Montag äußert sie sich direkt gegenüber der Südwestpresse: „Ich werde zu den Vorwürfen gegenüber der Universität Stellung beziehen.“ Die Anschuldigungen träfen sie „im Kern“. Den Schuldigen für die Misere haben die Leitartikel zu diesem Zeitpunkt längst gefunden: Die Universität ist mit dem Bericht schlampig umgegangen, ein Unding, dass er seinen Weg so früh in die Medien fand. CDU-Fraktionsvorsitzender Volker Kauder sieht „schwere Verfahrensfehler.“
Im Rektorat der Hochschule finden Krisensitzungen statt. Das Prüfungsverfahren scheint komplett aus dem Ruder geraten. Ein Sprecher der Uni weist diesen Vorwurf selbstverständlich „entschieden“ zurück. Dienstagmittag stellt die Universität Strafanzeige gegen Unbekannt. Vorwurf: Weitergabe vertraulicher Informationen. Annette Schavan scheint bereits diskreditiert – vor allem kann sie nichts tun. Dabei war alles ganz anders geplant.
Vor fünf Monaten setzte sich der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät zusammen. Er ist ein Organ des Fakultätsrats. Erst ein Mal zuvor musste das Gremium eine Doktorarbeit prüfen. Ihm gehören sieben Mitglieder an und ebenso viele Stellvertreter: Drei Professoren, drei wissenschaftliche Mitglieder und ein Student. Professor Stefan Rohrbacher, Prodekan der Fakultät, sollte das Gutachten zur Doktorarbeit erstellen. Er hat einen untadeligen Ruf, gilt als akribisch, ist in einem Nischenfach aufgestiegen.
Annette Schavan hatte um eine zweite Prüfung ihrer Promotionsschrift gebeten, nachdem Unbekannte von Schavanplag der Ministerin vorwarfen, in ihrer Promotion seien „eindeutige Plagiate“ enthalten. Zuversichtlich wollte sie die Prüfung abwarten – und sich vorher nicht äußern zu den Vorwürfen. Die Namen der Ausschussmitglieder blieben zunächst unter Verschluss. Die Uni wollte daraus kein öffentliches Spektakel machen, möglichst still die Anschuldigungen klären und abschließend zu einem Urteil kommen: Entweder bekannt geben, dass der Doktortitel bestehen bleibt oder ihn aberkennen.
Seitdem hat sich der Ausschuss, wie aus dessen Umfeld zu erfahren ist, in regelmäßigen Abständen getroffen. Immer wieder informierte Professor Stefan Rohrbacher die Mitglieder über den Stand der Prüfung. Sie sollten auch selbst Schavans Arbeit lesen.











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