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Berliner Republik

Jürgen TrittinDer Gauck-Erfinder und seine Machtpläne

Von Christoph Seils27. Februar 2012
picture alliance
Jürgen Trittin, Grüne, gauck
Jürgen Trittin: die Basis auf schwarz-grün vorbereiten
Schrift:

Jürgen Trittin hat den Kandidaten Gauck erfunden und ist der strategische Kopf der Grünen. 2013 will der Fraktionschef seine Partei wieder in die Regierung führen. Aber er ist zugleich der Einzige, der seine Partei auch in ein schwarz-grünes Bündnis führen kann

Seite 1 von 2

Der Erfolg hat viele Väter. Das ist in Sachen Joachim Gauck, dem designierten Bundespräsidenten, nicht anders. Seit sich vor acht Tagen eine Fünf-Parteien-Koalition darauf verständigt hat, den 72-jährigen Pfarrer und ehemaligen DDR-Bürgerrechtler als Präsidentschaftskandidaten zu nominieren und seit diese Entscheidung von einer Mehrheit der Deutschen bejubelt wird, wollen es alle gewesen sein. Die SPD feiert Gauck als ihren Kandidaten und der FDP-Vorsitzende Philipp Rösler kann vor Kraft kaum noch gehen, seit er die Kanzlerin bei der Kandidatenkür vorgeführt hat.

Dabei darf sich vor allem ein Politiker rühmen, der Gauck-Erfinder zu sein: Jürgen Trittin. Der Fraktionsvorsitzenden der Grünen lieferte mit der Nominierung von Gauck sein machtpolitisches Meisterstück ab. Auch wenn es zwei Jahre dauerte, bis sich dieses voll entfalten konnte. Trittin genießt die Rolle des Präsidentenmachers, und er lässt keinen Zweifel daran, dass die Wahl von Joachim Gauck zum Bundespräsidenten ein grüner Meilenstein auf dem Weg zur Macht sein soll. 2013 will Trittin wieder Minister werden.

Natürlich haben sich auch bei den Grünen in den letzten Tagen manche gemeldet, die Jürgen Trittin den Titel Gauck-Erfinder neiden. Sie wollen im April 2010 zumindest parteiintern dessen Namen zuerst genannt haben. Aber zweifelsohne war Trittin derjenige, der sofort die gewaltige politische Sprengkraft des Vorschlags erkannt hatte. Er war es zudem, der diesen anrief und für die zunächst aussichtslos erscheinenden Kandidatur gegen den Regierungskandidaten Christian Wulff gewann.

Anschließend überzeugte Trittin auch den SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel von seiner Idee. Zu guter Letzt räumte er Widerstände an der grünen Basis aus dem Weg. Wohl wissend, dass Gauck politisch nicht besonders gut zu SPD und Grünen passt und dieser auch im bürgerlichen Lager viele Anhänger hat. Das Kalkül ging auf.

Verglichen mit dem politischen Sturm, der Union und FDP derzeit um die Ohren bläst, war die Präsidentenwahl im Mai 2012 zwar nur ein laues Lüftchen. Aber es war trotzdem die Ouvertüre. Die Personalie Gauck bringt die schwarz-gelbe Bundesregierung in ernsthafte Bedrängnis und wirbelt die politischen Verhältnisse im Lande kräftig durcheinander. Ohne die breite öffentliche Unterstützung, die Gauck damals mobilisieren konnte und ohne den dritten Wahlgang, in den er Wulff schließlich zwingen konnte, hätte dieser jetzt keine zweite Chance bekommen. Ohne Trittin würde Gauck jetzt nicht Präsidentschaftskandidat.

Hinzu kommt, dass die Grünen und ihr Kandidat auch nach dem zweiten Rücktritt eines Bundespräsidenten innerhalb von zwei Jahren besser vorbereitet waren als andere Parteien. Schon im Dezember hatten sie Kontakt zu Gauck aufgenommen. Zu jenem Zeitpunkt ging die CDU noch davon aus, Wulff sei zu halten und die SPD stritt darüber, ob es nach einem Rücktritt des Bundespräsidenten nicht besser Neuwahlen geben solle. Trittin und Co. hingegen vergewisserten sich, ob ihr Kandidat gegebenenfalls ein zweites Mal zur Verfügung stünde.

Seite 2: Während der grüne Außenminister everybody‘s Darling war, war Trittin everybody‘s Prügelknabe

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Rein mathematisch würde es gehen,

die Grage ist nur wann die politischen Gemeinsamkeiten aufgebraucht wären. Inzwischen ist die CDU ja immer für eine Überraschung gut. Was planen die Grünen eigentlich programmatisch für die nächste Legislaturperiode. Irgendwie leben wir in einer Periode politischer Ambiguität. Anything goes und der SPD würde es wahrscheinlich gut tun, obwohl Steinbrück sicher ein geeigneter Nachfolger für Schäuble wäre und Steinmeyer ein guter Außenminister war. Das Kabinett steht doch bereits.

  • Antworten
Christoph Kuhlmann27.02.2012 | 13:28 Uhr

Der Erfinder des politischen Kunstlichts

Die Abfärbetheorie ist zwar eine Rechtsfigur aus dem Unternehmenssteuerrecht. Sie ist jedoch in ihrer logischen Struktur auch ohne viel Fantasie auf politische Strategiespielchen übertragbar. Im Moment wendet sie Star-Grinser und Oberschenkelklatscher Trittin auf Joachim Gauck an.

Und das geht so: Man erfinde einen Glorienschein, stelle eine eitle Person wie Joachim Gauck hinein und erhöhe ständig dessen Leuchtkraft. Verteidige Joachim Gauck bei jeder denkbaren Gelegenheit fast reflexartig wie eine italienische Mama als sei Gauck der Messias Deutschlands. Trete aus seinem eigenen Schatten heraus und stelle sich in das von ihm geschaffene Kunstlicht. So haben beide etwa davon.

  • Antworten
Heinz Pelzer27.02.2012 | 16:45 Uhr

Welche vier Parteien

Welche vier Parteien konkurrieren im politisch linken Lager? Ich kenne eigentlich nur eine Partei, die man als links bezeichnen kann.

SPD und Grüne haben sich von linken Positionen schon vor langer und für lange Zeit verabschiedet. Und die Piraten könnten alsbald in vielen Positionen die FDP ersetzen.

Herr Seils, mit Verlaub, haben Sie die letzten Jahre verschlafen, oder meinen Sie gar noch, dass sich die Union sozialdemokratisiert hat?

  • Antworten
pengertz27.02.2012 | 17:58 Uhr

Historische Aufgabe der Grünen

Nach Lage der Dinge, (verlorene Kanzermehrheit in der Griechenlandfrage & verlorene Hegemonie der Union in der Präsidentenfrage & etc.) tritt die entscheidende Frage jetzt überdeutlich in den Vordergrund: wer bewerkstelligt die Versöhnung der Union mit ihren eigenen Kindern, den Grünen?
Ein Plan, den Geissler, Biedenkopf und andere aus der Union schon seit Jahren fingern aber innerhalb der Union zu keinem Zeitpunkt mehrheitsfähig machen konnten.
Auf der Seite der Grünen kommt gegenwärtig Kretschmer in BAWÜ diese historische Aufgabe zu. Wenn jedoch Kretschmer das nicht schafft - und gegenwärtig spricht sehr wenig dafür, dass die Grünen in BAWÜ diese Aufgabe klar erkennen - bleibt möglicherweise nur noch Trittin.

Soll daher die Auflösung der jetzigen Koalition nicht im Nirwana einer großen Koalition enden, scheint diese Versöhnung der Union mit den Grünen die einzige Möglichkeit zu sein, den Modernisierungsprozeß des Bürgerblocks zu beschleunigen und unumkehrbar zu machen.
(Die Versöhnung der Grünen mit Sozialdemokratie hatte Joschka Fischer durch das Auschwitz-Argument, welches die Zustimmung der Grünen zur Beteiligung am Afghanistankrieg ermöglichte, erreicht. Insoweit muss den Grünen in BAWÜ zumindest konzidiert werden, dass es historisch nicht gerade glücklich gelaufen ist, wenn die Frage der Aussöhnung mit dem Bürgerblock sich ausgerechnet an der Modernisierung eines Bahnhofs kristallisiert.)

Erst wenn jedoch diese Aufgabe von den Grünen gemeistert ist, wird sich der politisch historische Grund für die Grünen erledigen, die Partei sich successive auflösen können und den Blick auf die,
dem kapitalistischen System innewohnende Frage nach der bewußten Gestaltung des Gesamtreproduktionsprozesses der Gesellschaft wieder freigeben.

  • Antworten
Helmer S. Friedegg27.02.2012 | 23:55 Uhr

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